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ARNOLD BÖCKLIN (1827 - 1901)

ARNOLD BÖCKLIN

1827 - 1901

Böcklin, Arnold, schweiz. Maler, Zeichner, Plastiker, * 19. 10. 1827 Basel, † 16. 1. 1901 S. Domenico b. Fiesole.

Erster Zeichenunterricht bei Ludwig Adam Kelterborn. Stud.: 1845–47 KA Düsseldorf in der Landschaftsklasse von Wilhelm Schirmer; auch Karl Friedrich Lessing beeinflußt B., namentlich in Bezug auf melanchol. Stimmungen (Burgruine; Hünengrab, beide 1847). Im Frühjahr 1847 Reise nach Brüssel und Antwerpen (Studienköpfe, Zchngn nach Tizian) zus. mit seinem Mitschüler, dem Tiermaler Rudolf Koller; im Sommer Wanderungen in den Alpen (Zchngn mit Felsen, Bäumen, Pflanzen).

Mehrere Landschaftsstudien erinnern an Motive von Alexandre Calame, den er im Sept. 1847 in Genf kennenlernt, dessen Lehrmethoden ihm jedoch nicht zusagen. Wenig später tauchen solche Bäume auch in seinen düsteren Stimmungslandschaften auf (Alpenlandschaft; Felshang mit Wettertannen). 1848 Aufenthalt in Paris, wo er seinen Freund R. Koller wiedertrifft. Die Wirren der Februarrevolution hinterlassen tiefe Eindrücke, die Plünderungen und Hinrichtungen: Kampf, Krieg, Tod, Bedrohung sind künftige Leitmotive, die in seinem Schaffen immer wieder auftauchen.

Im Herbst 1848 Rückkehr nach Basel. Auf Empfehlung von Jacob Burckhardt setzt B. seine Studien in Italien fort. Im März 1850 trifft er in Rom ein; Bekanntschaft mit Paul Heyse; verkehrt mit Heinrich Franz-Dreber, Ludwig Thiersch, Albert Flamm sowie mit den Bildhauern Heinrich Gerhardt und Gustav Kaupert. Ausflüge in die Campagna, nach Olevano, Subiaco, Tivoli.

1853 Heirat mit der Römerin Angela Pascucci, mit der er 14 Kinder hat, von denen acht kurz nach der Geburt oder im frühen Alter sterben. 1851 erteilt ihm der Basler Bürgermeister Felix Sarasin-Brunner auf Empfehlung von Jacob Burckhardt den ersten Auftrag (Landschaft aus dem Albanergebirge). Während des ersten Rom-Aufenthaltes von der lichterfüllten, üppigen ital. Landschaft begeistert, zeichnet B. viele Naturstudien, die im allg. nicht als direkte Vorlagen für spätere Gem. bestimmt sind.

Allmählich bezieht B. auch Menschen – Hirten mit ihrer Herde – in seine Landschaften ein, wobei die Figuren im Vergleich zu den mächtigen Baumgruppen noch unscheinbar wirken (Felshang im Albanergebirge, 1851).

Mitte der 50er Jahre treten die ersten mytholog. Gestalten auf (Syrinx flieht vor Pan, 1854; Kentaur/Faun raubt Nymphe, 1855/56). In Bildern wie dem Bacchantenfest von 1856 verleiht B. der Figur bereits mehr Eigenständigkeit; bei Pan im Schilf, 1857, sind Figur und Landschaft einander ebenbürtig. Pan wird die zentrale Gestalt in B.s Schaffen. Als Mischwesen verkörpert er das Naturhafte als Gegenpol zur Zivilisation. B.s Bilder werden vom Publikum abgelehnt und nur in Künstlerkreisen geschätzt. Die Periode von 1850–57 ist gekennzeichnet durch eine zarte, oft silbertonige Farbgebung, die an Camille Corot erinnert (Campagnalandschaft, um 1855).

