Zurück zur Übersicht

JEAN-BAPTISTE-SIMÉON CHARDIN (1699 - 1779)

JEAN-BAPTISTE-SIMÉON CHARDIN

1699 - 1779

Chardin, Jean Siméon (Jean[-]Baptiste[-]Siméon), frz. Maler, * 2. 11. 1699 Paris, † 6. 12. 1779 ebd.

Sohn des auf Billardtische spezialisierten Kgl. Tischlers Jean C. Taufe am 3. 11. 1699 in Saint-Sulpice auf den Namen Jean Siméon (nicht Jean-Baptiste Siméon). Über die Ausb. C.s liegen keine zuverlässigen Inf. vor, außer daß er bei Pierre-Jacques Cazes Zeichnen gelernt haben soll. Am 3. 2. 1724 Aufnahme in die Acad. de Saint-Luc (reçoit ses lettres de maîtrise). Über die dortige Tätigkeit ist nichts bekannt. Allerdings entsteht in dieser Zeit das Aushängeschild für einen Chirurgen, das C. erste Aufmerksamkeit verschafft. Am 27. 5. 1728 stellt C. mehrere Stilleben während der Expos. de la Jeunesse auf der Pl. Dauphin aus, darunter La raie (Paris, Louvre). Das Bild fällt Mitgl. der Acad. Royale auf, die C. auffordern, sich um Mitgliedschaft an der Kgl. Akad. zu bewerben. Am 25. 9. 1728 wird er als „Maler mit der Begabung für Tiere und Früchte“ aufgenommen, die Akad. erhält La raie und Le buffett (Paris, Louvre) als Aufnahmearbeiten.

Wenig später (5. 2. 1729) verzichtet C. auf seinen Meistertitel an der Acad. de Saint-Luc. Am 15. 2. 1730 erwirbt Conrad Alexander de Rothenbourg, frz. Botschafter in Madrid und erster Mäzen C.s, eines von insgesamt sechs Bildern. Zu den Sammlern von C.s Bildern zählen auch seine Freunde und Kollegen Jacques-André-Joseph-Camelot Aved, Edme Bouchardon, Charles Nicolas Cochin d. J., Sekretär der Kgl. Akad. und Biograph C.s, Thomas-Aignan Desfriches, Robert Le Lorrain, Jean-Baptiste Lemoyne, Jean-Jacques Le Noir, Jean-Baptiste Pigalle, Jacques-Augustin Sylvestre, Louis- François Trouard und Jean-Baptiste Vanloo, weiterhin der Marquis de Marigny, Superintendent der Kgl. Bauten unter Louis XV, La Live de Jully, Prinz Joseph Wenzel von Liechtenstein, Graf Carl Gustav Tessin, Markgräfin Caroline Louise von Baden, Louis XV, Friedrich II., Katharina II. von Rußland und Louise Ulrike von Schweden. Ebenso besitzt der Kritiker Chevalier Antoine de la Roque, der regelmäßig über C. im Mercure de France schreibt, Bilder C.s.

C. heiratet am 1. 2. 1731 Marguerite Saintard († 13. 4. 1735), der gemeinsame Sohn Pierre-Jean-Baptiste war ebenfalls Maler. 1731 ist C. als Gehilfe von Jean-Baptiste Vanloo bei der Rest. von Fresken der Gal. François I. in Fontainebleau tätig. Vanloo erwirbt auch das im Mercure de France gelobte bas relief nach einem Bronzerelief von F. Flamand, das C. 1732 zus. mit anderen Stilleben auf der Pl. Dauphin ausstellt, wo er zwei Jahre später erstmals neben vier Stilleben drei Genre-Darst. zeigt. Am 3. 8. 1733 Geburt der Tochter Marguerite Agnès († 1735).

1735 zeigt C. Genreszenen bei einer Ausst. in der Kgl. Akademie. Auch seit der Neueröffnung des Salons 1737 stellt er bis 1751 fast ausschließl. Genres aus, vereinzelt auch Porträts. Im Mai 1738 erster Stich nach einem Gem. C.s (La Femme occupée à chacheter une lettre; Paris, Louvre), der im Mercure de France angekündigt wird. Seitdem häufige Stiche nach Genrebildern C.s, die weitgehend von Charles Nicholas Cochin d.Ä. ausgeführt werden und maßgeblich zu seinem zeitgen. Ansehen in Europa beitragen.

Im Nov. 1740 wird C. dem König in Versailles vorgestellt, dem er die Mère laborieuse und das Bénédicité (beide Paris, Louvre) anbietet, die in die Kgl. Slg im Louvre gelangen. Am 28. 9. 1743 wird C. zum Rat der Kgl. Akad. ernannt und heiratet am 26. 11. 1744 die Witwe Françoise Marguerite Pouget, in deren Haus in der 13 rue de Princesse er seitdem wohnt. Die Tochter Françoise Angélique, die am 21. 10. 1745 geboren wird, stirbt sechs Monate später. 1751 bezahlt der König die im Salon ausgestellte Serinette (Paris, Louvre) mit 1500 Livres, dem höchsten Betrag, den C. für ein Bild erhielt. 1752 werden ihm 500 Livres Kgl. Pension zugestanden.

