Zurück zur Übersicht

LOVIS CORINTH (1858 - 1925)

LOVIS CORINTH

1858 - 1925

Corinth, Lovis (Franz Heinrich Louis), dt. Maler, Graphiker, Zeichner, * 21. 7. 1858 Tapiau/Ostpreußen (heute Gvardejsk/Rußland), † 17. 7. 1925 Zandvoort/ Niederlande.

1866–75 Kneiphöf-Gymnasium in Königsberg. Lebt vom achten bis zum sechzehnten Lebensjahr bei seiner Tante. 1873 Tod der Mutter. Geht nach Einjährigen-Examen zurück ins Elternhaus. Der Vater verkauft 1876 das Anwesen und zieht mit dem Sohn, dessen Wunsch, Maler zu werden, er unterstützt, nach Königsberg.

Stud.: ab 1876 ebd. Akad. beim Genremaler Otto Günther, den er auf Reisen nach Berlin und Weimar begleitet; 1880 Akad. München, Klasse Franz von Defregger, später bei Ludwig Löfftz, Bekanntschaft mit Hans Olde und Bernt Grönvold. Im Rückblick hält er Wilhelm Trübner und Wilhelm Leibl für seine wichtigsten Vorbilder. 1882/83 einjähriger Militärdienst. 1884 erhält das Bild Das Komplott in London eine Bronzemedaille.

Verbringt drei Monate bei Paul Eugène Gorge in Antwerpen, geht dann nach Paris, besucht die private Acad. Julian, wird Schüler von Tony Robert-Fleury und Adolphe William Bouguereau. 1886 Ostsee-Reise mit Hans Olde, auf der Lsch. und Portr. entstehen. Winter 1887/88 in Berlin, wo er den Künstlernamen Lovis annimmt; Begegnung mit Walter Leistikow, Max Klinger und Karl Stauffer-Bern. 1889 stirbt der Vater. 1890 Ausz. „mention honorable“ für die Pietà in Paris und Umzug nach München.

1891 wird sein Diogenes in der Glaspalast-Ausst. scharf kritisiert. Otto Eckmann führt C. in die Technik der Rad. ein. Seit 1892 malt er Schlachthausszenen. Im selben Jahr Mitgl. der Secession, zählt 1893 zur Freien Vrg, die aus der Secession ausgeschlossen wird und 1893 bei Schulte in Berlin ausstellt. Rückblickend schreibt C. später: „Von der Intrigue gegen die Münchner Sezession ... datiert mein Aufstieg“ (Selbst-Biogr.). Die 1895 entstandene Kreuzabnahme erhält im Münchener Glaspalast eine zweite Gold- Med., das erste Gem., das er verkauft. Kontakte zu der Literatengruppe „Die Nebenregierung“; 1896 Gründungs- Mitgl. der Freimaurerloge „In Treue fest“, der er bis zum Tod angehört.

Ab 1900 intensive Kontakte zur Berliner Secession um Max Liebermann, Walter Leistikow und Paul Cassirer. C. pendelt zw. beiden Städten, 1901 Mitgl. der Berliner Secession, an deren Ausst. er regelmäßig mit wichtigen neuen Werken beteiligt ist. Zieht im Herbst 1901 nach Berlin. Noch im Dez. des Jahres veranstaltet Cassirer eine Ausst. von C.s Gemälden.

Eröffnet am 14. 10. 1901 eine Malschule, deren erste Schülerin, Charlotte Behrend, er 1903 heiratet. 1904 Geburt des Sohnes Thomas. 1906 Beginn der Selbstbiographie. 1909 Geburt der Tochter Wilhelmine. 1910 Auftrag von Alfred Lichtwark für die Hamburger KH. Am 11. 12. 1911 schwerer Schlaganfall mit linksseitiger Lähmung. 1912 tritt C. nach der Wahl Cassirers zum Vors. der Secession aus dem Vorstand und der Jury aus. A. 1913 eröffnet Liebermann die große C.-Ausst. Cassirers mit über 200 Exponaten. Bei dem Eklat über die Rolle Cassirers in der Secession, in dessen Folge Liebermann und 41 weitere Mitgl. austreten und die Freie Secession gründen, bleibt C. als einziger namhafter Künstler Mitglied.

