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© Nolde Stiftung Seebüll

EMIL NOLDE

Vierwaldstätter See

um 1930

Aquarell auf Velin-Japan
Inv. Nr. SG 2940

34 × 47 cm

zur  Biographie

In der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts zählt Emil Nolde zu den führenden Aquarellisten. In diesem Medium behandelte er, ebenso wie in Malerei und Druckgraphik, Köpfe, Paare und phantastische Figuren, die flache Marschlandschaft der norddeutschen Küste, die Brandung des Meeres und die Weite des Himmels, und auch die Blumengärten seines 1927 gebauten Atelierhauses in Seebüll. Ausschließlich in Aquarelltechnik entstanden seine über 1300 kleinen »Ungemalten Bilder« der Jahre 1938–1945, mit denen er in der Abgeschiedenheit Seebülls das 1941 ihm auferlegte Malverbot der Nationalsozialisten unterlief.

Ein Leben lang spiegeln die Aquarelle Noldes die Eindrücke und Erinnerungen seiner vielen Reisen. So berichten bereits frühe Beispiele vom Erlebnis fremder Exotik, als der Künstler 1913/14 eine einjährige Expedition in die Südsee begleitete. Der »Vierwaldstätter See« hingegen steht im Zusammenhang mit einer Reise in die Schweiz und dürfte um das Jahr 1930 entstanden sein. Doch wie stets ist auch dieses Aquarell der Landschaft eines Gebirgssees kein naturalistisches Abbild. Keine einzige Linie findet sich in dieser Komposition aus Blau und Gelb. Sie ist in reiner Aquarelltechnik ausgeführt und entsprechend schnell musste der Künstler reagieren, um die lasierenden Farben mit dem Pinsel ohne mögliche Korrekturen auf dem angefeuchteten Papier zu verteilen.

Im Prozess der Gestaltung entstand diese faszinierende Wirklichkeit eines Bildes aus Farben, die zugleich formgebend sind. Der Zufall, dem beim Aquarellieren viel Raum gegeben ist, blieb vom Künstler kontrolliert. Was zufällig und spontan wirken mag, ist in hohem Maße kalkuliert gestaltet und geordnet. Das gelbe Licht der Sonne erscheint hinter einem blauen Gebirgsmassiv mit schneebedeckten Zonen, die ausgespartes Papier weiß aufscheinen lassen. Sein Gipfel ist von dem schweren horizontalen Wolkenfeld verdeckt, vor dem zu beiden Seiten dunkle, tiefblaue Gebirgszüge in den See hineinragen. Ihr Spiegelbild erscheint im geheimnisvoll changierenden Blau des Wassers. Dort, wo Blau und Gelb ineinanderzufließen drohen, leitet Nolde zu den Reflexionen des kalten Sonnenlichtes über, die sich zum Vordergrund hin in unregelmäßigem Verlauf verlieren. Diese Komposition lebt aus dem Spannungsverhältnis der Nuancen zweier Farben und der aus ihnen erwachsenen Formen, die sich ebenso verbinden wie voneinander distanzieren: hervordrängendes Blau und zurücktretendes Gelb, transparent und verdichtet, dunkel und hell, kalt und warm, eine Korrespondenz zwischen oben und unten, zwischen links und rechts, zwischen Ferne und Nähe. Aus Polaritäten, der »Zweiheit«, wie Nolde es nannte, wurde Harmonie.


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