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FRANÇOIS BONVIN

Zeichnender Knabe

1856

Kohle, schwarze Kreide auf geripptem Bütten
Inv. Nr. 16332 (Eigentum Städelscher Museums-Verein e. V)

28.9 × 19.9 cm

zur  Biographie

Viel Übung und Fleiß werden noch vonnöten sein, bis dieser kleine Zeichner die Meisterschaft erreicht hat. Der Knabe befindet sich am Beginn seiner künstlerischen Ausbildung. Auf einem Hocker sitzend ist er damit beschäftigt, nach einer auf die Wand gehefteten Vorlage, einer akademischen Aktfigur, zu arbeiten. Eine solche Aufgabe gehörte zu einem elementaren Kunstunterricht und wurde in folgenden Stufen durch das Zeichnen nach der Skulptur und schließlich nach dem lebenden Modell gesteigert. Heller Lichtschein fällt auf das weiße, durch ein Zeichenbrett stabilisierte Papier, von dem sich die Spitze des schwarzen, zum Einsatz kommenden Stiftes kontrastreich abhebt. Ebenso indirekt wie die zeichnende Hand wird der auf das eigene Tun gerichtete Blick des Kindes spürbar. Doch teilen sich dem Betrachter die ganze Konzentration und Stille durch die gesamte Körperhaltung des in Rückenansicht gegebenen Schülers mit. Der Atmosphäre entsprechen die klare Gliederung des Raumausschnittes und die stimmige Verteilung der in großzügigen Flächen differenzierten Licht- und Schattenzonen. Malerisch und für seine Zeit unakademisch zugleich vermied der Künstler weitgehend die Linie und verstand es, durch Verwischen und Kratzen von Kohle und Kreide tonig zu modellieren.

Als freies Vorbild für seine Zeichnung diente Bonvin das bekannte, in mehreren Fassungen und auch in Reproduktionsstichen verbreitete Gemälde »Der Zeichner« von Jean Siméon Chardin (Nationalmuseum Stockholm). Diese Anregung ist Ausdruck jener Hochschätzung, die um 1850 vor allem die von Gustave Courbet angeführten französischen Realisten des 19. Jahrhunderts dem Werk dieses Künstlers des 18. Jahrhunderts entgegenbrachten. Auffallend ist allerdings der Umstand, dass Bonvin ein Kind an die Stelle des deutlich älteren Zeichenschülers Chardins setzte. So betont er in einer genreartigen Szene die Ausbildung eines lernbegierigen Kindes zu einer Zeit, in der die intellektuellen, Erkenntnis und Geschmack fördernden Werte des Zeichnens grundlegend diskutiert wurden. Zugleich kam eine wachsende Aufmerksamkeit für die Kinderzeichnung auf, die beispielsweise G. Courbet 1854/55 in seinem berühmten Gemälde »Das Atelier des Malers« (Musée du Louvre, Paris) durch die Anwesenheit eines schauenden Kindes und eines Strichmännchen zeichnenden Knabens berücksichtigte.

Bonvin, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, besuchte nicht die Akademie, sondern die École du Dessin und das Atelier Suisse, wo er um 1845 dem späteren Freund Courbet erstmals begegnete. Dieser sollte seinen Zeichenstil prägen, der im vorliegenden Beispiel zu eigenständiger Form gelangt ist.

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