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PUBLIKATION "MUSEUM IM WIDERSPRUCH" ZUR ROLLE DES STÄDEL IM NATIONALSOZIALISMUS ERSCHIENEN

(Frankfurt am Main, 12. Januar 2011) Zwei Jahre nach der Vergabe eines unabhängigen Forschungsauftrags zur Rolle des Städel Museums im Nationalsozialismus werden die Ergebnisse der unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Fleckner von der "Forschungsstelle Entartete Kunst" (Universität Hamburg) durchgeführten Untersuchung nun erstmalig in einer umfassenden Publikation veröffentlicht. Das von Uwe Fleckner und Max Hollein herausgegebene Buch "Museum im Widerspruch. Das Städel und der Nationalsozialismus" ist soeben im Akademie Verlag Berlin erschienen. In ausführlichen Beiträgen von international renommierten Wissenschaftlern zeichnet die Studie den widerspruchsvollen Weg des Städelschen Kunstinstituts durch die Jahre des nationalsozialistischen Regimes nach und verdeutlicht dabei die ambivalente Rolle des Hauses und dessen Protagonisten.

In sechs Einzelbeiträgen beschäftigt sich die Publikation mit unterschiedlichen Aspekten der Geschichte und Museumspolitik des Städelschen Kunstinstituts und der Städtischen Galerie insbesondere seit den 1920er-Jahren, während des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit. Thomas W. Gaehtgens, Direktor des Getty Research Instituts (Los Angeles) und Pionier der Forschung zur Museumsgeschichte in Deutschland, beschäftigt sich in seinem Aufsatz "Die organische Einheit von alter und neuer Kunst" mit Städel-Direktor und Leiter der Städtischen Galerie Georg Swarzenski sowie der Gründung der Städtischen Galerie. Tanja Baensch, Vorsitzende der Richard-Schöne-Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V. Berlin, zeichnet in ihrem Aufsatz "Das Museum als ‚lebendiger Körper’" die Geschichte der Städtischen Galerie im Städelschen Kunstinstitut bis 1945 nach, während sich Esther Tisa Francini, Provenienzforscherin am Museum Rietberg, dem Spannungsfeld zwischen privater und öffentlicher Institution und hier insbesondere den Handlungsspielräumen der Direktoren in der Zeit von 1933 bis 1945 widmet. Städel-Kuratorin Eva Mongi-Vollmer behandelt in ihrem Beitrag die Gemäldeerwerbungen des Hauses von 1933 bis 1945, während die Beschlagnahmung der Kunstwerke in der Städtischen Galerie 1936 bis 1937 im Zentrum des Beitrages von Nicole Roth, Provenienzforscherin am Städel Museum, stehen. Den Ausklang der Einzelbeiträge bildet der Aufsatz "Revision, Restitution und Neubeginn" der Kunsthistorikerin Dorothea Schöne (Berlin), der die Städel-Geschichte nach 1945 durchleuchtet.

Zusätzlich beinhaltet die Publikation umfassende Hintergrundinformationen über die Sonderausstellungen im Städel zwischen 1933 und 1945, Biografien der damaligen Protagonisten sowie ein vollständiges Verzeichnis der als "entartet" beschlagnahmten Gemälde und Plastiken der Städtischen Galerie und des Städelschen Kunstinstituts, ein Verzeichnis der in der Nachkriegszeit restituierten Kunstwerke im Städel sowie einen Einblick in das 2002 initiierte Projekt Provenienzforschung. Mit dem Projekt "Provenienzforschung" widmet sich das Städel Museum bereits seit 2002 intensiv der Erwerbungsgeschichte seiner Sammlungen während der Zeit des Nationalsozialismus und gilt damit in Deutschland als einer der Vorreiter für die präzise Aufarbeitung jener Bestände, die nach 1933 erworben worden sind und vor 1945 datiert werden können. Parallel zu diesem laufenden Projekt haben die Administration und die Direktion des Städel Museums 2008 beschlossen, die Geschichte der eigenen Institution während des Nationalsozialismus wissenschaftlich durch ein unabhängiges Expertenteam aufarbeiten zu lassen. Die wechselvollen Geschehnisse seit den 1930er-Jahren, ihre Akteure – im Besonderen die Direktoren Georg Swarzenski, Alfred Wolters und Ernst Holzinger –, deren Handlungsspielräume und Handlungsweisen sollten differenziert untersucht werden. Das 2008 gestartete Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle "Entartete Kunst" (Universität Hamburg) unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Fleckner realisiert. Die vorläufigen Resultate konnten bereits am 19. Februar 2010 auf einer viel beachteten Tagung der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Mit der nun erscheinenden Publikation in der Schriftenreihe der Forschungsstelle "Entartete Kunst" im Berliner Akademie-Verlag findet das Forschungsprojekt seinen Abschluss.

