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CANALETTO (GIOVANNI ANTONIO CANAL) (1721 - 1780)

CANALETTO (GIOVANNI ANTONIO CANAL)

1721 - 1780

Canaletto, eigtl. Bellotto (Belloto; Beloto; Bellotti; Belotto), Bernardo Michiel, venez. Maler, Radierer, Zeichner, * 30. 1. 1721 Venedig, † 17. 11. 1780 Warschau.

2. Kind des Vedutenmalers Lorenzo Bellotto und Fiorenza Domenica Canal, der Schwester von Giovanni Antonio Canal, gen. Canaletto. In dessen Wkst. trat C. um 1735 ein; seine Ausb.-Phasen kann man anhand der 61 Zchngn im Hess. Landes-Mus. Darmstadt nachvollziehen (Bleyl, 1981): Auf Kopien von Canals Skizzen folgten Kabinett- Zchngn. Mit Hilfe einer camera obscura führte C. schemat. Umriß-Zchngn einer Gesamtansicht aus, die mit Skizzen aus der freien Hand zu synthet. Veduten zusammengefügt wurden.

Durch eigens entwickelte Strukturhilfen (horizontale Mittellinie, Papierfaltungen) gelangte C. zu selbständigen Archit.-Zchngn, die als Vorstufe seiner Gem. dienten. Daß er zu dieser Zeit ein selbständiger Maler wurde, beweist seine Aufnahme in die Fraglia dei pittori 1738. Das erste sign. Werk, eine Zchng in Darmstadt (Inv. Nr. AE 2218, „Campo S. Giouani paullo, li 8 Decem. 1740 feccit Bernardo Bellotti“), war Vorlage für ein Gem. (Springfield, USA) und seine 1. Kabinett-Zchng.

Am 20. Nov. 1740 bezahlt „per quatro vedute di quadri due di S. Marco e due del Arsenale“, die er an Marschall M. von Schulenburg lieferte (Binion, 1990, 27). Es handelt sich möglicherweise um die beiden Veduten in Ottawa und das Bilderpaar in Ringwood. Die frühere These, daß diese Werke zu einer Ser. gehörten (Pignatti, 1966, 219), wurde jetzt durch neue Dok. bestätigt (Binion, 1990, 29). Im Zusammenhang mit einer Reise an die Brenta E. der 30er Jahre mit Canal entstanden das Gem. Die Schleuse von Dolo gen Osten (Henley-on-Thames) und mehrere Zchngn von Padua und Umgebung, deren Motive in 38 Rad. verarbeitet wurden.

Die Sign. auf den Rad. „1741 B. B. detto Canaletto fe.“ läßt vermuten, daß seine Rolle in der künstler. Produktion der Wkst. zunehmend gleichberechtigt wurde, wie sich auch die gesellschaftl. Stellung festigte.

Heirat am 5. 11. 1741 mit Maria Elisabetta Pizzorno. Vermutl. wenige Wochen später Reise nach Rom über Florenz und Lucca; die Veduten dieser beiden Städte sind stilist. unselbständiger als die römischen. Nach Lucca kam er (wohl in Vertretung seines Onkels), um einen mögl. Bildauftrag für den Erzbischof E. Colloredo bzw. den Sammler S. Conti auszuführen (Honour, 1990, 64). Während seines Aufenthaltes in Florenz wohnte C. vermutl. im Pal. des Marchese V. Riccardi, dem er dafür zwei Bilder (heute in Budapest) schenkte. Auch Riccardis Verwandter, Marchese Gerini, sowie Marchese Gaburri, beide passionierte Sammler venez. Vedutenmalerei, könnten Auftraggeber für zwei weitere Bilderpaare gewesen sein (heute in Russborough bzw. Cambridge; Marinelli, 1993, 83).

