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CARLO CRIVELLI (1430/35 - 1494/95)

CARLO CRIVELLI

1430/35 - 1494/95

Crivelli, Carlo, ital. Maler, * zw. 1430 und ’35 Venedig, † zw. 7. 8. 1494 (letzte dok. Erw.) und 3. 9. 1495 (Anerkennungsgesuch des Bruders Vittore C. um das Erbe) ebd., Sohn von Jacopo C.; lt. ThB ein Ridolfo C. (1487 in Fermo tätig) angebl. C.s Bruder.

C. sign. viele seiner Werke mit „Karolus Crivellus Venetus“. Das Geburtsdatum wird aus C.s erster urkdl. Erw. geschlossen, die ihn bereits als Maler aufführt: Am 5. 3. 1457 wird er wegen Ehebruchs zu sechs Monaten Kerker und 200 Lire Bußgeld verurteilt (Ludwig, 1905). Danach hat C. Venedig verlassen, am 11. 9. 1465 ist er in Zara/Dalmatien (Zadar) nachw. (Zampetti 1959/ 60). Viell. ist er dem 1456–61 in Padua tätigen Giorgio Schiavone dorthin gefolgt. Spätestens 1468 (Datum des sign. Polyptychons aus Massa Fermana) hat sich C. in den Marken niedergelassen, wo er bis zu seinem Tod bleibt. 1469 dok. in Ascoli.

Die Tätigkeit der folgenden Jahre in den Marken ist durch dat. Werke nachw.: Polyptychon aus Porto S. Giorgio (1470), Madonna Erickson (1472, New York, Metrop. Mus.; von einem rekonstr. Polyptychon, das viell. aus S. Domenico in Fermo stammt), Polyptychon des Domes in Ascoli (1473), Polyptychon aus S. Domenico in Ascoli (1476, London), Bernhardin von Siena (?) aus der Kirche dell’Annunciata ebd. (1477, Paris). Am 26. 5. 1478 bezahlt für ein nicht mehr erh. Bild für die Kirche in Montegiberto; am 17. 6. 1478 kauft er in Ascoli ein Haus und ist in einem Dok. vom 14. 11. 1478 als „Magistro Karulo veneto habitatori civitatis Asculi“ erwähnt. Von 1482 dat. eine Madonna (Rom) und das rekonstr. Polyptychon aus S. Domenico in Camerino (Mailand u.a.). Für S. Pietro in Camerino verpflichtet sich C. 1483, einen Altar zu malen (nicht erh.). Von 1485 dat. die Pietà Panciatichi unbek. Provenienz (Boston), von 1486 die Verkündigung aus der Chiesa dei Minori Osservanti, Ascoli (London). Ein Zahlungsbeleg vom 16. 6. 1487 spricht von einer (nicht erh.) „tavola da dipingere e da collocare nella chiesa di S. Lorenzo di detto Castello“, womit das Castel Trosino bei Ascoli gemeint ist (Zampetti, 1986, 16; anders Drey, 1927, und Zeri, 1961, die das Castel S. Pietro annehmen).

Am 1. 9. 1487 stirbt C.s Sohn in Ascoli, und C. ist seitdem dort nicht mehr nachw., sondern überwiegend in Camerino, in Fabriano und in Matelica tätig. 1488 wird C. mit der Madonna Candeletta für die Kathedrale in Camerino (Mailand, Brera) und mit der Schlüsselübergabe für S. Pietro degli Osservanti in Camerino (Berlin) beauftragt, 1490 mit der Marienkrönung für S. Francesco in Camerino (Mailand, Brera). Am 2. 4. 1490 verleiht Ferdinand von Aragon, der spätere König von Neapel, C. den Titel eines „Miles“ (Drey, 1927, 116), womit C. die Madonna Rondine aus Matelica (London), von Ranunzio Ottoni und Giorgio di Giacomo am 11. 3. 1491 bestellt, signiert. Von 1491 dat. auch die Madonna für S. Francesco in Fabriano, von 1492 die Maria Immacolata, die wahrsch. aus S. Francesco in Pergola stammt (beide London).

