Zurück zur Übersicht

MAX ERNST (1891 - 1976)

MAX ERNST

1891 - 1976

Ernst, Max (Maximilian), dt.-US-amer.-frz. Maler, Graphiker, Bildhauer, * 2. 4. 1891 Brühl b. Köln, † 1. 4. 1976 Paris.

Vater von Jimmy E. Erster Sohn des Taubstummenlehrers Philipp E. und seiner Frau Luise (geb. Kopp). Das Ehepaar hat neun Kinder, von denen zwei kurz nach der Geburt sterben. Die Jugendzeit verbringt E. in Brühl, wo er ab 1897 die Übungsschule des Lehrerseminars und ab 1900 das städt. Gymnasium besucht. Schon früh erhält er Malunterricht durch den Vater, der in seiner Freizeit als Autodidakt zeichnet und malt.

Nach dem am 11. 3. 1910 bestandenen Abitur (Ill. für die Abitur-Ztg "Aus unserm Leben an der Penne") ab Sommersemester 1910 Stud. an der Univ. Bonn Altphilologie, Phil., Psychologie (daher rührt seine frühe Kenntnis der neuesten Forsch. in der Psychiatrie und Psychologie) und Kunstgeschichte.

Bald macht er sich mit den wichtigen zeitgen. Kunstströmungen vertraut, kann in Bonn und Köln Arbeiten des „Blauen Reiter“, der Kubisten und Futuristen sehen; mit August Macke verbindet ihn ab 1911 eine enge Freundschaft. Er lernt Robert Delaunay, Guillaume Apollinaire und 1914 Hans Arp kennen. Dennoch wird er in seinen Rezensionen für den „Bonner Volksmund“ die Provinzialität der rhein. Kunstszene drastisch beschreiben. Mehrfach fährt er nach Paris, besucht auch Auguste Rodin im Atelier in Meudon. Im Kreis der rhein. Expressionisten macht E. erste Ausst.- Erfahrungen (Juli 1913, Buch- und Kunstsalon Cohen in Bonn, bald darauf auch im Berliner Sturm, „Erster dt. Herbstsalon“).

E.s Frühwerk ist durch diese vielfältigen Einflüsse geprägt, er orientiert sich bereits 1909 an Van Gogh (Lsch. mit Sonne, 1909, Priv.-Bes.), zeigt sich bes. von Seurat, Matisse, Macke, Kandinsky und den Futuristen (Portr., ca. 1913, Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Mus.) beeindruckt („Resultat: Chaos im Kopf“, Biogr. Notizen [K M. 1979, S. 128]). Ziel dieses stilist. Wechselspiels ist eine bewußte Synthese der versch. Gattungen, Richtungen und Epochen, Kombinatorik als Gestaltungsprinzip. E. läßt sich nicht nur von Werken der Avantgarde und denen alter Meister, sondern auch von Volkskunst und Bauernmalerei anregen. E. und der Bruder Karl treten am 24. 8. 1914 den Militärdienst beim Rhein. Feldartillerie-Regiment Nr 23 in Koblenz an, im Jan. 1915 wird er als Kanonier an die Westfront verlegt. Im Jan. 1916 werden über 50 seiner Arbeiten zusammen mit Werken von Georg Muche im Berliner Sturm gezeigt, einige davon wandern mit der zweiten Sturm-Ausst. in die Gal. Dada in Zürich.

Im Nov. 1916 wird er mit seinem Regiment für ein halbes Jahr an die Ostfront verlegt (Ausz. mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse; im Frühjahr 1918 gegen seinen Willen zum Leutnant der Reserve befördert). Kriegserfahrungen verarbeitet er zunächst in starkfarbigen Aquarellen. Am 7. 10. 1918 heiratet E. die Kunsthistorikerin Louise Amelie Straus. Nach der Entlassung aus dem Heer zieht das Paar nach Köln, wo sich beide im Dez. an der Gründung der Ges. der Künste (GdK) als rhein. Sektion des Berliner Arbeitsrats für Kunst beteiligen.