1753 präsentiert C. neben vier Genrebildern wieder Stilleben im Salon. Bei mindestens drei dieser Stilleben handelt es sich offenbar um sehr frühe Werke (späte 1720er Jahre), was sich durch die verstärkte Nachfrage nach seinen Bildern erklärt, der er aber wegen der zeitintensiven Arbeitsweise nicht nachkommen kann.

1755 wird C. Schatzmeister der Kgl. Akademie. Er ist zunächst in Vertretung für den erkrankten Portail für die Anordnung der Bilder im Salon verantwortlich; nach dessen Tod (1761) wird ihm auch dieses (später durch eine weitere Pension von 200 Livres vergoltene) Amt übertragen.

Nachdem C. 1755 lediglich ein bereits bek. bas relief und ein Stilleben ausstellt, zeigt er 1757 und in den nächsten zwölf Jahren, abgesehen von sechs Wiederholungen von Genre-Darst., ausschließlich Stilleben (darunter zwei bas reliefs 1769). 1757 läßt der König C. durch Marigny eine Wohnung „in den Galerien des Louvre“ zuweisen. C.s Salonbeitrag 1759 wird erstmals in den Kritiken Diderots erwähnt, der sich bes. anläßlich der im Salon von 1763 präsentierten Arbeiten begeistert zeigt. Durch den Einfluß von Cochin d. J. erhält C. 1764 den Auftrag für drei Sopraporten im Schloß von Choisy.

1765 erfolgt die Aufnahme als Mitgl. an der Acad. des Sc., Belles-Lettes et Arts de Rouen. Es weist jedoch nichts darauf hin, daß C. deshalb Paris verlassen hat. Cochin d. J. verschafft 1766 C. den Auftrag für zwei Sopraporten für den Musiksaal von Schloß Bellevue, und Katharina II. erteilt C. den Auftrag einer großen Sopraporte für den Konferenzsaal der AK St. Petersburg.

Abermals ist es Cochin d. J., der 1768 und 1770 Erhöhungen der Pension C.s um 300 bzw. 400 Livres erwirkt. Die Ernennung von Jean Baptiste Marie Pierre zum Dir. der Akad. (1771) beschneidet den Einfluß Cochins als bislang allmächtiger Sekretär der Akad. erheblich, was Konsequenzen für C. zur Folge hat. C. beginnt das Pastell zu nutzen und stellt im Salon von 1771 erstmals Portr.-Pastelle aus, ferner zeigt er zwei bas reliefs 1771 und 1777 sowie ein Genre-Gem. 1773. Insgesamt stellt C. wenigstens 54 Genrebilder (einschließl. der mit bildnishaftem Char.), 14 Portr. (inklusive Pastelle), 8 trompe l’oeils (sämtlich Darst. von bas reliefs) und mindestens 49 Stilleben aus.

Einige der Werke zeigt C. mehrmals oder in Wiederholungen. Bilden die Stilleben innerhalb des Œuvres den weitaus größten Anteil, so erscheinen sie jedoch innerhalb des ausgestellten Werkes mit einem deutlich geringeren Anteil. 1774 tritt C. vom Amt als Schatzmeister der Kgl. Akad. und vom Amt des Organisators der Salon-Ausst. zurück, was im Zuge personeller Veränderungen trotz des Protests eine Kürzung seiner Pension zur Folge hat. Im Sept. 1779 nimmt er ein letztes Mal am Salon teil und erhält von Mme Victoire, einer Tochter des Königs, eine goldene Dose als Ausz. überreicht.

Das Œuvre der Gem. C.s dürfte kaum über die von P. Rosenberg (1983) gen. Werke, 173 Stilleben, 111 Genre-Darst., 10 Portr. sowie 9 Pastell-Portr. hinausgegangen sein. Von seinen Bildern hat C. nur einen Bruchteil datiert; die chronolog. Zuordnung der übrigen wird durch die von C. ausgeführten häufigen Wiederholungen und Varianten, überwiegend von Genre-Darst., zusätzlich erschwert.

Trotz der unsicheren Datierungslage findet man hinreichend Anhaltspunkte für eine Untergliederung des Œuvres C.s, die sich v.a. durch die Zuwendung zu einzelnen Gattungen innerhalb bestimmter Zeiträume ergibt. In den ersten Jahren der künstler. Tätigkeit C.s dominieren stillebenhafte Darstellungen; in dieser Zeit auch die ersten dat. Bilder (1728). Von 1733 bis 1751 widmet er sich fast ausschließlich dem Genre; aber auch einige hervorragende Stilleben stammen aus diesen Jahren. In den darauffolgenden Jahren beschäftigt C. v.a. das Stilleben; parallel dazu wiederholt er Genre-Darst., einige davon mehrmals. Zw. 1771 und 1779 wechselt er zum Pastell, v.a. für Bildnisse. Die wenigen Zchngn, die C. zugeschrieben werden, zeigen fast ausschließlich Genremotive. 