Als Titel des Buches wurde eine bewusst mehrdeutige Formulierung gewählt: Museum im Widerspruch. Damit konnten die durchaus ambivalenten Erkenntnisse der unternommenen Forschungen wie in einem Brennspiegel eingefangen werden. In der Tat standen die Direktoren und Kuratoren des Städelschen Kunstinstituts und der Städtischen Galerie im "Dritten Reich" oft genug in der Gefahr, sich in einen Widerspruch zu ihrer kunsthistorisch-wissenschaftlichen Selbstverpflichtung zu begeben, die gerade im Bereich des Museums als öffentlicher Einrichtung auf moralische wie juristische Rechtmäßigkeit, auf einen sorgsamen Umgang mit Mäzenen, Sammlern und Publikum, mit den Kunstwerken, ihrer Präsentation und ihrem Erhalt abzielen muss. Untersucht wird vor diesem Hintergrund die Frage, inwiefern die Notlage jüdischer Sammler ausgenutzt wurde, prominent untersucht unter anderem im Fall der Sammlerin Martha Nathan, und die Situation im besetzten Ausland zum unrechtmäßigen Erwerb von Kunstwerken führte. Und auch die umfangreichen Restitutionsvorgänge in der Nachkriegszeit – gut ein Viertel der in der NS-Zeit erworbenen Werke wurden damals restituiert – sowie die Neuordnung des Museums in diesen Jahren werden beleuchtet. Andererseits standen einige Maßnahmen der Direktion und Mitarbeiter des Städel sowie der Städtischen Galerie auch im deutlichen Widerspruch zur nationalsozialistischen Kultur- und Museumspolitik. Georg Swarzenski konnte nach seiner Entlassung aus dem öffentlichen Dienst als Leiter der Städtischen Galerie noch bis 1937 im Amt gehalten werden, allerdings lediglich als Direktor des privaten Städelschen Kunstinstituts. Antisemitische Haltungen und Handlungen haben sich die Frankfurter Museumsleute zu keiner Zeit zu Schulden kommen lassen, und einzelne Privatsammlungen, die aus ästhetischen wie aus rassischen Gründen gefährdet waren, wurden in die klandestine Obhut des Museums genommen und konnten so vor dem Zugriff der Nationalsozialisten gerettet werden. Nicht gerettet werden konnte hingegen eine große Anzahl von Werken der Moderne, die 1937 im Zuge der Aktion "Entartete Kunst" beschlagnahmt wurden. Auch wenn keinerlei Widerstand gegen den Abtransport der eingezogenen Werke möglich war, verschwiegen die Direktoren des Städelschen Kunstinstituts und der Städtischen Galerie keineswegs, dass sie die Entfernung der "entarteten" Kunst aus den Beständen des Museums als erheblichen Verlust ansahen und die ästhetischen Überzeugungen staatlicher Kunstdoktrin nicht zu teilen vermochten. Ernst Holzinger und Alfred Wolters, so lassen sich die widersprüchlichen Forschungsergebnisse resümieren, sahen sich in den Jahren des Nationalsozialismus dem Dienst an der Kunst und dem Dienst an der Institution verpflichtet, sie haben dabei die Grenzen moralischen Handelns, aber auch die von den nationalsozialistischen Machthabern gesetzten museumspolitischen Grenzen einige Male und durchaus in beide Richtungen überschritten. Ein Unrechtsbewusstsein für einige bedenkliche Handlungen ist auch nach dem Ende der NS-Zeit, in der beide Direktoren im Amt blieben, in den Quellen nicht immer auszumachen. Indem die Publikation verschiedene politische wie kunsthistorische Aspekte zusammenführt, wichtige Protagonisten kritisch hinterfragt und zusätzlich auch die Zeit nach 1945 im Museum beleuchtet, zeichnet sie ein angemessenes Bild der Vorgänge am Städel in den Zeiten vor, während und nach der nationalsozialistischen Willkürherrschaft.