Mit dem Aufenthalt in Rom ab Frühsommer 1742 fand C. zu einer neuen Sichtweise, v.a. bei der perspektiv. Raum-Gest. einer urbanen Flußvedute, die in den späteren Phasen seiner Karriere bevorzugt wird. Sie versucht neben der topogr. erfaßten Archit. auch den Himmel und den Fluß hervorzuheben. Dies läßt sich anhand der Veduten mit Tiber (Detroit und Toledo) nachvollziehen, in denen das themat. Interesse C.s signifikant wird: das Verhältnis Engelsburg – St. Peter als Sinnbild der Polarität zw. dem kaiserl. und dem päpstl. Rom. Die Vedute mit Tiber bei S. Giov. dei Fiorentini beweist ferner, daß C. vor dem 9. 6. 1742 in Rom eingetroffen ist, bevor man die im Bild dargestellten Häuser am Ospedale S. Spirito abgerissen hatte (Marini, 1993, 160). Daß C. in Rom persönl. Kontakte zu Piranesi pflegte, läßt sich nicht belegen; doch ist möglich, daß beide Künstler im Kreis um den neuen venez. Gesandten bei Benedikt XIV., Francesco Venier, im Pal. Venezia verkehrt haben.

Die gut ein Dutzend auf den röm. Aufenthalt zurückgehenden Gem. (teilw. nicht vor Ort entstanden) mit als Versatzstücke verwendeten Motiven bezeugen seine besessene Arbeitsweise und die außergewöhnl. künstler. Reifung. Bei der Rückkehr nach Venedig, viell. zur Taufe des ersten Sohnes Lorenzo am 15. 10. 1742 (Bortolan, 1973, 50), brachte C. einen Motivfundus (Zchngn und Skizzen) für ein Gem.-Repertoire mit, aus dem auch Canal geschöpft hatte (5 große, sign. und 1742 dat. Rom-Bilder in Windsor). In der Folgezeit entwickelte C. den Typus des Capriccios, eine Synthese zw. dem Thema einer archäol. Ruine und einer Lsch. en plein air, Versatzstücke aus versch. Bildern (Columbia, Parma). Am 16. 8. 1743 stellte C. bei dem venez. S. Rocco-Fest an der Fassade der Scuola 2 Werke aus: Vedute vom Kapitol (Petworth House) und Chiovere di S. Gio. Evangelista di Venezia (verschollen). Er wurde als „rinomatissimo per tal sorta di quadri“ bez. (Zanetti, 1885, 145). 1744 reiste der nun selbständig arbeitende C. in die Lombardei, wo er für hochstehende Auftraggeber tätig war. Für den Erzbischof von Mailand, G. Pozzobonelli, malte er die Vedute mit S. Eufemia und S. Paolo Converso in Mailand (Schweiz, Priv.-Slg; Bona Castellotti, 1991, 103).

Aus der Umgebung des Grafen A. Simonetta, für den 2 Veduten von Vaprio und Canonica (New York) entstanden, dürfte der dritte Auftrag für die Ansichten von Gazzada gekommen sein (Mailand). In der Quadreria degli Avogadro in Brescia befanden sich 1760 zwei „Prospettive di Canaletto“, möglicherweise von C. (Olivari I, 1990, 65). Dies würde Guarientis Angabe bestätigen, daß C. nach der Rückkehr aus Rom nach Verona, Brescia und Mailand reiste (Orlandi/ Guarienti, 1753, 110). Auf Einladung von König Carl Emanuel III. fuhr C. im Sommer 1745 nach Turin. In den Haushaltsbüchern des Königshauses verzeichnet man am 21. 6. und 17. 7. 1745 Zahlungen von je 975 Lire an C. für „la veduta di questa città“ und „la veduta di questa capitale verso li reali giardini e palazzo et altre adiacenze“ (heute Turin). Der kgl. Auftrag von Turin war für den 24jährigen C. der Ausgangspunkt seiner Karriere an den europ. Königshöfen (Bettagno, 1990, 18).

