Das Lamm, 1920, 39

Ist dieses kleine Bild so einfach zu verstehen? Die figürlichen Elemente sind gemäß der christlichen Ikonografie nicht schwer zu entschlüsseln: Das Lamm mit dem Kreuz hinter dem Kopf ist das „Lamm Gottes“, also Jesus, der Erlöser. Durch sein geopfertes Blut wird die Welt von Schuld und Sünde erlöst. Das Lamm ist eingebettet in ein wie ein herabhängendes Tuch verzogenes Feld.

Wagen wir einen Gedankensprung, so sind wir bei der seit dem Mittelalter bekannten Darstellung des Schweißtuches der heiligen Veronica, welches angeblich ein „wahres“ Bild von Jesus Christus zeigt. Klees Darstellung ist eine moderne Version dieser tradierten Themen. Zwei Jahre nach Ende des bis dahin blutigsten Kriegs aller Zeiten mitten unter kunstsinnigen Völkern kommentiert Klee das Geschehen auf seine Weise. Er verschmilzt das Lamm mit der Streifenschichtung der Landschaft: Das Lamm ist da und zugleich nicht.
Ist der symbolisierte Opfertod gerechtfertigt oder nicht? Ungewöhnlich an dem Bild ist neben der inhaltlichen Komplexität die Komposition aus schwingenden Farbbändern. Klee der musikalisch hochgebildet war, könnte hier die Polyphonie der Fuge ins Visuelle übertragen haben. Das Gemälde folgt damit einer künstlerischen Eigengesetzlichkeit, mit der sich der Künstler zeit seines Lebens beschäftigte.


Öl und Federzeichnung auf Pappe
31,5 × 40,7 cm
Inv.-Nr. 2104

Digitale Sammlung