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PIERRE BONNARD (1867 - 1947)

PIERRE BONNARD

1867 - 1947

Bonnard, Pierre, frz. Maler, Lithograph, Zeichner, * 3. 10. 1867 Fontenay-aux-Roses b. Paris,† 23. 1. 1947 Le Cannet/Cannes.

Verbrachte die Kindheit in seinem Heimatort und in Paris, wo der Vater im Minist. de la Guerre arbeitete, sowie in Le Grand-Lemps/Isère; dort besaß die Fam. neben einem Bauernhof ein Haus mit großem Park, so daß sich sehr früh B.s Liebe zur Natur entwickeln konnte.

Ausgebildet in Vanves sowie an den Lycées Charlemagne und Louis-le-Grand in Paris, studierte er nach dem Abitur 1885–88 Jura an der Sorbonne, ebd.; 1889 als Anwalt vereidigt. Daneben malte und zeichnete er. Stud.: ab 1887 Acad. Julian.

Die ersten Landschaften erinnern an Corot; jedoch änderte sich bald seine Faktur. An der Acad. Julian lernte er Maurice Denis und Paul Sérusier kennen, der B. und seine Freunde Ker-Xavier Roussel und Jean Edouard Vuillart 1888 auf Paul Gauguin hinwies. Nach Besuch einer Ausst. von Gauguin und Emile Bernard im Pariser Café Volpini 1889 war auch B. von Gauguin so begeistert, daß er Mitgl. der Gruppe der Nabis wurde. Gemeinsam studierten sie Werke von Van Gogh, P. Cézanne, C. Monet, A. Sisley, E. Degas sowie A. Renoir. B. zeigte außerdem lebhaftes Interesse an japan. Kunst und war nach der großen Ausst. in der EcBA 1890 v.a. von den Hschn. beeindruckt (wurde daraufhin von seinen Kameraden „Le Nabi japonard“ gen.). Daher rührt auch der dekorative, an Bilderbogen erinnernde Char. seiner Werke zw. 1890–92: von L’Exercice (1890), einem humorvollen Andenken an die Militärzeit, über Femmes au jardin (1891, Paris, Mus. d’Orsay), vier Taf., die zunächst für ein Paravent vorgesehen waren, bis hin zu der mon. Komp. La Partie de croquet (1892, ebd.), einer Darst. seiner Fam. im Park von Le Grand-Lemps. Le Corsage à carreaux (1892, ebd.) zeigt von der japan. Kunst inspirierte Vereinfachungen und mit dem Modern Style vergleichbare komplizierte bewegte Linien.

Im März 1891 entstand B.s Plakat für France-Champagne, ein lebhafter Kontrast zu den gefälligeren vielfarbigen Plakaten von Jules Chéret: B. setzte nur vier Farben ein, von denen Schwarz eine wichtige Rolle spielte. Davon war Henri de Toulouse-Lautrec so begeistert, daß er sich selbst im Plakat versuchen wollte. Nach diesem Erfolg gab B. die jurist. Tätigkeit endgültig auf und mietete zus. mit Vuillard und Denis in der Rue Pigalle ein Atelier, wo auch der Schauspieler Aurélien Marie Lugné-Poe seine Rollen einstudierte. Mit den Nabis gestaltete B. Dekorationen für das Théâtre de L’OEuvre, das Théâtre d’Art von Paul Fort und das Théâtre Libre von André Antoine. Neben Bühnenbildern und Kostümentwürfen fertigten sie Vignetten für Programmhefte; daneben illustrierten sie auch Zss., J. und Bücher mit zahlr. Zchngn und Lith., z.B. die Rev. blanche. In den Büros dieser Zs. begegneten sie den Schriftstellern und Kritikern Félix Fénéon, Jules Renard, Octave Mirbeau, Henri de Régnier und der jungen Gattin von Thadée Natanson, die B. häufig porträtierte.

Das Gesicht von Marthe Boursin, die er E. 1893 kennengelernt hatte und später heiratete, inspirierte ihn 1894 zu einem Plakat für die Rev. blanche. Ferner malte er die Kinder seines Schwagers, des Komponisten Claude Terrasse, in versch. Szenerien. Marthe diente ihm auch als Modell für die ersten seiner bedeutenden Akte L’Indolente (1899, Paris, Mus. d’Orsay) und La Sieste (1900, Melbourne, Nat. Gall. of Australia), die eine glühende Sinnlichkeit wie die aus der gleichen Zeit stammenden Akte mit schwarzen Strümpfen ausdrücken.

Daneben versuchte B., den vielfältigen heiteren Aspekten der Kindheit Lebendigkeit zu verleihen sowie Komik und Spontaneität einer Straßenszene zu betonen, wie nicht nur aus den Gem., sondern ebenso aus seinen Lith. ersichtlich ist: La Petite blanchisseuse (1896); L’Enfant à la lampe (1897) und Quelques aspects de la vie de Paris (1895–99; Auftrag des Händlers und Verlegers Ambroise Vollard). Mit den nächsten, von Vollard 1900 für Parallèlement von Paul Verlaine und 1902 für den Schäferroman Daphnis et Chloé von Longus in Auftrag gegebenen Ill. gelangen ihm sinnl. Lith. mit beachtl. zeichner. Genauigkeit, die sogar Cézanne bewunderte. In den ersten Jahren des 20. Jh. unternahm B. Reisen nach England, Belgien, Holland, Spanien und Italien, meist mit seinem Freund Vuillard, mit dem er auch 1913 auf Einladung von Alfred Lichtwark nach Hamburg fuhr.