Bei einem Besuch bei Paul Klee in München im Sommer 1919 knüpft E. erste Kontakte mit den Zürcher Dadaisten. In der Buchhandlung Goltz sieht E. die Zs. Valori Plastici mit Bild-Reprod. von Carlo Carrà und Giorgio de Chirico, die ihn die nächsten Jahre inspirieren (Aquis submersus, 1919, Frankfurt am Main, Städel). Bei der Herbst-Ausst. der GdK im Kölnischen KV kommt es zur Sezession, und die Kölner Dada-Gruppe formiert sich. E. stellt mit Johannes Theodor Baargeld, Hans Arp, Hanns Bolz, Angelika und Heinrich Hoerle, Anton Räderscheidt und Franz Wilhelm Seiwert neben eig. Arbeiten auch Kinder-Zchngn, außer-europ. Kunst und Industrieerzeugnisse aus, was an Praktiken der Entgrenzung der Kunst der Zürcher Dadaisten anknüpft.

1919/ 20 erschließt sich E. eine Vielfalt neuer Arbeitstechniken. Er experimentiert mit dicken Holzlettern und Strichklischees in einer Druckerei und findet einen Kat. der Kölner Lehrmittelanstalt, dessen dichte Folge von Bildern aller Art ihm in den Dada-Jahren als wichtigstes Vorlagenmaterial für Collagen und Übermalungen dient. E. publiziert A. 1920 die Lith.-Mappe Fiat modes pereat ars, in der sich der Einfluß von De Chirico mit steilen, leeren Raumbühnen und den darauf vereinsamten Schneiderpuppen am direktesten spiegelt.

E. und Baargeld werden Herausgeber der Zs. Die Schammade, die dok., daß Köln den Anschluß an die Dada-Zentren in Zürich, Berlin und Paris gefunden hat. E. und Baargeld werden von der juryfreien Frühjahrs-Ausst. der Arbeitsgemeinschaft Kölner Künstler ausgeschlossen, verlegen daraufhin ihre skandalträchtige, kurzfristig polizeilich geschlossene Schau unter dem Titel „Dada-Vorfrühling“ in das Brauhaus Winter. Auf der „Ersten Internat. Dada-Messe“ in Berlin stellen Baargeld und E. ebenfalls aus.

Am 24. 6. 1920 Geburt des Sohnes Hans-Ulrich (Jimmy) E. Im Okt. kommt Arp nach Köln; zus. mit E. entstehen die ersten FATAGAGA-Collagen.

Am 2. 5. 1921 wird die erste Einzel-Ausst. in Paris mit dadaist. Spektakel in der Buchhandlung Au Sans Pareil eröffnet. Sie bietet einen breiten Querschnitt der Kölner Dada-Arbeiten, es fehlen nur die großen Materialassemblagen (vgl. das Relief Fruit d’une longue expérience, 1919, Genf, Priv.-Bes.). Alle Verfahren beruhen auf der Kombination und Variation von Mat. zur halbautomat. gesteuerten Fixierung von Bildvisionen: In ein prekäres Gleichgewicht gebrachte Maschinen entstehen aus Durchreibungen von Klischees, biomorphe Lsch. haben geogr. Lehrtafeln des Lehrmittel-Kat. zur Grundlage und Fotocollagen, die auf die traumat. Erfahrungen des WK anspielen, werden aus billigen Broschüren mit Abb. von Flugzeugen und Bomben zusammengeklebt.

Im Unterschied zu den Collagen der Berliner Dadaisten bemüht sich E. um Gest. einer neuen Bildrealität, die den Arbeitsprozeß verschleiert. Hinzu kommen ausführl. Titel, die weitere Sinndimensionen erschließen. Für André Breton eröffnet sich im Vorwort zum Kat. eine bildl. Darst. der Territorien jenseits der sichtbaren Realität, in die künftig Entdeckungsfahrten unternommen werden sollten; er beschreibt hier erstmals surrealist. Zielsetzungen unter der Klammer des Begriffs Dada.

Die Kontakte nach Frankreich werden bei mehreren gemeinsamen Aufenthalten in Tirol 1921/22 enger geknüpft. Besuche von Gala und Paul Eluard in Köln führen zu den beiden Gemeinschafts-Publ. Répétitions (1921) und Les malheurs des immortels (1922) mit Holzstichcollagen, deren meist aus populär-wiss. Publ. des 19. Jh. stammendes Vorlagenmaterial sich wegen einheitl. Linientextur für die von E. angestrebte perfekte Bildillusion wie auch die preiswerte Reproduktion bes. gut eignet. Für das zweite Buch schreibt E. zus. mit Eluard auch die Begleitgedichte.

