Le Stryge, um 1930

Le Stryge („Der Vampir“) ist einer der Wasserspeier der Kathedrale von Notre Dame in Paris. Der Name geht zurück auf eine berühmte Zeichnung von Charles Méryon. Er sah in diesem Wesen eine Verkörperung der Luxuria, also der Lust und Verschwendungssucht. Brassaï fertigte das Foto auf einer seiner vielen nächtlichen Exkursionen durch Paris an, die in sein Buch „Paris bei Nacht“ (1932) eingingen, welches ihn schlagartig zu einem bekannten Fotografen machte. Dieses Foto nimmt in der Publikation einen besonderen Platz ein: Als erste Abbildung ist es der bedeutungsvolle „opening shot“, der den Schauplatz in der Totalen zeigt. Der Blick geht hinüber zu St. Jacques, davor erkennt man die Polizeipräfektur.

Es beeindruckt, wie Brassaï Emotion und Aussage aus dem gewinnt, was unsichtbar bleibt. Denn weder der mittelalterliche Dämon noch das glitzernde Nachtleben sind wirklich sichtbar. Stattdessen scheint aus dem nebligen Lichtermeer die „Seele“ der modernen Großstadt herauf, eine Welt der eleganten Vergnügungen und Lüste, der ungestillten Sehnsüchte und der Prostitution. Wie in fast allen seinen Paris-Fotos erkennt man auch hier die bewusste Bildgestaltung des studierten Malers, der atmosphärische Dichte mit formaler Prägnanz verband und manche seiner Fotos wie ein Regisseur inszenierte.

© Brassaï (Gyula Halász)


Silbergelatine-Abzug auf Barytpapier
17,1 × 23 cm
Inv.-Nr. St. F. 73
Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Digitale Sammlung