Auch wenn innerhalb der Rezeption C.s Darst. des häusl. Lebens lange im Mittelpunkt standen und die Portr. zu den besten der Zeit gezählt werden, sind es v.a. die Stilleben, die ihn als einen der wichtigsten frz. Maler des 18. Jh. erscheinen lassen. Dabei bleibt die Auswahl der Sujets im ganzen weitgehend der Trad. (holl., fläm. und frz. Stilleben) verhaftet. Allerdings richten sich Wahl und Zusammenstellung der Bildgegenstände zwar überwiegend, aber nicht mehr zwangsläufig nach themat. in sich geschlossenen Sujets wie Küchenutensilien u.ä.

C. verwendet zeitgen. Skulpt. als Motive und verstößt mit der Darst. geöffneter Tierleiber (z.B. des Rochen, aber auch von Wildbret) gegen das trad. Ideal des Schönen und den vorherrschenden Geschmack: das Naturhäßliche tritt unter dem Anspruch des Naturwahren neben das Naturschöne. Char. für die Stilleben ist (mit Ausnahme der Sopraporten) der Verzicht auf die bislang übliche Rhetorik der Gattung, sofern diese durch Symbolisierungen oder Allegorisierungen Bedeutungen transportierten.

Die Anzahl der (meist alltägl.) Gegenstände nimmt innerhalb der Werkentwicklung ab; ihre Formen werden zunehmend elementarer, wiederholen sich häufig. Die Auswahl des einzelnen Gegenstandes richtet sich nach den Anforderungen des Bildbaus, d.h. seine Formen müssen dem oft streng geometr. Kompositionsgerüst entsprechen wie die Gegenstandsfarben in der kolorist. Gesamtkonzeption aufgehen. Sie markieren in der Entwicklung der künstler. Umsetzung der Maxime von der imitatio naturae eine Position, die als grundlegend innerhalb der Geschichte der Gattung gilt. C. tritt mit der Kohärenzkonzeption der Stilleben in Konkurrenz zu zeitgen. und trad. Bildlösungen der Naturnachahmung, indem die Erzeugung von Einheit von der gegenständl.-symbol. auf die bildliche Ebene verlagert wird: die dargestellten Dinge weniger dadurch ihren Zusammenhalt finden, indem sie sich gemeinsam auf einen bestimmten Teilbereich der Realität beziehen oder den Betrachter an seine Vergänglichkeit gemahnen, sondern indem sie aufgrund der kolorist. Konzeption unterschiedslos in ihrem Erscheinen (als Genese und Vergehen von Dinglichkeit) als Einheit erfahren werden.

Der Naturbegriff wird vom Sujet als einer Summe von Einzelobjekten auf das gesamte Bild, seinen „Organismus“ transformiert, wodurch auch das Verhältnis der Dinge untereinander neu geordnet wird. Insofern kann von der Verlagerung von der Natur im Bild zur Natur des Bildes, zur „Bildnatur“ gesprochen werden. Am bildl. Prozeß von Genese und Vergehen ist der Betrachter aktiv beteiligt, Reproduktion von Wissen wird durch visuelle Erfahrung ersetzt. Mit diesem Verständnis von Bild-Natur, das als „aufklärerisch“ bezeichnet werden kann, markiert die Bildkonzeption von C. eine wesentliche Etappe auf dem Weg zur Autonomie des Bildes.

Die Stillleben C.s etablieren dabei ein Paradox: In dem Moment, in dem sich die Gattung vollendet, sich am schärfsten gegenüber den anderen Gattungen abzugrenzen scheint, indem sie auf jegliche Partizipation an den „großen Themen“ verzichtet, liegt der Keim für ihre Auflösung und die des gesamten Gattungssystems. Dies gilt ebenso für die Genreszenen, insbesondere die Kinderbilder, in denen die Kinder selbstvergessen in ihre Tätigkeiten versunken sind. Das selbstvergessene Schauen der Dargestellten erlangt in den Gem. eine Intensität, die emblemat. Inhalte, wie sie in den Texten zu den Nachstichen zum Ausdruck kommen, völlig in den Hintergrund treten läßt: Die Thematisierung des Vertieftseins in das Sehen als reflexiven Akt mittels der kolorist. Konzeption macht den Übergang zum Bild der Moderne möglich.

H. Broeker

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Jean-Baptiste-Siméon Chardin, Stillleben mit Rebhuhn und Birne, 1748

Jean-Baptiste Siméon Chardin: Stillleben mit Rebhuhn und Birne (Detail)

Mehr

E-Card versenden


* Pflichtfeld

Absender:






Empfänger:








Nachricht:



Copyright © 2014 Städel Museum. Alle Rechte vorbehalten.