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ADRIAEN BROUWER (1605/06 - 1638)

ADRIAEN BROUWER

1605/06 - 1638

Brouwer, Adriaen, fläm. Maler, Zeichner, * 1605/06 wahrsch. Oudenaerde/Flandern, † vor 1. 2. 1638 Antwerpen.

1626 und 1627 in Haarlem und Amsterdam nachweisbar, u.a. in Rederijkerkreisen. 1631/32 in der Antwerpener Lucas-Gilde als Freimeister eingeschrieben und von da an bis zum Tod häufig in dieser Stadt urkdl. erw., meist wegen seiner Schulden. 1632 war er aus unbek. Grund im „Casteel van Antwerpen“ inhaftiert.

In Antwerpen ist eine persönl. Bekanntschaft mit dem Stecher Paulus Pontius bezeugt, bei dem er 1634 wohnt. Seine Verbindung mit Jan Davidsz. de Heem und Jan Lievens ist durch eine Zeugenaussage urkdl. belegt. Über eine Lehre bei Frans Hals berichtet Houbraken, die aber sonst nicht weiter nachweisbar ist und auch nicht als künstler. Einfluß sichtbar wird.

Einige Bilder, die wir gemeinhin dem Frühwerk zurechnen, zeichnen sich durch eine starke Farbigkeit aus, die an Haarlemer Bilder der 20er Jahre erinnert, wie etwa von Hals, Judith Leister oder Jan Miense Molenaer. Nur wenige Bilder sind sign. bzw. monogrammiert. Andererseits tragen schwache Kopien häufig B.s Monogr., so daß die Abgrenzung des Werkes nicht eindeutig ist. Keines der Gem. ist dat. oder mit einem nachweisl. Auftrag verbunden, daher ist es überaus schwer, das Œuvre chronolog. zu ordnen.

Eine kleine Gruppe von Bildern, die einerseits unverwechselbare Merkmale von B.s Maltechnik aufweisen, zeichnen sich andererseits durch bes. Buntheit und eine gewisse Unbeholfenheit aus, die sie als Frühwerk charakterisieren, z.B. Interieur, dt. Priv.-Bes. (Renger 1994, Abb. 4), und Freiluftszene, amer. Priv.-Bes. (ibid., Abb. 1).

In einer weiteren, noch stark lokalfarbigen Gruppe ist eine zunehmende Sicherheit der Komp. spürbar: Pfannkuchenbäcker (Philadelphia); Wirtshausszene (Rotterdam); Bauerngesellschaft (Schwerin); Bauernmahlzeit (Basel); Bauernfest (Zürich); Streit beim Kartenspiel; Bauerntrinkgesellschaft (Amsterdam); Kartenspieler (Antwerpen).

Bereits die frühesten Bilder sind gekennzeichnet durch kurze, eng nebeneinander geführte Strichelchen, mit denen Lichter gesetzt und Oberflächen modelliert werden. Diese Charakteristika finden sich auch in den letzten Haarlemer und frühen Antwerpener Werken, deren Farbigkeit sich durch Weißbeimischungen auszeichnet. Die starke Lokalfarbigkeit der frühen Werke ist nun sehr gemildert, außerdem sind raffinierte farbkompositor. Nuancen zu beobachten. –

Schon in die frühen Antwerpener Jahre müssen Bilder fallen, in denen kräftiges Blau und Blaugrün vorherrschen. Mit einem kleinen Fleck in ungebrochenem Weiß, der in einem Hemdenzipfel oder einem eigens drapierten Tuch, einem Papier oder einer Kreide aufblitzt, werden Akzente gesetzt. In einer wohl zeitl. anschließenden Gruppe von Gem. sind die Hintergründe zunehmend in brauner Tonmalerei gehalten, vor denen ein stark farbiges Gewand oder eine grell rote Mütze den Hauptakzent bilden. Dabei ist in der Bilderzählung mehr und mehr eine Konzentrierung auf das dramat. Moment und eine Zuspitzung auf den psycholog. Höhepunkt zu beobachten.

Die dem Spätwerk zugerechneten Bilder sind größer im Format und im Figurenmaßstab. Nebensächliches tritt zurück, starke Ton-in-Tonmalerei in teilw. schmutzigen Farben mit schwarzen Beimischungen herrscht vor. Die Lsch. nehmen eine ähnl. Entwicklung. B.s vielfigurige Freiluftszenen der Frühzeit standen ganz in der Trad. fläm. Kirmes-Darst. und Dorfvergnügungen des 16. Jh.; Lsch. dient nur als Hintergrund für den vornehmlich moralisierenden Inhalt. Im Spätwerk wird die Lsch. selbst in ihrer atmosphär. Erscheinung zum eigtl. Anliegen, die Figuren werden auf knappe Staffage reduziert (Berlin, Wien). – B.s bevorzugte Themen sind Raucher- und Trinkerszenen, Streit beim Karten- oder Brettspiel, gelegentlich im Freien, in der Regel in der Wirtsstube, Lsch. und Studienköpfe. Aber auch christl. Stoffe sind in alten Inv. belegt, eine Antoniusversuchung im Besitz von Rubens, ein Christusbild bei Cornelis Dusart (Renger 1986, 19). Gleich der stilist. ist auch eine inhaltl. Entwicklung zu beobachten. Zunächst steht B. völlig in der ikonogr. Trad. des 16. Jh.