Publikation "Museum im Widerspruch. Das Städel und der Nationalsozialismus", herausgegeben von Uwe Fleckner und Max Hollein, Schriften der Forschungsstelle "Entartete Kunst", Band 6, Akademie-Verlag Berlin, 2011. XI, 372 Seiten, 133 Abbildungen schwarz/weiß, ISBN 978-3-05-004919-9, 49,80 Euro. Ab sofort im Städel Museum und im Buchhandel erhältlich.

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort
Uwe Fleckner / Max Hollein


Die organische Einheit von alter und neuer Kunst
Georg Swarzenski, das Städel und die Gründung der Städtischen Galerie
Thomas W. Gaehtgens

Das Museum als »lebendiger Körper«
Die Geschichte der Städtischen Galerie im Städelschen Kunstinstitut bis 1945
Tanja Baensch

Im Spannungsfeld zwischen privater und öffentlicher Institution
Das Städelsche Kunstinstitut und seine Direktoren 1933–1945
Esther Tisa Francini

Alltägliches Recht, alltägliches Unrecht
Die Gemäldeerwerbungen des Städel 1933–1945
Eva Mongi-Vollmer

»Schwere Verstümmelung und sehr merkbare Rangminderung der Sammlung«
Die Beschlagnahme »entarteter« Kunstwerke im Städel 1936–1937
Nicole Roth

Revision, Restitution und Neubeginn
Das Städel nach 1945
Dorothea Schöne

Anhang

1. Sonderausstellungen im Städel zwischen 1933 und 1945
2. Verzeichnis der als »entartet« beschlagnahmten Gemälde und Plastiken der Städtischen Galerie und des Städelschen Kunstinstituts
3. Verzeichnis der in der Nachkriegszeit restituierten Kunstwerke
4. Projekt Provenienzforschung
5. Biographisches Verzeichnis
Abbildungsnachweis
Register

HERAUSGEBER

Prof. Dr. Uwe Fleckner: Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg und Leiter des Warburg-Hauses, Leiter der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Universität Berlin/Hamburg und Herausgeber der gleichnamigen Buchreihe "Schriften der Forschungsstelle Entartete Kunst".


Max Hollein
: Direktor des Städel Museums, der Schirn Kunsthalle und der Liebieghaus Skulpturensammlung

AUTOREN

Prof. Dr. Thomas Gaehtgens: Professor für Kunstgeschichte, Direktor des Getty Research Instituts, Los Angeles und Pionier der Forschung zur Museumsgeschichte in Deutschland.

Dr. Tanja Baensch: Kunsthistorikerin, Vorsitzende der Richard Schöne Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V., seit 2010 in der Provenienzforschung für die Hamburger Kunsthalle tätig.

Dr. Esther Tisa Francini: Historikerin, Provenienzforscherin am Museum Rietberg, Zürich; Mitherausgeberin des Handbuches: "Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933-1945 und die Frage der Restitution, Zürich 2001.

Dr. Eva Mongi-Vollmer: Kunsthistorikerin, seit 2002 Mitarbeiterin des Städel Museums; mehrere Publikationen zum Städel und seiner Geschichte.

Nicole Roth, M.A.: Kunsthistorikerin, seit 2002 für die Provenienzforschung im Städel Museum zuständig.

Dorothea Schöne, M.A.: Kunsthistorikerin in Deutschland und USA, mit Forschungsschwerpunkt Kunstpolitik in der BRD nach 1945.

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