Der stets über neue Strömungen wie Fauvismus und Kubismus unterrichtete B. folgte diesen aber nicht und griff auf den Impressionismus zurück; 1908 malte er La Loge (Paris, Mus. d’Orsay) und Nuà contre-jour (Brüssel, Mus. royaux des BA), bei denen er augenscheinlich die Farbgebung von Renoir aufnahm. Im Bewußtsein dieser paradoxen Situation verfolgte er konsequent den einmal eingeschlagenen Weg und entwickelte die Malerei dort weiter, wo die Impressionisten aufgehört hatten, und ergänzte sie durch zwei wesentl. Komponenten: völlig neuartiger Bildaufbau und bald darauf veränderte Farbgebung. 1909/10 entdeckte B. zus. mit Henri Manguin und Paul Signac in Saint-Tropez und Grasse das Licht des Midi und war davon zunächst so fasziniert, daß er vor Begeisterung den Farben fast unbewußt die Zchng und Form opferte.

Danach setzte er sich gründlich und beharrlich mit der Kompositionslehre und dem Zeichnen auseinander. Seine stets um eine betonte vertikale Linie komponierten und von Wandflächen sowie Tür- und Fensterpfosten begrenzten Darst. gewannen zunehmend an Bedeutung. B. führte versch. Hauptwerke aus, z.B. L’Eté en Normandie (Moskau, Puskin-Mus. der bild. Künste); die drei mon. Komp. Le Printemps; L’Eté ou la Danse; L’Automne – Les Vendanges, alle 1912 (beide ebd., vorher Slg Morosov) und La Salle à manger à la campagne, 1913 (Minneapolis, Inst. of Arts); während des Aufenthalts in Hamburg malte er Le Corso aux lampions sur l’Aussenalster und Le Soir au bord de l’eau (beide Hamburg, Kunsthalle).

Nach den Komp. La Méditerrannée und Saisons schuf B. mit dekorativen Mon.-Werken die Voraussetzung für die künftige Dominanz der Farbe. In Le Paradis terrestre und La Symphonie pastorale (beide 1916–20), Nu au matin (1919, Stockholm, Nat.-Mus.) und Nu devant la cheminée (1919, Winterthur, Kunst-Mus.) geht er neue Wege in der Aktdarstellung. Nach 1920 begann eine lange Schaffensperiode in versch. Genres: Landschaften wie Paysage de Normandie (1920, Northampton, Smith College Mus. of Art); La Fenêtre ouverte (1921, Washington, Phillips Coll.); La Terrasse de Vernon (1928, Düsseldorf, Kunst- Slg Nordrhein-Westfalen); Le Cannet vu des hauteurs (1926, Winterthur, Kunst-Mus.); La Palme (1926, Phillips Coll.); Interieurs, u.a. La Table (1925, London, Tate Gall.); La Salle à manger de Vernon (1925, Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptothek); La Nappe blanche und La Salle à manger (beide 1925, Wuppertal, Von der Heydt-Mus.); La Salle `a manger sur le jardin (1931, New York, Mus. of Mod. Art); L’Intérieur blanc (1932, Grenoble, Mus. des BA); La Porte-fenêtre (1932); Stilleben mit den gelben und orangefarbenen Früchten: Nature morte au compotier (1923); Le compotier und La Table garnie (beide 1924, Toronto, Art Gall.).

B.s Frauengestalten geben stets Aufschluß über dessen Gefühlslage und lassen mitunter eine latente Schwermütigkeit spüren. Versch. Gesichter von Frauen und jungen Mädchen sind vergleichbar mit hieratischen Gestalten auf antiken Fresken, und ihr nachdenkl. Gesichtsausdruck erinnert an Profile von Giotto, z.B. La Chevelure d’or (1924) und Femme au panier de fruits (1926, Baltimore, Mus. of Art). Stets durchdachte B. die Bildaufteilung auf neue Weise und komponierte die Gem. auf der Basis einer überraschenden, momentanen visuellen Wahrnehmung, der sukzessive ein harmonisierter Farbaufbau folgt. Diese Kraft zu ständig neuer künstler. Umsetzung zeigt sich bes. in den Variationen zum Thema Nue dans la baignoire, von denen das berühmteste 1936 dat. ist (Paris, Petit Pal.).

Ab 1910 lebte B. spartan. abwechselnd in Paris, der Normandie und dem Midi. Bis ca. 1930 verbrachte er den Herbst im Dauphiné, den Sommer in Vernon/ Normandie und die Wintermonate in Saint-Tropez, Grasse oder Antibes, hielt sich auch längere Zeit in Arcachon auf. Ab 1933 reiste er auch jedes Jahr nach Baule, dann nach Deauville-Trouville. 1926 erwarb B. ein Haus in Le Cannet, wohin er sich 1939 zurückzog (in die Nähe des in Nizza lebenden Freundes H. Matisse). Dort malte er Landschaften, Marinen und Gartenmotive gleich Farbenspielen, u.a. L’Avant Midi (1940–46); Grand Paysage du Cannet (1945, Milwaukee, Art Center); Le Cheval de cirque (1936–46); L’Atelier au Mimosa (1939–46, Paris, Centre G. Pompidou), Stilleben wie Le Dessert (1940, Høvikodden, Henie-Onstad Kunstsenter) oder Le Panier de fruits (USA, Coll. of the Reader’s Digest) sowie Selbstbildnisse, die geistige Konzentration und Aufrichtigkeit ausstrahlen. So reiht sich dieses Neuheiten gegenüber offene, aber allmählich autark entstandene, originelle Œuvre ganz selbstverständlich in die Trad. der frz. Malerei ein. Gerade aus der geschickten Verbindung von peinl. Sorgfalt und extremer Phantasie resultiert dessen ganzer Charme.

A. Terrasse

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Pierre Bonnard, Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, 1909, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Pierre Bonnard: Liegender Akt

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