THOMAS LAWRENCE

Die Kinder des Lord George Cavendish

1790

Öl auf Leinwand
Inv. Nr. (Leihgabe der Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung)

220 × 170 cm

zur  Biographie

Das Jahr 1790 markiert den Aufstieg des jungen Thomas Lawrence zu einem der angesehensten englischen Porträtmaler in der Nachfolge von Joshua Reynolds. In diesem Jahr stellte der 21-jährige Maler insgesamt zwölf Bildnisse in der Royal Academy aus. Neben dem Porträt der Cavendish-Kinder befand sich darunter auch das berühmte Bildnis der Queen Charlotte, der ursprünglich aus Mecklenburg stammenden Königin von England. Dieser ehrenvolle Auftrag spricht für das Renommee des jungen Künstlers. Bereits im folgenden Jahr wurde Lawrence zum „Associate of the Royal Academy“ berufen, im Jahr darauf dann zum „painter in ordinary“ von König Georg III.

Bei dem Bildnis der Kinder des Lord Cavendish handelt es sich somit um ein Werk, das zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn entstand. Es ist noch deutlich von dem Einfluss durch Joshua Reynolds geprägt, wie der Vergleich mit dessen um 1783 entstandenem Porträt der „Kinder der Lamb-Familie“ verdeutlicht. Sowohl der Bildnistyp der Kinder in der Landschaft wie auch die Darstellung der drei Kinder als geschlossener Gruppe, die durch Gesten und eine dichte Komposition zusammengefügt wird, gehen auf sein Vorbild zurück. In dem lockeren Farbauftrag aber, mit dem Details wie die Spitzen, Haarlocken, aber auch Pflanzen wiedergegeben werden, äußert sich bereits die charakteristische Handschrift von Lawrence. Die leuchtenden, mit spontanem Pinselstrich aufgetragenen Farbakzente unterstreichen die lebendige Präsenz der Dargestellten und verleihen ihnen eine Frische und Unmittelbarkeit, die für das 19. Jahrhundert wegweisend werden sollte.

Auch in der Landschaft im Hintergrund des Gemäldes greift Lawrence aktuelle Entwicklungen auf, denn mit dem Wildbach, dem kleinen Wasserfall in der linken unteren Bildecke wie auch dem undurchdringlichen Walddickicht in der rechten Bildhälfte verliert sie ihren parkartigen Charakter und erhält wildere, ungestaltete Züge. Darin äußert sich eine neue, romantische Naturauffassung, in der das intensive Gefühlserlebnis zu einem wichtigen Bestandteil wird. Zu den im Landschaftsgarten bereits etablierten Grotten oder Tannenhainen als einsamen und pittoresken Orten kommen nun auch Ruinen im gotischen Stil hinzu. Lord George Cavendish, 1st Earl of Burlington (1754-1834), der das Porträt seiner drei erstgeborenen Kinder bei Lawrence für 70 Guineen in Auftrag gegeben hatte, war sehr vermögend. 1815 erwarb er Burlington House, den heutigen Sitz der Royal Academy in London. Das Bildnis zeigt den ältesten Sohn, William (1783-1812), der später, wie sein Vater, eine politische Laufbahn einschlug und bei einem Sturz von seiner Kutsche verstarb. Mit seiner linken Hand weist er auf seinen Bruder George (1784-1809), der Karriere beim Militär machte und wie sein Bruder im Parlament saß. George nahm 1808 am Peninsular War, dem Krieg gegen Napoleons Truppen in Spanien, teil und starb im folgenden Jahr bei einem Schiffsunglück auf dem Rückweg nach England. Das kleine Mädchen, das von seinen Brüdern flankiert auf den Betrachter zuschreitet, überlebte seine Brüder um viele Jahrzehnte: Anne Cavendish (1787-1871) heiratete 1825 Lord Charles Fitzroy, Sohn von George, 4th Duke of Grafton, der im Peninsular War und in der Schlacht bei Waterloo gekämpft hatte und 1835 zum Vice Chamberlain und Privy Councillor befördert wurde.

Thomas Lawrence, dessen Vater einen Gasthof betrieb, zeichnete schon im Alter von fünf Jahren Porträts der Gäste und bildete sich weitgehend autodidaktisch zum Bildnismaler aus. Seine herausragende Begabung, die Persönlichkeit des Dargestellten präzise zu fassen, prägt auch das vorliegende Porträt. Die symmetrische Komposition mit den beiden Brüdern, die ihre kleine Schwester flankieren, macht nicht nur die verschiedenen Altersstufen, sondern auch die unterschiedlichen Charaktere sichtbar: Der Ältere ist durch seine Größe, seine ernste, verantwortungsbewusste Haltung wie durch seine Kleidung hervorgehoben. Er nimmt eine Mittlerstellung zwischen der Welt der Erwachsenen und der der Kinder ein, indem er ernst auf den Betrachter blickt und zugleich auf seinen jüngeren Bruder weist. Außerdem trägt er bereits die Tracht der Erwachsenen im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder, dessen „skeleton suit“ die damals typische Kleidung für kleine Jungen war. Georges verspielter, noch kindlicher Charakter manifestiert sich in der schwungvollen Gebärde, mit der er seinen Hut schwenkt. Als erstgeborene Tochter war Anne Cavendish vermutlich der verwöhnte Mittelpunkt der Familie und beherrscht folglich die Mitte der Komposition. Selbstbewusst geht sie im Schutz der älteren Brüder auf den Betrachter zu. Ihr kindliches Ungestüm drückt sich im herabgerutschten Ärmel des „frock“ aus, dem damals von beiden Geschlechtern getragenen Gewand des Kleinkindes. In der Darstellung der wie leicht erhitzt wirkenden roten Wangen, der blitzenden Augen und der weich fallenden Haare äußert sich bereits die romantische Sichtweise auf das Kind, die den Porträtierten engelsgleiche Züge verleiht.

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