In der folgenden Zeit führte C. 7 Veduten von Verona aus, über deren Entstehung wenig bek. ist. Bei der Taufe von C.s Tochter am 5. 12. 1745 war Pietro Guarienti, der spätere Dir. der Kgl. GG in Dresden Pate. C.s Berufung nach Dresden hängt sicherlich mit Guarienti zusammen, der sein Talent einzuschätzen wußte. Gegen die These, daß C. nur „2. Wahl“ nach seinem Onkel war (Kozakiewicz I, 1972, 79), spricht, daß er von Anfang an mit 1750 Talern das höchste Jahresgehalt eines Hofmalers bezog.

Im Sommer 1747 siedelte C. mit Frau und Sohn Lorenzo nach Dresden über. Auf seinem ersten Dresdner Bild, der Vedute Dresdens vom rechten Elbufer oberhalb der Augustusbrücke, bekundet C. seine Präsenz an der Elbe durch die Inschr. BERNARDO BELLOTTO * DETTO. CANALETO * F. ANNO. 1747. INDRESDA sowie durch ein Selbst-Portr., das ihn zw. dem Prospektmaler Johannes Alexander Thiele und dem Hofmaler Christian Wilhelm Ernst Dietrich zeigt. C. wurde 1748 Hofmaler, der mit seinen Veduten die großzügige Baupolitik der beiden Kurfürsten-Könige dok. sollte.

Durch die Attribute (Zeichenblock und Stift) und das Stadtpanorama charakterisiert C. deutlich diese neue Stellung am Dresdner Hof. Er zeigt ferner die anderen am Hof tätigen Italiener: den kgl. Arzt Filippo di Violante und den Hofsänger Niccolò Pozzi, gen. Niccolini. Die Stadtvedute zeigt den Gebäudekomplex um den Schloßplatz mit der kath. Hofkirche, die konform mit den bauhist. Fakten einzig in diesem Bild als unvoll. erscheint. Später versucht C., einen Kompromiß zw. dem vermutl. kgl. Wunsch nach einem makellosen Stadtbild und der bauhist. Realität zu finden: man sieht die Kirche zwar beturmt, aber stets eingerüstet, große Steinquader daneben verweisen auf andauernde Bauarbeiten.

Zw. 1747 und 1753 malte C. die Stadt in 17 Ansichten mit den neu errichteten Bauwerken für die Kgl. Gal. (15 davon heute in Dresden). Ab 1753 entstanden im kgl. Auftrag 16 Ansichten von Pirna und von der Festung Königstein. Die meisten Bilder wurden auch radiert. Von allen Dresdner und 8 Pirnaer Veduten fertigte C. Kopien für den Premierminister Heinrich von Brühl an (die Bezahlung von jeweils 200 Talern war lt. einer Klageschrift des Malers gegen die Erben von Brühl 1763 nie erfolgt).

15 Gem. aus dem Nachlaß von Brühl wurden 1768 von der Zarin Katharina erworben (St. Petersburg, Moskau). Die hohe Zahl der für den König ausgef. Veduten (ca. alle 3 Monate ein großes Bild mit Replik für Brühl respektive Rad.) ließen C. kaum Zeit für andere Bildgattungen, v.a. die bevorzugten Capriccios, auch wenn sein Sohn Lorenzo in der Wkst. mitarbeitete. C.s Status in Dresden war hoch, wie die Patenschaft des Ehepaares Brühl für seine Tochter sowie kgl. Geschenke bezeugen (cf. Walther, 1995, 12).

Als 1756 bei Ausbruch des 7jährigen Krieges seine Auftraggeber nach Warschau flohen, reiste C. mit Lorenzo am 5. 12. 1758 nach Wien ab, Ankunft A. 1759. Er malte insgesamt 16 große Veduten für die damals größten Mäzene in der österr. Hauptstadt (Kozakiewicz I, 1972, 113): 13 im Auftrag der Kaiserin Maria Theresia (Wien), eine für Kanzler W. Kaunitz (Budapest) und 2 für Fürst J. W. Liechtenstein (Vaduz), was bedeutet, daß alle 6 Wochen ein Bild entstand. Bedenkt man, daß C. noch – mit Lorenzos Hilfe – kleinere Repliken ausführte, so kann man die Wiener Zeit als eine der größten Arbeitsleistungen seiner künstler. Laufbahn bezeichnen (Kozakiewicz I, 1972, 114).

