Mrs. Herbert Duckworth, 1867

Julia Margaret Cameron zählt zu den Pionieren der künstlerischen Fotografie. Dabei war sie bereits 48 Jahre alt und das Fotografieren noch eine umständliche Tätigkeit, als sie 1863 zum ersten Mal eine Kamera in den Händen hielt. Umso bemerkenswerter ist, dass sie von Anfang an mit großer Bestimmtheit und Experimentierlust eigene Vorstellungen verfolgte – und zwar sowohl was das Geschehen vor der Kamera als auch was den Umgang mit der Kameratechnik anging.

Beispielsweise erntete sie viel Expertenkritik, als sie als Erste bewusst Unschärfe als Stilmittel einsetzte. Bei ihren Porträts war sie besonders an der natürlichen Ausstrahlung des Gesichts interessiert. Sie verzichtete daher häufig auf theatralische Hintergründe, Schmuck oder aufwendige Kleidung. Die hier Porträtierte ist die Nichte Camerons, die spätere Mutter von Virginia Woolf. Cameron lässt die junge Frau ihr Gesicht so gen Licht wenden, dass die dem Objektiv zugewandte Seite im Schatten liegt. Die verträumte Kopfhaltung erinnert an Bilder der Präraffaeliten. Zugleich wirkt das Ergebnis überraschend authentisch und psychologisch – die Fotografin hat alles sorgfältig arrangiert, und trotzdem darf die Porträtierte die sein, die sie ist.


Albuminpapier auf Karton
35 × 27,1 cm
Inv.-Nr. St. F. 77
Eigentum Städelscher Museums-Verein