C.s letztes dat. Werk ist die Marienkrönung aus S. Francesco in Fabriano von 1493 (Mailand, Brera), deren Entstehungs-Dok. auch die Komp. der Pietà über der Marienkrönung nennt (Zampetti, 1986, 299). – C.s venez. Herkunft zeigt sich in der Übernahme der Polyptychon-Form aus der Vivarini-Wkst. und deren Beibehaltung bis in die 80er Jahre. Seine frühen Madonnen zeigen zudem, daß C., nachdem er Venedig verlassen hat, in Padua mit den Squarcione-Schülern Giorgio Schiavone und Marco Zoppo in Kontakt getreten ist. Ihren Madonnenbildern entnimmt er die Komp. der Brüstung und architekton. Rahmung mit antikisierenden Formen, Fruchtgirlanden und musizierenden Putten.

C.s erstes sign. Werk, die Madonna mit Kind und Passionswerkzeugen (Verona), steht Schiavone und Zoppo am nächsten. Mit seinem Wechsel in die Marken entfernt sich C. von bed. Kunstzentren und ihren unmittelbaren Einflüssen, folgt aber viell. einer Spur der Vivarini, die 1462 und ’64 in den Marken tätig waren (Drey, 1927). Das Polyptychon von Massa Fermana (1468) ist das erste sign. und dat. Werk in den Marken und zugleich das erste einer Folge von Polyptychen, die zumeist auf versch. Slgn verstreut sind. Auf Goldgrund gruppiert C. einzelne Hll. in horizontaler und vertikaler Reihung um die Madonna mit Kind. Ihre Gesichter und Körper erscheinen wie gemeißelt, es wiederholen sich bestimmte Ausdrucksmuster erregter Gesichter mit Tränen oder geöffneten Mündern. Schmuck, goldener Brokat, Vasen und Früchte sowie der in vielen Farben marmorierte Stein der Architekturen statten die Hll. ornamenthaft aus.

Das Polyptychon von Ascoli Piceno ist das einzig vollst. erh. und diente für die Altarrekonstruktionen als Vorbild. Der Rekonstr. des Polyptychons aus Porto S. Giorgio (Longhi, 1946; Zeri, 1950; Bia?ostocki, 1956) liegt auch ein Dok. zugrunde, das die Provenienz und die dargestellten Hll. nennt (Zampetti, 1986, 254). Die Rekonstr. des dreireihigen Polyptychon Demidoff (London) erwies sich als falsch (Davies, 1961; Zampetti, 1951; Zeri 1961); seine Taf. wurden 1961 in das Polyptychon von 1476 und das Polyptychon Petrus Martyr, dessen Mittel-Taf. das Budapester Bild sein kann, getrennt.

In den 80er Jahren beginnt C., möglicherweise als Reaktion auf Giovanni Bellinis Marienkrönung in Pesaro, sich von dieser Altarform zu lösen und auf einer Pala Bildthemen wie die Vision des Gabriel Ferretti (London), die Sacra Conversazione mit der Schlüsselübergabe (Berlin) oder die Marienkrönung (Mailand, Brera), die an Bellinis Bild anknüpft, in einer räuml. Situation darzustellen. So ist die Verkündigung, aus Anlaß der 1482 von Papst Innocenz VIII. der Stadt Ascoli erteilten „Libertas Ecclesiastica“ entstanden, in ein offenes Gebäude sowie eine Häuserflucht gesetzt, die mit überreichen Ornamenten verziert und auf einen links der Bildmitte liegenden Fluchtpunkt hin angelegt sind (Zanobini Leoni, 1984).

K. Conradi

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Carlo Crivelli, Verkündigungsengel und Maria Annunziata, 1482

Carlo Crivelli: Verkündigungsengel und Maria Annunziata

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