Die Bildserie für Maria Theresia sollte ebenso die typ. Ansichten Wiens wiedergeben wie ihre Residenzen bzw. sie als Bauherrin verewigen. Auffallend bei den Darst. ist der narrative Realismus in der Staffage – eine Tendenz, die man bereits in den Pirnaer Bildern ansatzweise beobachten kann. A. Jan. 1761 reisten die beiden Bellotti nach München ab. Die Kaiserin empfahl sie an die sächs. Kurprinzessin Maria Antonia, die sich bei ihrem Bruder, Maximilian III. Joseph, aufhielt. Für den bayr. Kurprinzen führte C. bis Herbst 1761 3 große Veduten der Stadt und des Nymphenburger Schlosses aus (München).

Seit E. 1761 wieder in Dresden, fand C. sein Haus mitsamt der 24 Radierkupferplatten zerst., seine Fam. jedoch unversehrt vor. In 2 Gem. zeigt er die verwüstete Stadt, genauso detailliert wie die früheren Stadtpanoramen (Dresden, Troyes). Nach Beendigung des Krieges 1763 konnte der neue Kurfürst aus finanziellen Gründen keinen Hofmaler anstellen. C. bekam auf Intervention des Hofes eine auf 3 Jahre befristete Stelle an der neu gegr. Akad. (1764–1766 Perspektive-Unterricht in den Unterklassen für Lsch.-Malerei und Archit.).

Am 20. 1. 1767 ließ sich C. einen Paß für eine Reise nach St. Petersburg ausfertigen, wo er sich eine Anstellung bei der Zarin erhoffte. Er reiste mit Lorenzo über Warschau, um vom poln. König Stanis?aw August ein Empfehlungsschreiben zu erbitten. Durch den Hofmaler Marcello Bacciarelli dem König vorgestellt, wurde C. eingeladen, als Vedutenmaler am poln. Hof zu bleiben. Er ließ bald seine Fam. nach Warschau nachkommen.

Ab 1767 arbeitete C. im Pal. von Ujazdów b. Warschau, wo er mit Lorenzo eine „Sala dipinta a fresco“ gestaltete (Bassi, 1979, 181). Das künstler. Programm wurde vom König selbst koordiniert, dessen tägl. Besuche in Ujazdów C.s Wertschätzung beweisen. Einer Rechnungsnotiz zufolge waren die Arbeiten im Mai 1768 abgeschlossen: La Sale de Canaletto coute 35. 000 florins (1784 zerst., Entwurf bei Rizzi, 1990, Kat. Nr 1).

Der nächste Auftrag betraf ab 1767 einen Zyklus von 14 Romansichten nach Piranesi-Veduten. 4 Bilder dieser Ser. haben eine gemeinsame Sign. C.s und Lorenzos (als Canaletti, vgl. Rizzi, 1990, 23, 25, 28). Die 14 Veduten (7 antike und 7 päpstl. Motive) wurden zus. mit 4 Veduten von Warschau 1777 aus dem sog. Röm. Saal von Ujazdów in das Senatorenvorzimmer (Perspektiven- oder Canalettosaal) gebracht, wobei der König das ikonogr. Programm grundsätzlich änderte: vom Rom- zum Warschau-Zimmer. Die 22 Veduten von Warschau und das Bild Die Wahl des Königs Stanis?aw II. August Poniatowski in Wola versinnbildlichen die Legitimität der kgl. Macht und nobilitieren seine angezweifelte Genealogie (Rottermund, 1978; Rizzi, 1991, 30). Lt. einem Inv. von 1795 malte C. noch weitere 30 Bilder für Stanis?aw August.

Bis zu seinem frühen Tod 1770 war ihm Lorenzo behilflich, der als Maler immer in C.s Schatten stand. In Lorenzos Todesjahr malte C. dessen Portr. in der Vedute Warschau von der Vorstadt Praga aus (Jüngling am linken Bildrand in der Gruppe mit dem König und C.).

A. M. Szylin

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

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