Bisweilen wörtl. Zitate aus dt. Hschn. und niederl. Gem. dieser Zeit zeigen, daß er auch deren moralisierenden Inhalt bewußt übernahm (Pfannkuchenbäcker, Philadelphia; Bauernfest, Zürich; Streit beim Kartenspiel, Amsterdam; Wirtshausszene, Rotterdam; Der eingeschlafene Wirt, Kupfer, München). Die kanon. Sünden Völlerei, Zorn, Faulheit stehen im Vordergrund. In der Folge bleiben die Themen weitgehend gleich, aber die trad. Inhalte treten zurück. Die Darst. von Schlägereien, Trinken, Rauchen, Singen und Musizieren werden zum Mittel, um Affekte und menschl. Zustände auszudrücken. In den Schlägereien äußern sich Schmerz und Wut, in den Raucher-, Trinkerszenen Genuß und Behagen. Die Sinne Gehör und Geschmack werden aus ihrer kanon. zykl. Form der Fünfsinne gelöst und drücken allg. menschl. Befindlichkeiten aus. Dafür dienen v.a. Darst. von Raucher-Ges. (München, New York) und Operationsszenen (Frankfurt, München), die durch B. erstmals zu bildwürdigen Themen werden.

Durch die Reduzierung dieser Szenen auf wenige Figuren tritt das Mienenspiel auf den Gesichtern um so stärker in den Vordergrund. Oft verbirgt er Augen von Nebenfiguren unter Mützen und erreicht dennoch einen glaubhaften mim. Ausdruck bzw. steigert damit das Mienenspiel der Hauptakteure. Die Affekte werden zum eigentl. Gegenstand.

In B.s Entwicklung ist bei den einzelnen Figuren eine Tendenz vom Typischen zum Individuellen zu beobachten. In diesem Zusammenhang erscheinen auch Einzelfiguren bzw. Köpfe als selbständige Bildthemen (Frankfurt, Den Haag, Rotterdam, Washington).

Die Bestimmung von B.s zeichner. Werk ist noch schwieriger. Zwei Zchngn besaß Rembrandt (Bredius, Urkunden, 42, Nr 42). Keines der heute unter B.s Namen geführten Bll. läßt sich ihm mit Sicherheit zuschreiben. Die Grenzen zu anderen Künstlern, wie Egbert van Heemskerck oder Philips Koninck, sind undeutlich. Ein Nukleus dürfte eine Gruppe von lose zerstreuten Skizzenbuch-Bll. sein. Über Graphit oder schwarze Kreidevorzeichnung sind in Feder und Pinsel flüchtig skizzierte Einzelfiguren angelegt, meist Bauern bei typ. Wirtshausvergnügungen (Berlin, Besancon, Hamburg, London [V & A]).

Außerdem wird ihm trad. eine Gruppe von drei kleinen Bll. mit in raschen Federschraffuren gez. Einzelköpfen zugeschr. (Stockholm). Grundlage der Zuschr. aller Zchngn sind lediglich die vergleichbaren bäuerl. Typen mit ausdrucksvoller Mimik und die spontane Handschrift sowie gelegentl. alte Sammlerbeschriftungen mit seinem Namen.

B. wurde schon frühzeitig hochgeschätzt. Rubens besaß 17 Gem. von ihm und Rembrandt neben den erw. zwei Zchngn sieben Gemälde. Bereits zu Lebzeiten wurden seine Werke wahrsch. in Gem. und Stichen kopiert bzw. wurde in B.s Art gemalt. Nicht alle Stiche mit seinem Namen sind jedoch als authent. zu betrachten. – Zu B.s Wkst. ist nichts überliefert. Als Schüler wird ein sonst nicht nachweisbarer Jan Dandoy gen.; trad. wird außerdem Joos van Craesbeeck dazu gerechnet. Unter B.s Einfluß standen in Antwerpen: David Teniers d.J., Gillis van Tilborgh, David Rijkaert III; in Holland: Adriaen van Ostade und Pieter de Bloot.

K. Renger

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Adriaen Brouwer, Der bittere Trank, 17. Jahrhundert

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