Im Okt. 1921 malt er nach langer Zeit erstmals wieder ein großformatiges Ölbild, Die Leimbereitung aus Knochen (zerst.), Vorlage ist die gleichnamige Collage. Auch die anderen Gem. der sog. protosurrealist. Phase (Der Elefant von Celebes, 1921, London, Tate Gall.; Oedipus Rex, 1922, Priv.-Bes.; Pietà ou la révolution la nuit, 1923, London, Tate Gall.; Sainte Cécile, 1923, Stuttgart, SG; La femme chancelante, 1923, Düsseldorf, KS NRW) lassen sich oft auf das gleiche Vorlagenmaterial wie die Holzstichcollagen zurückführen. E. kann hier seine Visionen in großem Format und in Farbe verwirklichen: mon. Objekte und Figurenfragmente, die in kühner Kombinatorik vor niedrigem Horizont gestellt eine überwältigende tranceund traumähnl. Präsenz entfalten.

Ende Juli 1922 verläßt E. seine Frau und zieht zu den Eluards. Deren neues Haus in Eaubonne b. Paris wird 1923 mit einem umfangreichen Wandbilderzyklus ausgestattet (1967 wiederentdeckt, Fragm. in Teheran, Mus. of Contemp. Art; Düsseldorf, KS NRW; Hannover, Sprengel Mus.; Paris, MNAM und Priv.-Bes.). Die in den postdadaist. Pariser Kreisen gepflegten Séancen und Hypnosen finden ihren Niederschlag im Gruppenbildnis Au Rendez-vous des amis (1922, Köln, Mus. Ludwig), das in der romant. Trad. des Freundschaftsbildes steht. Die Publ. des ersten Manifests des Surrealismus von André Breton 1924 versäumt E. in Indochina, wo er sich mehrere Monate aufhält. Doch bereits im folgenden Jahr greift er mit seiner Frottagenfolge der Histoire naturelle (1926 publ.) und weiteren mit Hilfe indirekter Techniken entstandenen Arbeiten (Ritzungen, Assemblagen, Durchreibungen, Grattagen) in die Debatte um die bildner. Ausdrucksmöglichkeiten des Surrealismus ein.

Die halbautomat. entstandenen Frottagen gelten als graph. Gegenstück zur „écriture automatique“ der surrealist. Schriftsteller. E. ist langjähriges Mitgl. der surrealist. Gruppe, offiziell ausgeschlossen wird er erst 1955, doch gibt es bereits vorher viele Phasen des Rückzugs von den Gruppenaktivitäten. V.a. folgt er Aragon, Breton und Eluard nicht in die kommunist. Partei. Ein Vertrag mit dem Sammler Jacques Viot sichert E. ab 1925 ein regelmäßiges Einkommen, auch hat er in den folgenden Jahren mehrfach Ausst. in Pariser Gal.: 1926/27 bei Van Leer, 1928 bei Georges Bernheim, 1930 bei Vignon. In Deutschland wird E. schon früh von Johanna Ey, dann von Alfred Flechtheim vertreten. Zus. mit Joan Miró wird er im Frühling 1926 von Serge Diaghilev beauftragt, für Les Ballets russes in Monte Carlo die Bühnenbilder zur Inszenierung von Serge Lifar zu Romeo und Julia zu entwerfen.

E. beginnt mit Serien, den Grätenwäldern, Muschelblumen, Vogeldenkmälern und Hordenbildern, die zumeist auf der Basis indirekter Arbeitstechniken entstehen. Hinzu kommen einzelne Programmbilder wie das skandalträchtige La vierge corrigeant l’enfant Jésus devant trois témoins (1926, Köln, Mus. Ludwig). Im April 1927 heiratet er Marie-Berthe Aurenche. Ende 1929 erscheint der erste Collagenroman La femme 100 têtes, dem ein „Avis au lecteur“ von Breton vorangestellt ist. Die Collagenromane (hinzu kommen noch 1930 Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel und 1934 Une semaine de bonté ou les septs éléments capitaux) basieren wiederum auf Holzstichmaterial. V.a. die beiden ersten Romane sind vielfach lesbar, suggerieren durch Bildfolge und Bildunterschriften einen oftmals gebrochenen Handlungsablauf, umkreisen jedoch alle die nun durch visionäre Kraft des Surrealismus ermöglichte Befreiung aus ges., staatl. oder kirchl. Unterdrückung.

