REMBRANDT HARMENSZ. VAN RIJN
Der trunkene Lot
um 1630
Schwarze Kreide, teilweise mit Weiß übergangen
Inv. Nr. 857
25.1 × 18.9 cm
Die eindrucksvolle Kreidestudie eines sitzenden alten Mannes, die schon der Sammlung von Johann Friedrich Städel angehörte, ist eine der wenigen Zeichnungen, die eine vollständige und eigenhändige Signatur von Rembrandt tragen. Es mag sein, dass er sie im Jahr 1633 anbrachte, weil er dieses Blatt verschenken oder verkaufen wollte, denn das Entstehungsdatum der Zeichnung selbst dürfte früher liegen. Um 1630 zeichnete Rembrandt, zu diesem Zeitpunkt ein aufstrebender junger Maler in seiner Geburtsstadt Leiden, mehrere Studien nach einem bärtigen alten Mann, dessen Erscheinung zu derselben Zeit in Gemälden und Druckgraphiken auftaucht. Das Modell dürfte Rembrandt wegen seines ausdrucksstarken Aussehens gereizt haben, das sich für ehrfurchtgebietende Figuren wie Propheten oder Apostel eignete. Die sehr formlose Sitzhaltung der Zeichnung findet sich in einem nur durch eine Reproduktionsgraphik überlieferten frühen Gemälde Rembrandts wieder, welches den trunkenen Lot mit seinen Töchtern zeigt (Genesis 19). Kurz bevor Gott die sündige Stadt Sodom zerstörte, warnte er Lot, und dieser flüchtete mit seiner Familie. Seine Frau drehte sich neugierig nach dem Inferno um und erstarrte zur Salzsäule. Als Lot mit seinen Töchtern in der Einöde alleine war, fürchteten diese, sie würden keine Ehemänner mehr bekommen können. Sie machten ihren Vater betrunken, und in besinnungslosem Zustand zeugte er mit hnen Kinder.
Die Zeichnung ist mit großer Wahrscheinlichkeit als Studie zu diesem Gemälde entstanden. Rembrandt hat die in einen langen Mantel, Hose und Wams gekleidete Gestalt mit energischen Kreidestrichen angelegt, welche den Lichteinfall, die Materialität der Kleidung und die physische Präsenz des Sitzenden angeben. Diese Wirkung erzeugte er, indem er dunklere, schärfere Linien über hellere, flächig aufgetragene Kreidepassagen legte und beides virtuos ineinander modellierte. Die Haltung der rechten Hand, die eine Trinkschale umklammert, korrigierte er einmal. Ganz anders führte er seinen Stift beim Kopf und auch bei der sensiblen, herabhängenden linken Hand des Greises. Mit großer Zurückhaltung und Feinheit bildete er das vom Licht modellierte Relief von Schädel und Gesicht mit dem halb trübe, halb bestürzt blickenden rechten Auge. Es scheint, als wollte Rembrandt hier den Augenblick nach dem Ereignis erfassen, in dem Lot zu sich kommt und sich langsam bewusst macht, was geschehen ist.












