Sitzender Jüngling, 1916–17

Sein Kopf hängt erschöpft herunter, wie bei einem Menschen nach einer Niederlage. Aber wer ist das? Der Mann trägt keine Kleidung. Der Kopf ist reduziert auf einen kahlen Schädel, der Gesichtsausdruck nicht erkennbar – es ist niemand Spezielles, weder ein Individuum noch die Verkörperung eines Typs. Zum Hintergrund: Der Duisburger Bildhauer Wilhelm Lehmbruck hatte vor dem Ersten Weltkrieg vier Jahre in Paris gelebt, mitten unter Künstlern aus Frankreich, Italien, Russland, aus ganz Europa. Man war befreundet, verbunden durch Diskussionen und Ausstellungen. Die deutsche Kriegsbegeisterung, die 1914 losbrach, war ihm ein Gräuel. Er wurde freigestellt und reiste 1916 in die Schweiz aus.

Diese Figur, die Lehmbruck unter anderem „Müder Krieger“ genannt hat, entstand ab 1916 in Zürich. Es ist der vom Krieg betroffene Mensch: der Erschöpfte, der Zweifelnde, der Verletzte, der Hoffnungslose, der Überlebende, der Trauernde, der Erinnernde … Zudem ist die Figur ein Affront, allein durch ihre Haltung und die beinahe zarte Statik. Dieser Mann hat den preußischen Haltungszwang aufgegeben – er hört nicht mehr auf „Still- gestanden!“ und „Gerade sitzen!“. In der geschlossenen Faust zeigt sich eine weitere Facette – der Mensch, der für sich selbst einen Entschluss fasst.

Foto: Städel Museum – U. Edelmann – ARTOTHEK


Steinguss
104 × 50 × 109 cm
Inv.-Nr. SGP 28

Digitale Sammlung