In einer Bildfolge um 1930 führt E. die Kunstfigur Loplop ein, die als sein Alter ego Bilder präsentiert, es ihm damit ermöglicht, Überlegungen zum künstler. Handeln visuell zu formulieren. Eine in mehreren autobiograph. Texten aufgebaute Identifikation mit diesem vogelhaften Wesen entwickelt sich zu einer Privatmythologie, die ihre Wurzeln in psychoanalyt. interpretierten Kindheitserlebnissen hat. Die großformatige Fotocollage Loplop présente les membres du groupe surréaliste (1931, New York, MMA) ist eine der wenigen Arbeiten im Stil der Berliner Dadaisten, sie soll den neugefundenen Gruppenzusammenhalt nach den Querelen um das zweite surrealist. Manifest dokumentieren.

Während eines längeren Aufenthaltes in Zürich entsteht 1934 ein Wandbild für die Corso Bar (Pétales et jardin de la nymphe Ancolie, jetzt Kunsthaus Zürich). Im nächsten Jahr beschäftigt sich E. erstmals nach den Dada-Assemblagen wieder mit der Skulptur. Gemeinsam mit Alberto Giacometti findet er in den Moränen des Forno-Gletschers im Bergell Steine, die bildhauer. nur noch minimal bearbeitet werden müssen.

In den folgenden Jahren huldigt E. mit einigen bearbeiteten Fundstücken der surrealist. Beschäftigung mit dem Objet trouvé (Objet recommandé aux familles, 1936, Wilhelm Lehmbruck Mus. Duisburg), wichtiger für sein nun schubweise einsetzendes bildhauer. Werk ist aber die in Auseinandersetzung mit dem surrealist. Objektbegriff von ihm gefundene Kombinatorik von Gipsabformungen von Fundstücken wie Blumentöpfen, Muscheln, Flaschen u.ä. in einem wiederum collageartigen Prozeß. Die meisten dieser häufig anthropomorphen Gipsfiguren werden erst nach dem 2. WK in Bronze gegossen. Eine größere Anzahl der Gipse wurde inzwischen von der KS NRW, Düsseldorf, erworben.

Die Bilderserien der 1930er Jahre, Flugzeugfallen-Gärten, Versteinerte Städte, Dschungelbilder, entstehen aus der raffinierten Verschränkung von inzwischen entwickelten indirekten Arbeitstechniken. Als Künstler hat sich E. in Paris nun durchgesetzt, eine E.- Sondernummer der Cah. d’Art erscheint 1937 und enthält seinen kunsttheoret. Haupttext „Au-delà de la peinture“.

Im Aug. 1937 entwirft E. das Bühnenbild für das Stück Ubu enchaîné von Alfred Jarry, das an der Comédie des Champs-Elysées unter Regie von Sylvain Itkine herausgebracht wird. Hinzu kommt sein Engagement in den Kreisen der dt. Exilkünstler, E. ist Vorstands-Mitgl. des Freien Künstlerbundes.

In Deutschland werden zahlr. Bilder beschlagnahmt, auf der Wander-Ausst. „Entartete Kunst“ 1937/38 wird u.a. aus dem Düsseldorfer KM La belle Jardinère (1923) in der Abteilung „Verhöhnung der dt. Frau“ gezeigt. E. malt 1967 als Replik auf das seither verschollene Hw. der protosurrealist. Phase Retour de la Belle Jardinère (The Menil Coll., Houston).

In der künstler. Arbeit schlägt sich E.s polit. Engagement nur sehr selten und verschlüsselt nieder. Gemeinhin werden jedoch die drei Fassungen des L’ange du foyer (1937, Priv.-Bes. und München, BSGS) als Reaktion auf den span. Bürgerkrieg interpretiert.

Im Herbst 1938 zieht E. mit der engl. Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington, die er im Juni 1937 in London kennengelernt hat, nach Saint- Martin d’Ardèche in ein selbstrenoviertes und mit Flachreliefs, Wand-Gem. und Freiplastiken aus armiertem Beton ausgestattetes altes Bauernhaus.

Als neue Arbeitstechnik für Gem. kommt 1939 die 1934 von Oscar Domínguez gefundene Décalcomanie hinzu, ein Abklatschverfahren, das schlierenhafte, farbenprächtige Strukturen entstehen läßt, die dem Hineinsehen und Ausdeuten von phantast. Gebilden bes. entgegenkommen.

