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THÉODORE GÉRICAULT

Neapolitanischer Tanz: Tarantella

1817

Schwarze Kreide, weiße Gouache, dunkelbraun und rotbraun laviert auf braunem Velin
Inv. Nr. SG 3350

26.5 × 18 cm

zur  Biographie

Als der junge Théodore Géricault im Herbst 1816 nach Italien aufbrach, tat er dies ohne das übliche Stipendium der Akademie. Während seines fast einjährigen Aufenthaltes in Rom, den er in entsprechender Unabhängigkeit von den klassischen Anforderungen verbrachte, richtete sich sein Interesse ebenso auf die Kunst wie auf das pulsierende Alltagsleben in den Straßen der Stadt. Auch eine »Tarantella«, von Musikanten und Zuschauern umgeben, kann der Künstler in ähnlicher Ausgelassenheit gesehen haben. Doch bot sie nur die Anregung, einem verbreiteten Motiv in einer bildmäßig ausgeführten Zeichnung seine übergreifend gültige Aussagekraft zu verleihen.

Das dargestellte Fest unter freiem Himmel mit Musik und Tanz ist eine durchdachte Synthese des Künstlers aus natürlich wirkenden und gesuchten idealen Formen. Deutlich nimmt die Anordnung der Figuren im Vordergrund die kreisende Bewegung des Tanzes auf. Sie führt vom tonangebenden erhöht stehenden Gitarristen hinab zum Triangelspieler, über die repräsentativ raumgreifende Rückenfigur, der Blickrichtung des in antikischer Pose Sitzenden folgend, und wieder hinauf zum Tanzpaar, deren Drehungen im Rund des hochgehaltenen Tamburins ihren Höhepunkt finden.

Auch der architektonische Hintergrund ist eine vom Künstler konstruierte Kulisse, zusammengesetzt aus den Überresten eines antiken Portikus mit korinthischen Säulen, einem mittelalterlichen Campanile und einem barock wirkenden Gebäudekomplex. Ebenso wie diese aus unterschiedlichen Epochen, aus Antike, Mittelalter und Barock stammenden Bauwerke bietet auch der hoch aufsteigende Gebirgszug in der Ferne keine Anhaltspunkte für einen konkreten Ort. Es ist vielmehr ein Capriccio, das ein folkloristisches Motiv zu einem dionysischen Mänadentanz der Moderne werden lässt.

Entscheidend für die systematische Geschlossenheit und Energie dieser Zeichnung ist das zusätzlich zur linearen Kreidezeichnung eingesetzte Chiaroscuro. Deutlich zeigt es den Sinn des Künstlers für plastische Werte und für die Wirkung eines starken Kontrastes von Hell und Dunkel. Die Verteilung von weißer Gouache und brauner Lavierung erzeugt einen bewegten Wechsel von blendendem Gegenlicht und Schatten, der die Atmosphäre einer tief stehenden Sonne am frühen Abend und die Dynamik des Geschehens unterstützt. Aufgrund ihrer technischen Bravour und der virtuosen Übersetzung von Wirklichkeitserfahrung in Idealität bildet die Zeichnung des Franzosen im Bereich des 19. Jahrhunderts in der Graphischen Sammlung ein wichtiges Gegengewicht zur nazarenischen Zeichenkunst eines Pforr oder eines Cornelius.


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