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PAUL GAUGUIN

L´Esprit veille / Der Geist wacht

1900

Monotypie (Durchdruckzeichnung) in Schwarz und Braun, überarbeitet, geringfügig braun aquarelliert auf dünnem Velin
Inv. Nr. 65310

63.8 × 51.2 cm

zur  Biographie

Wie ein Idol wirkt die weibliche Figur von exotischer Erscheinung, die Paul Gauguin in äußerster Nahsicht und Frontalität darstellt. Im Hintergrund ist ein schlichtes Profil gezeichnet, das im Unterschied zur formulierten Körperlichkeit der Eingeborenen schwebend und imaginär wirkt. Linear stilisiert und hell belassen gleicht es einem geisterhaften Trugbild. Diese Kombination von Natur und Geist, von Sichtbarem und Visionärem, thematisiert Gauguin in anderen Zusammenhängen auch in Gemälden, Druckgraphiken und weiteren Zeichnungen. »L’Esprit veille« hatte Gauguin im Frühjahr 1900 zusammen mit weiteren Monotypien von Tahiti aus an seinen Kunsthändler Ambroise Vollard nach Paris geschickt.

Der Künstler lebte bereits seit 1895 in der Südsee, wohin er nach einem ersten Aufenthalt (1891–1893) zurückgekehrt war. Jenseits der Zivilisation und des regen Kunstlebens der Heimat spiegelt seine Bildwelt die fremde Kultur und ein idealisiertes Leben der Einheimischen. Während Gauguin als Person die aufregende Vorstellung von einem »wilden« Künstler einlöste, fanden seine Monotypien und Gemälde zu seinen Lebzeiten kaum Käufer und erregten eher Unverständnis. Für die kommende Künstlergeneration sollte der Primitivismus, auf den er durch sein außergewöhnliches Werk aufmerksam machte, wegweisend werden. Das befremdliche Sujet »L’Esprit veille« findet in der Monotypie eine gestalterische Entsprechung. Die experimentellen Möglichkeiten, die das künstlerische Verfahren bietet, sind komplex und vielfach kaum zu rekonstruieren. Für dieses Beispiel hatte Gauguin das Papier von auffallend großem Format zunächst seitenverkehrt auf zwei aneinandergefügte, gänzlich mit schwarzer Farbe bedeckte Bogen gelegt.

Über erste Skizzierungen in Bleistift zeichnete er mit einem blauen Kreidestift und Bleistiften unterschiedlichen Härtegrades die Konturen und flächigen Schraffuren. Mit Tusche und vermutlich auch durch den Einsatz von Lösungsmitteln erzielte er malerische Effekte. Diese durch den Druck erzeugte Zeichnung überarbeitete der Künstler schließlich noch direkt geringfügig mit brauner Wasserfarbe. Die Monotypie, die Gauguin seit 1894 beschäftigte, hatten E. Degas und C. Pissarro schon seit Ende der 1870er Jahre auf allerdings andere Weise angewandt. Als Abklatsch- und wie hier als Durchdruckverfahren steht die Technik zwar der Druckgraphik nahe, doch ist sie aufgrund ihrer Unmittelbarkeit der Zeichnung zuzurechnen. So nannte auch Gauguin, ebenso wie Degas, seine Monotypien stets »dessin«.

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