A. Sept. 1939 wird E. im Gefängnis von Largentière, dann im Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert. Nach der Freilassung Ende Dez. erneute Internierung in Les Milles im Mai 1940. Leonora Carrington wird während seiner Abwesenheit nach einem schizophrenen Schub in Spanien in einer Anstalt interniert. Nach zweimaliger Flucht aus dem Lager wartet er ab Sept. in Marseille in der Villa Air-Bel mit vielen anderen Surrealisten auf die Ausreiseerlaubnis.

Im Juli 1941 gelingt mit Hilfe der Galeristin und Sammlerin Peggy Guggenheim, mit der er im Dez. des Jahres eine kurze Ehe eingeht, die Flucht über Spanien und Portugal in die USA. Die Valentine Gall. zeigt in New York im Frühling 1942 in einer Einzel-Ausst. verzauberte, mit mytholog. Personal bevölkerte Lsch. der letzten fünf Jahre (z.B. Europa nach dem Regen, 1940–42, Hartford, Wadsworth Atheneum; Totem und Tabu, 1942, München, BSGS), die meist mit Hilfe der Décalcomanie entstanden.

Hinzu kommen Bilder in der Oszillationstechnik (frei tropfende Farbe über einer Lw. gibt eine vom Maler ausdeutbare Grundstruktur vor: La planète affolée, 1942, Tel Aviv, Mus. of Art). In der Zs. View erscheint dazu der Ausst.-Kat. und sein autobiograph. Text „Some Data on the Youth of M. E. As Told by Himself“. Das visuelle Pendant ist das großformatige Vox Angelica (1943, New York, Slg Filipacchi), das in einem Kästchenraster einen Rückblick auf das künstler. Werk gibt. Mit Breton wird er Berater für die surrealist. Zs. VVV, die in vier Nummern von Juni 1942 bis Febr. 1944 erscheint.

Seine erneuerte Mitgliedschaft in der surrealist. Gruppe dok. das Manifestgemälde Le Surréalisme et la peinture (1942, Houston, The Menil Coll.), das seinen Titel von Bretons gleichnamigem Essay bezieht.

Während eines Sommerurlaubs in Great River auf Long Island 1944 fertigt E. in einem improvisierten Atelier eine größere Anzahl von Plastiken. Für den Film Dreams that money can buy (1944/47) entwirft E. das Szenario für die Episode Desire und spielt auch die Hauptrolle, so wie er bereits 1930 als Räuberhauptmann in L’âge d’or von Luis Buñuel und Salvador Dalí mitspielte und später an Richters Schachfilm 8 x 8 (1956/57) mitwirken sollte. Mit dem Geld, das E. im Mal-Wettb. für den Film The Private Affairs of Bel Ami und mit Temptation of Saint-Anthony (1945, Wilhelm Lehmbruck Mus., Duisburg) gewinnt, siedelt er mit der Malerin Dorothea Tanning, die er am 24. 10. 1946 heiratet (Doppelhochzeit mit Juliet Browner und Man Ray in Beverly Hills), nach Sedona/Ariz. über. Das von ihm eigenhändig errichtete Wohnhaus wird wie in Saint-Martin mit Maskenfriesen und Skulpt. geschmückt. Im Garten entsteht 1948 das plast. Hw. Capricorn (Fragm. Berlin, Slg Pietzsch; Arbeitsgipse in Berlin, Neue NG und Los Angeles, County Mus. of Art; Bronzegüsse ab 1964), das einerseits den Formenkanon der bis dahin entstandenen Skulpt. zitiert und weiterentwickelt, andererseits aber auch die intensive Beschäftigung mit den Kulturen der nordamer. Indianer verrät.

E. sammelt nicht nur außer-europ. Kunst und studiert die ethnolog. Lit., sondern besucht auch die Reservate der Hopi-Indianer (vgl. Le régal des dieux [K Mus. mod. Kunst], W. 1948). Im Nov. 1948 wird E. US-amer. Staatsbürger. Im Sommer 1952 hält E. Vorlesungen an der Univ. von Hawaii in Honolulu über Einflüsse der Künste der sog. Primitiven auf die Kunst der Neuzeit. Das Buch Beyond Painting (ed. von R. Motherwell) bilanziert wie die Ausst. in der Copley- Gall., Beverly Hills (1949), das künstler. Werk der letzten 30 Jahre.