Die prekäre Finanzlage zwingt B. im Juni 1857 zur Rückkehr nach Basel. Dort arbeitet B. an der 2. Fassung von Pan im Schilf. Die Entwicklung eines Bildgedankens in mehreren Versionen ist fortan char. für sein Schaffen. 1858 beauftragt von Konsul Carl Wilhelm Wedekind, den Speisesaal seines Hauses in Hannover auszumalen (Die Beziehung des Menschen zum Feuer). Noch 1858 Übersiedlung nach München und Erkrankung an Typhus. 1859 erhält er mit dem Ankauf der 2. Fassung von Pan im Schilf durch das bayer. Königshaus seine erste öff. Anerkennung. Paul Heyse vermittelt die Bekanntschaft mit dem Kunstsammler Adolf Friedrich von Schack, der zw. 1863 und 1874 16 Gem. B.s erwirbt. 1860 Berufung an die Kunstschule in Weimar. Freundschaft mit Franz Lenbach und Reinhold Begas, die er in einem Doppelbildnis festhält. Malt das früheste noch erh. Selbstbildnis und weitere Portr. (Karl Wallenreiter; Fanny Janauschek). Erster Auftrag des Basler Mus. (Die Jagd der Diana).

Finanziell unabhängiger, zieht B. wieder nach Rom. Zu seinem Freundeskreis gehören Anselm Feuerbach, Heinrich Ludwig, die Kunstfreunde Otto und Mathilde Wesendonk sowie der Bildhauer Josef von Kopf. 1863 erstmals in Pompeji, wo ihn die antike Wandmalerei techn. und stilist. entscheidend beeinflußt. Versuche mit Wachs als Bindemittel, v.a. aber als Firnismittel (Bildnis Angela B. als Muse). Abkehr von der Ölmalerei und Hinwendung zu Tempera, Harzfarben und versch. Mischtechniken. Malt in größeren Farbflächen und reinen Farben ohne Abstufungen. Setzt sich mit der Wirkung polychromer Plastik auseinander. Graf Schack bestellt die Villa am Meer und verlangt eine 2. Fassung, da das erste Bild beschädigt angekommen ist. In den Folgejahren entstehen weitere Versionen des Motivs bis zur Ruine einer Villa am Meer (1880): B. veranschaulicht die Zeitlosigkeit der Natur gegenüber der vergängl. menschl. Zivilisation.

1865 lernt B. den jungen Berliner Maler Rudolf Schick kennen, der sein Schüler wird und bis 1869 sorgfältig Tagebuch führt. 1866–71 in Basel; zahlr. Aufträge zu Portr. sowie zwei Wandbildzyklen im Gartensaal des Ratsherrn Carl Sarasin (Gang nach Emmaus; Flucht nach Ägypten; König David, Fresken; heute im Kunst- Mus. Basel) und im Mus. für Natur- und Völkerkunde (Magna Mater, 1868; Flora und Apollo, beide 1869; drei Medaillons). Wegen Meinungsverschiedenheiten in künstler. Fragen Bruch mit Jacob Burckhardt. Mehrere Tafelbilder in gedämpften Farben (Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi, 1868; Liebesfrühling, 1868; Odysseus am Meeresstrand, 1869). Unter dem Eindruck des dt.-frz. Krieges entstehen furchterregende Bildmotive: Zerstörtes Haus bei Kehl; Der Ritt des Todes; Ein Mörder von Furien verfolgt; Drache in einer Felsenschlucht und Kentaurenkampf.

1871 Übersiedlung nach München; verkehrt mit P. Heyse, Ludwig von Hagn, Hans Thoma, Otto Faber du Faur und Heinrich Leuthold. Weiterentwicklung des Bildgedankens Kentaurenkampf als Kampf ums Überleben, der in der Gründerzeit auch als wirtschaftl. Konkurrenzkampf gedeutet werden muß. Das Gem., das von Nietzsche bewundert wird, erregt 1873 auf der Welt-Ausst. in Wien Aufsehen. B. wird Ehren-Mitgl. der AK München. Er greift die Bildidee der aus dem Meer auftauchenden Venus wieder auf. Seine Farben werden kräftiger und greller. Graf Schack erwirbt als letztes Gem. Triton und Nereide. B.s Abneigung gegen den Malerfürsten Franz von Lenbach und die Cholera-Epidemie bewegen ihn 1874 zur Übersiedlung von München nach Florenz. 1878 ruft der erste Staatsauftrag für Deutschland Die Gefilde der Seligen (Berlin, Nat.-Gal., seit 1945 verschollen) in Berliner Kunstkreisen einen Sturm der Entrüstung hervor.