Am 30. 1. 1914 Rede vor Studenten „Über das Wesen der Malerei“, in der C. die von Herwarth Walden protegierte internat. Avantgarde angreift und für „dt. Kunst“ eintritt. Begrüßt den Ausbruch des 1. WK. 1915 wieder Vors. der Secession. Sommer und Herbst 1917 Ausst. in Mannheim und Hannover. Ehrenbürgerschaft der Geburtsstadt Tapiau. März 1918 Ausst. in der Secession zum 60. Geburtstag; Ernennung zum Prof., 1919 Mitgl. der Berliner Akademie. Baubeginn des Hauses Petermann in Urfeld am Walchensee. 1921 Ehrendoktor der Univ. Königsberg. 1923 Ausst. zum 65. Geburtstag in der NG Berlin. 1924 Wander-Ausst. in Zürich, Bern und Hamburg; Ausst. in Königsberg. Portr. des Reichs-Präs. Friedrich Ebert. 1925 Ehren-Mitgl. der Bayer. Akademie. Stirbt auf einer Hollandreise. 1937 werden bei der Aktion „Entartete Kunst“ 295 zumeist späte Werke C.s aus öff. Besitz beschlagnahmt.

Im Frühwerk noch versch. Lehrern verpflichtet, findet C. in München, dessen Kunstleben seinen Neigungen mit dem theatral. Klima des fin de siècle entgegenkommt, zu eigenem Ausdruck. Seine Werke in der Münchener Zeit sind charakterisiert durch einen verwirrenden Themenreichtum; Portr., Akte, großformatige Studien wechseln mit relig. und mytholog. Historien, die in ungewohnter Weise aufgefaßt sind. Während die Mythologien häufig zum Burlesken neigen (versch. Bacchanal- Darst., 1896, ’98), erscheinen christl. Themen wie Kreuzigung (1897), Kreuzabnahme (1895) etc. in einem bizarren, krassen Naturalismus.

Unter diesen Gem., die bei aller Eigenständigkeit gegenüber der in München wirkenden Trad. Böcklins, einen weiteren Ausdruck des Münchener Stilpluralismus bedeuten, ragt das Selbstbildnis mit Skelett (1896) heraus, in dem sich C.s Zugehörigkeit zur Moderne statuiert. Es ist das erste von zahlr. Selbst-Portr., von denen etliche zu seinen bed. Werken zählen. C. hat in diesen Jahren genügend Selbstbewußtsein als Maler gewonnen, um 1900 nach der Ablehnung des Gem. Salome in der Münchner Sezession und dessen Verkaufserfolg in der Berliner Secession nach Berlin umzusiedeln.

Mit der Übersiedlung in die damals dynamischste und kontrastreiche Kunstmetropole und stärker noch nach der Krankheit von 1911 werden lit. Themen zugunsten von Portr. deutl. zurückgedrängt. Hier gelingt es C. gesellschaftl. wichtige Auftraggeber zu gewinnen, so den Flottenadmiral Tirpitz (1917) und den Reichspräsidenten Ebert (1924). Wichtige Werke zeigen Vertreter des Kulturlebens: Gerhard Hauptmann (1900), Julius Meyer-Graefe (1917), doch die künstler. bed. Portr. gingen zumeist aus privater Situation hervor, am häufigsten Frau und Kinder zeigend. Das verschlossene, z.T. zur Depression neigende Wesen C.s lebt sich in diesen privaten Bildern in einer Intensität aus, die von den „großen“ Werken selten erreicht wird. Portr. erhalten zudem sinnbildhafte Bedeutung (Mutterliebe, 1911; Flora, 1923). Auch durch Rollen-Portr. von Schauspielern (Rudolf Rittner als Florian Geyer, 1906) treten lit. Bildgegenstände auf neue Weise ins Bild. C. selbst hat die Zweiteilung der Sicht seines Lebenswerkes in die frühe Periode und diejenige nach dem Schlaganfall 1911 eingeleitet (die später zur Auf- oder Abwertung des einen Teils gegenüber dem anderen benutzt wurde).

Die Krankheit bedeutete für ihn tatsächl. wohl weniger einen Bruch als eher eine Intensivierung des Malaktes. Auffällig ist jetzt die Hartnäckigkeit, mit der er einzelne Sujets, Akte, Selbst-Portr. Blumenstilleben, Lsch. um den Walchensee, immer aufs neue durcharbeitet. Wie ihm früher Berlin den Ausgleich zum gesellschaftl. Klima Münchens bot, so zieht er sich jetzt aus dem Überdruß gegen Berlin in die Lsch. am Walchensee zurück. Auch in der Druckgraphik (Lith. und v.a. Kaltnadel-Rad.) leistet C. Bedeutendes. Er widmet sich auch der Buch-Ill. und voll. über 1200 graph. Kompositionen.

G. Seelig

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Lovis Corinth, Carmencita (Bildnis Charlotte Berend-Corinth in spanischer Tracht), 1924

Lovis Corinth: Carmencita (Detail)

Mehr

E-Card versenden


* Pflichtfeld

Absender:






Empfänger:








Nachricht:



Copyright © 2014 Städel Museum. Alle Rechte vorbehalten.