Nach einem längeren Aufenthalt in Paris 1950 kehrt er 1953 dauerhaft nach Frankreich zurück (1955 Umzug nach Huismes/Tourraine, 1958 frz. Staatsbürgerschaft, 1964 Umzug nach Seillans/Provence). Die Ausst. der frühen 1950er Jahre bezeichnet E. in seinen autobiograph. Notizen als Fiasko, da seine Werke in starkem Kontrast zum in Frankreich florierenden Informel stehen. Seit der Verleihung des Großen Preises für Malerei auf der 27. Bienn. in Venedig 1954 häufen sich jedoch die Ausz. und Preise (erste Monogr. von Patrick Waldberg, 1958, Eduard Trier, 1959, und John Russell, 1966, kommen hinzu). Bei den Gem., die ab 1950 in Paris entstehen, fallen die hellen Farben auf, so daß die Kritik von Lichtmalerei und einem glücklichen, harmon. Werk spricht. In Le cri de la mouette (1953, Houston, The Menil Coll.) entspricht der luziden, zurückgenommenen Farbigkeit die Reduktion und das Vereinfachen der Bildmotive.

Char. für das Spätwerk ist der bewußte, zitathafte Rückgriff auf Motive und Arbeitstechniken der Vorkriegsjahre, die von E. somit kommentiert und weiterentwickelt werden. Ein Beispiel dafür ist das Gem. Le jardin de la France (1962, Paris,MNAM), für das er in Dada-Manier eine Kopie nach der Naissance de Vénus von Alexandre Cabanel übermalt.

Unter den zahlr. von E. geschriebenen und ill. Büchern ragt das 1964 zus. mit Iliazd veröff. 65 Maximiliana oder die illegale Ausübung der Astronomie heraus (Hamburg, MKG: Entwürfe, Zustandsdrucke u.ä.). In einer kongenialen Verbindung von Farb-Rad., der von E. entwickelten hieroglyphenartigen „Geheimschrift“ und den von Iliazd gesammelten und in ungewöhnl. freier Typographie gesetzten Texten entsteht eine Hommage an den verkannten Astronomen Ernst Wilhelm Leberecht Tempel. Neben Skulpt.-Gruppen wie Corps enseignant pour une école de tueurs (1967, Priv.-Bes.) sind die Figurenkonstellationen für die Brunnen in Amboise (1968) und Brühl (1971) hervorzuheben, die das plast. Spätwerk zusammenfassen.

1968 entstehen Bühnenbilder für La Turangalîla, ein Ballett von Olivier Messiaen in der Choreographie von Roland Petit an der Pariser Oper. Eine Serie mit Assemblagen in den späten 1960er Jahren bildet sowohl eine Ahnengalerie der geistigen Vorbilder E.s nach Art der Loplop-Portr. als auch eine Ausst. des Werkzeugs aus dem Atelier, montiert werden Schablonen und Druckplatten sowie Fundstücke wie Muscheln, Tapetenreste und Spitzendeckchen. Auch die letzten Serien greifen Motive aus dem Frühwerk auf. Großformatige Kosmologien und Planetenbilder, die im Reflex auf die Entwicklung der Raumfahrt entstehen, lassen sich bis zu den Himmelsbildern der Frottagen für die Histoire naturelle zurückführen.

Nachdem E. im Febr. 1975 anläßlich der Retr. im Guggenheim Mus. in New York ein letztes Mal in die USA reist, erleidet er im Mai einen Schlaganfall und stirbt nach elf Monaten Krankenlager in der Pariser Wohnung, 19, rue de Lille, in der Nacht zu seinem 85. Geburtstag.

Ausz.: 1954 Mitgl. der Berliner AK; 1957 Großer Kunstpreis für Malerei des Landes NRW; 1959 Prix nat. des Arts et des Lettres; 1961 Stephan-Lochner-Med. der Stadt Köln, 1964 Alfred- Lichtwark-Preis der Stadt Hamburg und Verleihung des Prof.-Titels durch die Reg. des Landes NRW; 1966 Offizier der Ehrenlegion, aber Ablehnung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Brühl; 1972 Ehrendoktorwürde der Univ. Bonn. 

L. Derenthal

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Max Ernst, Aquis submersus, 1919, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Max Ernst: Aquis submersus (Detail)

Mehr
Max Ernst, et les papillons se mettent à chanter / und die Schmetterlinge beginnen zu singen, Illustrationsvorlage zu "La femme 100 têtes", 1929, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Max Ernst: et les papillons se mettent à chanter (Detail)

Mehr

E-Card versenden


* Pflichtfeld

Absender:






Empfänger:








Nachricht:



Copyright © 2014 Städel Museum. Alle Rechte vorbehalten.