Gegen E. der 70er Jahre stellen sich vermehrt priv. Käufer und Auftraggeber ein, u.a. Adelheid Grunelius, Rom/Baden-Baden, Alexander Günther, Fasano/Frankfurt am Main, Mathilde von Guaita, Frankfurt am Main. 1880 bestellt deren Freundin Marie Berna, nachmalige Gräfin von Oriola, ein Bild zum Träumen: B. entwickelt das Toteninsel-Motiv, seine populärste Schöpfung. Von insgesamt fünf Fassungen sind vier erh. (Basel, Öff. Kunst-Slg: 1880; New York, Metrop. Mus.: 1880; Berlin, PrK: 1883; Leipzig, Mus. der Bild. Künste: 1886). Die außerordentl. Evokationskraft des Gem. bedingt bis heute immer neue Assoziationen. Ein Besuch bei Richard Wagner in dessen Villa auf dem Posilippo führt nicht zur Annäherung. B. lehnt denWunsch Cosimas ab, für Wagner Bühnenbilder zu entwerfen. Zum Freundeskreis der Florentiner Jahre zählen neben Schülern wie Hans Sandreuter, Theophil Preiswerk, Louis Skene, Viktor ZurHelle, Sigmund Landsinger, Karl von Pidoll, Friedrich Albert Schmidt, Malern wie Hans von Marées der Bildhauer Adolf von Hildebrandt, die Kunsthistoriker Adolf Bayersdorfer und Hugo von Tschudi. Materiell geht es B. schlecht. Erst als er den Berliner Kunsthändler Fritz Gurlitt kennenlernt, der sich fortan B.s Produktion sichert, bessert sich die Lage. Gurlitt stellte B.s Werke ab 1880 regelmäßig in Berlin aus. Wichtige Bildschöpfungen: Prometheus; Abenteurer; Der hl. Hain; Ruine am Meer (3 Fassungen); Odysseus und Kalypso; Im Spiel der Wellen. Wie die Landschaften sind B.s Meeresszenerien eine krit. Auseinandersetzung über die Beziehungen von Mann und Frau. Seit seiner Jugend fasziniert vom Fliegen, studiert er den Vogelflug und legt die gewonnenen Erkenntnisse seit 1882 seinen Experimenten zugrunde. 1883 Reise nach Berlin in der jedoch vergeblichen Hoffnung, die in Florenz mißglückten Flugversuche mit Hilfe von Militärs doch noch realisieren zu können. Um seinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, übersiedelt B. 1885 nach Zürich. Zu seinem Freundeskreis gehören Gottfried Keller, der Kunstschriftsteller Gustav Floerke, Rudolf Koller, der Bildhauer Richard Kissling, der Architekt Alfred Bluntschli, der österr. Konsul Ludwig von Przibram, der Kunstkritiker Albert Fleiner, der Maler Otto Lasius und der Schriftsteller Adolf Frey. 1886 v.a. Neufassungen alter, bewährter Bildthemen: Der hl. Hain; Heroische Landschaft (Seeräuber-Überfall); Das Spiel der Najaden; Burgruine mit kreisenden Adlern. Seine Werke werden immer monumentaler, die Figuren größer und zu Bedeutungsträgern stilisiert (Meeresstille, 1887).

Das Landschaftliche tritt immer mehr in den Hintergrund. Im Streben nach Monumentalität entstehen die ersten mehrteiligen Bilder, gewissermaßen als Altartafeln für weltl. Tempel (Mariensage, 1890; Der hl. Antonius, 1892). E. 1888 Eintritt von Albert Welti als Gehilfe in B.s Atelier, wo er bis E. 1890 bleibt. Es entstehen gemütvolle, humorist., satir. Bildmotive, die den Umgang und die Freundschaft mit G. Keller zu widerspiegeln scheinen: Lebensinsel; Kentaur in der Dorfschmiede; Susanna im Bade; Vita somnium breve; Frühlingshymne. Für die Zürcher Zeit ist eine weichere Linienführung und ein noch stärker glühendes Kolorit char., v.a. das Dominieren von Rot in zahlr. Nuancen (Heimkehr).

