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LOUIS-LÉOPOLD BOILLY

La Folie du Jour / Die Torheit des Tages

1797

Feder in Schwarz über Kreide, Aquarell auf Velin (WZ: J Whatman)
Inv. Nr. 16757 (Eigentum Städelscher Museums-Verein e. V)

32 × 40 cm

zur  Biographie

Die Werke des Franzosen Louis-Léopold Boilly sind als anschauliche Interpretationen des Lebens während der Revolution, unter dem Directoire und im Empire zu lesen. Um 1800, während des Klassizismus zur Zeit Napoleons ist er der bedeutendste französische Genremaler. In pointierter Weise belegen seine farbig aquarellierten Federzeichnungen scharfe Beobachtungsgabe und feinfühlige Hintergründigkeit, die sich in Schilderungen gesellschaftlicher Umgangsformen seiner Zeit mitteilen.

Die »Torheit des Tages« zeigt ein junges, modisch gekleidetes Paar, das in formvollendetem, elegantem Tanz innigen blickkontakt hält. Den abseits sitzenden Geiger, der ihnen aufspielt, scheinen sie nicht wahrzunehmen. Im Schatten dieses beschwingten Glücks der Jugend wirkt seine Anwesenheit umso bedrohlicher. Mit ausreichend Wein versorgt hat er das tanzende Liebespaar fest in seinen Blick genommen. Sichtbar weisen seine verhärmten Gesichtszüge und die unter den Kleidern sich abzeichnende hagere Gestalt auf den personifizierten Tod hin.

Das Schema für die Komposition seiner Zeichnung lieferte Boilly ein Stich nach dem Gemälde »Tanz des Lebens« von Nicolas Poussin (Wallace Collection, London). Das berühmte Werk des 17. Jahrhunderts, das Chronos, als mythologischen Herrscher über die Zeit, zum Tanz aufspielen lässt, wurde so zum Auslöser für Boilly, um in ebenso eigenwilliger wie zeitgemäßer Weise an das Moralverständnis seiner Mitbürger zu appellieren.

Boilly wiederholte seine Zeichnung in zugespitzter Form in einem Gemälde von annähernd gleichem Format. Indem der Geiger dem Paar die Zunge herausstreckt, kommt der satirische Charakter der Szene dort deutlicher zum Vorschein. Es ist ein Sinnbild für den unbeschwerten »Tanz« einer törichten Pariser Gesellschaft des Directoire. Dieses und drei weitere Gemälde nach vergleichbaren Zeichnungen Boillys befanden sich zunächst im Besitz von Salvatore Tresca (um 1750–1815), der nach ihrem Vorbild seitenverkehrte Radierungen ausführte. Die vier Druckgraphiken nach Boilly, die im Frühjahr 1797 in der Pariser Bibliothèque Nationale registriert wurden, erschienen unter dem Titel »Les Folies du Jour« zusammen mit Radierungen nach Zeichnungen anderer zeitgenössischer Künstler wie Carle Vernet und Jean-Baptiste Isabey.


Die »Folie du Jour« Boillys gelangte, ebenso wie die drei übrigen Zeichnungen, in die umfangreiche Sammlung sozialer Satiren des Sängers Simon Chenard, eines guten Freundes des Künstlers. Bereits für seine Zeitgenossen wie den Engländer Thomas Rowlandson, vor allem aber als ein Vorläufer der französischen Karikaturisten des 19. Jahrhunderts wie Daumier, zählt Boilly zu den wesentlichen Anregern.

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