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UNBEKANNTER VENEZIANISCHER KÜNSTLER

Brustbild eines aufschauenden Jünglings

um 1500

Schwarze Kreide, mit Pinsel übergangen, auf bräunlichem Papier, links ein Streifen Papier angesetzt
Inv. Nr. 453

35.4 × 25.5 cm

Die monumentale, beinahe lebensgroße Kreidezeichnung ist wahrscheinlich zu dem Zweck geschaffen worden, eine große Altartafel oder ein Wandgemälde vorzubereiten. Den aufblickenden Jüngling, der die linke Hand über der Brust in die Kleidung schiebt, kann man sich zum Beispiel in einer unter dem Kreuz Christi versammelten Gruppe von Trauernden oder als zur Gottesmutter schauenden Heiligen einer »Sacra Conversazione«, vielleicht auch unter den staunenden Aposteln einer »Himmelfahrt« vorstellen. Es fragt sich, ob die Zeichnung auch als Bildnis gemeint ist; dann könnten wir es mit einem andächtig aufblickenden Stifter zu tun haben. Die porträtartige Wirkung kann aber auch dadurch entstanden sein, dass dem Zeichner zum Beispiel ein Mitarbeiter der Werkstatt Modell gestanden hat. Es ist jedoch kein ausgeführtes Gemälde bekannt, das uns helfen würde, diese Frage zu beantworten.

Jedenfalls war es dem Zeichner ein Anliegen, Lebendigkeit, plastische Körperlichkeit und die stoffliche Wirkung unterschiedlicher Oberflächen durch Gegensätze und feine Übergänge von Licht und Schatten wiederzugeben. Die dunkel gefärbte Hälfte des Hintergrundes lässt das dem Licht zugewandte Gesicht aufscheinen, während sich die verschattete Seite des Hauptes vor einer hellen Fläche abhebt. Augenhöhlen, Nase und Mundpartie sind mit feinen Schatten modelliert, ein Verlauf ins Dunklere auf der Wange lässt den Kopf vollrund erscheinen, unterstützt durch einen Lichtreflex unter dem Kinn und die kräftige Schwärze zwischen Hals und Frisur. Eine dunkle Ober- und helle Unterlippe heben den Mund nicht nur plastisch hervor, sondern lassen ihn auch lebendig und sensibel erscheinen, so wie das Haar weich und glänzend wirkt. Dieses Arbeiten aus einer Vorstellung von Licht und Schatten heraus, der reiche Einsatz von tonalen Abstufungen, weist die Zeichnung in den Kreis der venezianischen Kunst der Renaissance; in Florenz gehen die Künstler zur selben Zeit stärker von der Linie aus.

Obwohl es einige gemalte und gezeichnete Werke aus dem Venedig der Zeit um 1500 gibt, die eng mit unserer Zeichnung verwandt sind, ist es bisher nicht gelungen, das Blatt einem bestimmten Künstler zuzuweisen. Im 19. Jahrhundert zunächst als ein Werk des schulbildenden Malers Giovanni Bellini (um 1430–1516) für die Graphische Sammlung im Städel erworben, schrieb man sie nach und nach unterschiedlichen Künstlern seines Einflusskreises zu; zuletzt wurde Alvise Vivarini (1452/53–um 1505) oder ein unmittelbar mit ihm zusammenarbeitender Zeichner in Betracht gezogen.

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