1889 Bruch mit F. Gurlitt, der B. übervorteilt hat, Ehren-Dr. der Univ., 1890 Ehrenbürger von Zürich. Gemeinsam mit seinem Schwiegersohn, dem Bildhauer Peter Bruckmann, entstehen plast. Werke, von B. polychrom bemalt (Froschkönig; Gorgonenschild). 1892 Schlaganfall; Erholungsaufenthalt in Viareggio, Forte dei Marmi, San Terenzo. Erste Fassung von Paolo und Francesca. 1893 Übersiedlung nach Florenz. 1894 Neufassung der Burgruine. Daneben entstehen Orlando Furioso und Venus Genitrix. In Berlin Mitbegr. der Zs. „Pan“. 1895 Umzug in die Villa Bellagio in San Domenico b. Fiesole, seinen letzten Wohnsitz. Malt ausdrucksstarke Bilder von düsterem Ernst: Der Krieg, 1896/97; Die Pest, 1898.

In der Spätzeit wird die Zchng wieder schärfer, das Kolorit merklich gedämpfter und kühler. V.a. das Wasser ist in einer völlig neuen Farbigkeit wiedergegeben (Polyphem, 1896). Die bläulich-grünen Brandungswogen heben sich noch schöner ab vom Blau des Himmels als auf den Meerbildern der 80er Jahre. Typ. für den Altersstil sind ein übersteigerter Naturalismus und die Vorliebe für anekdot. Bildinhalte, die sich bereits in der Zürcher Zeit offenbart. 1897, anläßlich seines 70. Geburtstages, finden Ausst. in Basel, Berlin und Hamburg statt.

1900 erkrankt B. an Influenza; arbeitet weiter (Melancholia); letzter Sommeraufenthalt am Meer bei Rimini. Außer Gem. sind ca. 450 Zchngn und 7 Skizzenbücher erh., ca. 60 Zchngn sind verschollen (Werk-Kat. der Zchngn von H. Holenweg/F. Zelger in Vorbereitung, ed. 1996). –

B. gehört mit A. Feuerbach und H. von Marées zu den führenden Künstlerpersönlichkeiten des Deutschrömerkreises. Er ist kein Italienschwärmer im klass.-trad. Sinn: Nicht nach dem kunst- und kulturträchtigen Italien sehnt er sich, sondern nach möglichst abgelegenen Gegenden, fern der Zivilisation. Oft entwickelt er seine Themen über mehrere Gem. hinweg, indem er ein Motiv in versch. Schritten zoom-artig auf das wesentl. Geschehen konzentriert. Die großen Bildvisionen verdeutlichen, daß B. nicht realitätsferne Mythen darstellt, sondern konkret zur polit. und gesellschaftl. Wirklichkeit seiner Zeit Stellung bezieht. Sein Schaffen zeigt in versch. Abstufungen melanchol. Motive antithet. mit solchen der Lebensfreude (Toteninsel – Lebensinsel).

Oft in schrillen Farbklängen aufgebaut, appellieren sie an das Gefühl – von tiefster Ergriffenheit bis zu ausgelassener Lebenslust. Die Urteile über B. sind äußerst divergent. Er gilt im letzten Jahrzehnt seines Lebens in weiten Kreisen als der größte Maler seiner Zeit. B.s Gem. erzielen, nicht zuletzt dank geschickter Vermarktung durch die Kunsthändler, Spitzenpreise, die bald nach seinem Tod verfallen. B. bleibt jedoch durch die weite Verbreitung von Reproduktionen im Bewußtsein späterer Generationen. Im Zuge der Aufarbeitung des 19. Jh. findet sein Schaffen seit den 70er Jahren des 20. Jh. wieder stärkere Beachtung. B. beeinflußt mit dem ausdrucksstarken Kolorit seiner Bilder den frühen Expressionismus (Wassily Kandinsky). Seine Visionen einer irrealen Welt bieten der Pittura Metafisica (Giorgio De Chirico) und dem Surrealismus (Salvador Dalí) Anknüpfungspunkte. Die poet. Bildinhalte inspirieren zahlr. Dichter (Stefan George; Rainer Maria Rilke; Detlev von Liliencron) und veranlassen Musiker zu Vertonungen seiner Werke (Max Reger; Hans Huber; Sergej Rachmaninov). 

H. Holenweg/F. Zelger in: AKL XII, 1996, 112 ss

©Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig

Arnold Boecklin, Villa am Meer, 1871/74

Arnold Böcklin: Villa am Meer (Detail)

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