Die Woge, 1869

Ist dieses Bild zeitlos? Es scheint so. Wir sehen nur Wolken und Meer, keine Spur von einem Menschen und nichts, was einen Rückschluss auf die Epoche geben würde. Für die zeitgenössischen Betrachter war dieses Bild aber trotzdem ein „Bild ihrer Zeit“. Warum? Gemalt hat es Courbet 1869 in einem kleinen Fischerdorf in der Normandie, wo er ein Atelier direkt an der felsigen Küste hatte. Das Motiv fesselte ihn so sehr, dass er in wenigen Jahren rund sechzig solcher Brandungsbilder schuf, die einander zum Teil verblüffend ähnlich sind.

Die Version, die Sie hier sehen, gehört zu den Gemälden, die uns Courbets Kampf gegen die Wirklichkeitsferne der traditionellen Malerei besonders scharf spüren lassen. Er weigert sich, das Meer als friedliche oder erhabene Idylle zu beschönigen. Der Bildausschnitt ist eher beliebig als klassisch komponiert, der Farbauftrag grob. Gezeigt wird der Anblick einer stürmisch tosenden, bedrohlich wuchtigen Welle. Das Meer so unbezwingbar dargestellt zu sehen, beunruhigte viele Zeitgenossen. Sie spürten, dass damit mehr gemeint sein könnte, da das Bild gegen eine Ordnung verstieß. Auch wenn wir es heute nicht mehr erkennen können: Die offizielle Pariser Kunstkritik sah in Courbets Woge tatsächlich einen Appell zur Auflehnung gegen Napoleon III.


Öl auf Leinwand
63 × 91,5 cm
Inv.-Nr. 1433
Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Digitale Sammlung

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