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ANSELM FEUERBACH (1829 - 1880)

ANSELM FEUERBACH

1829 - 1880

Feuerbach, Anselm, dt. Maler, Zeichner, * 12. 9. 1829 Speyer, † 4. 1. 1880 (Herzschlag) Venedig (begr. Nürnberg, Johannisfriedhof).

Urenkel von Johann Anselm F.; Sohn von Joseph Anselm F., ab 1836 Prof. für klass. Philologie und Archäologie an der Univ. Freiburg im Breisgau. Mutter ist Amalie F. († 1830), geb. Keerl, Tochter eines Appellationsgerichtsrats in Ansbach. 1834 heiratet der Vater in zweiter Ehe Henriette Heydenreich, die mit namhaften Gelehrten, Musikern und bild. Künstlern befreundet ist und diese mit F. bekannt macht. Zudem ist sie zeitlebens unermüdlich als Fürsprecherin und Managerin des häufig kranken, zw. hochfahrendem Selbstbewußtsein und lähmender Depression schwankenden Künstlers tätig.

1843 erhält F. ersten systemat. Zeichenunterricht beim Anatomiezeichner der Freiburger Universität. Ab April 1845 Schüler der Düsseldorfer KA, zunächst „Malerknabe“ im Atelier von Wilhelm von Schadow, außerdem Unterricht im Antikensaal. Im Febr. 1846 Aufnahme in die Malklasse. Seine Lehrer sind außer Schadow auch Carl Ferdinand Sohn, Johann Wilhelm Schirmer und Carl Friedrich Lessing. Großherzog Leopold von Baden gewährt ihm in dieser Zeit ein bescheidenes Stipendium.

Ende Febr. 1848 verläßt F. die Düsseldorfer Akad. und erreicht E. Mai München. Er studiert Fresken von Carl Rottmann in den Hofgartenarkaden; in der AP kopiert er u.a. Die Gefangennahme Simsons von Peter Paul Rubens (heute der Rubens-Wkst. zugeschr.; Heidelberg, Kurpfälz. Mus.). F. schreibt sich an der Münchener AK ein, besucht sie aber nur wenige Wochen.

Statt dessen tritt er 1849 in das Atelier des Malers Karl Rahl ein, der ihn menschl. und künstler. beeinflußt. Im Herbst 1850 reiste Feuerbach nach Antwerpen und besucht dort in den folgenden Monaten die Akademie. Der Aufenthalt in Antwerpen fördert seine künstler. Entwicklung jedoch nicht. Im Mai 1851 reist er über Freiburg nach Paris, wo er zunächst bis Sommer 1852 bleibt. Zum ersten Mal fühlt er sich als „freischaffender Künstler“. Im Louvre studiert und kopiert er Rembrandt, Veronese, Tizian, Rubens.

In Paris entsteht bis 1852 mit Hafis in der Schenke (Mannheim, StKH) die erste eig. große Komposition. Von den zeitgen. Künstlern in Paris beeinflussen ihn Eugène Delacroix, Gustave Courbet und bes. Thomas Couture, von dem er mehrere Gem. kopiert und in dessen Atelier er beim zweiten Parisaufenthalt zw. Nov. 1852 und Mai 1853 arbeitet. F. fühlt sich durch Couture von der akad. Malerei zur freien Kunst hingeführt. Von Juni bis Sept. 1853 besucht er Henriette Heydenreich, die sich nach dem Tod des Vaters in Heidelberg niedergelassen hat und erhält dort auf Vermittlung der Stiefmutter mehrere Bildnisaufträge.

Es folgt der dritte Paris-Aufenthalt, den er im April 1854 durch eine überstürzte Abreise beendet, bei der er außer dem noch unvoll., dem Stil Coutures verpflichteten Der Tod des Pietro Aretino (Basel, KM) alle Bilder zurückläßt. F. wendet sich Karlsruhe zu, das einen herben Kontrast zur Weltstadt Paris bildet. Er malt acht Supraporten für den großherzogl. Hof (Karlsruhe, Bad. LM) und voll. den Aretino, dessen Ankauf für die Großherzogl. KH jedoch nicht zustande kommt.

Auch hofft F. vergebens auf eine Prof. an der neugegründeten Karlsruher KA, zu deren Gründungs-Dir. Großherzog Friedrich I. eben den Düsseldorfer Landschaftsmaler Wilhelm Schirmer berufen hat. Aber er erhält ein Stip. des Großherzogs für eine Reise nach Italien. Dort soll er seine Fähigkeiten vervollkommnen und für die Karlsruher KA als Studienmaterial Kopien nach Tizian oder Veronese malen. Ende Mai 1855 bricht F. in Begleitung des Dichters Joseph Victor von Scheffel nach Venedig auf. Bereits die ersten Italieneindrücke überwältigen ihn und rücken die Pariser Erfahrungen in den Hintergrund. F. entscheidet sich, Tizians damals in der Akad. zu Venedig ausgestellte Himmelfahrt Mariens (Assunta) zu kopieren (Karlsruhe, SKH).

Den Sommer verbringt F. mit Scheffel am Tobliner See, wo zahlr. Lsch.-Studien entstehen. Als Hochzeitsgeschenk für den bad. Großherzog malt F. 1855/56 noch in Venedig die große statuarische Gestalt Die musikal. Poesie (Karlsruhe, SKH). In Karlsruhe wird das Bild als künstler. fehlerhaft bewertet, das von F. erhoffte weitere Stip. wird nicht gewährt. F. entschließt sich dennoch, in Italien zu bleiben und reist über Padua und Bologna nach Florenz. Wieder studiert und kopiert er die ital. Renaiss.-Künstler. Eine syphilit. Infektion zwingt ihn in Livorno zur ärztl. Behandlung.

Am 1. 10. 1856 erreicht er Rom, wo er bis 1873 bleibt, unterbrochen von mehreren Studienreisen in Italien und Aufenthalten bei der Stiefmutter in Heidelberg. Mit ihr reist er zu mehreren Sommeraufenthalten nach Baden-Baden. In Rom entwickelt F. seinen an der griech. Antike und an der Renaiss. ausgerichteten reifen Malstil. Er will die Historienmalerei von äußerl. Schaueffekten befreien, indem er ihr klass.-lineare Form und ideale Gedankentiefe verleiht. Statt des hist. Geschehens interessiert ihn die eth. Bedeutung, statt spannender Momente eine übergreifende Vision von Humanität. Er schickt Bilder zu zahlr. Ausst. nach Deutschland. Dort begegnet das Publikum seiner Kunst jedoch skeptisch. F.s Werke wirken auf die Zeitgenossen farblos, statuarisch, zu wenig anekdotisch.

Schon kurz nach seiner Ankunft in Rom lernt er den Lithographen und Fotografen Julius Allgeyer kennen. Es entwickelt sich eine lebenslange, von F. dominierte Freundschaft. Allgeyer wird F.s Biograph und fotografiert dessen Werke. Zunächst benutzt F. Allgeyers Arbeitsräume mit, bezieht aber 1857 im Pal. Costa ein eig. Atelier. F. wird Mitgl. im Dt. Künstler-Ver. in Rom. Hier begegnet er u.a. Reinhold Begas, Ludwig Passini, Arnold Böcklin, Carl Steinhäuser und dem Kunsttheoretiker Konrad Fiedler.

Im Frühjahr 1860 lernt F. die Schustersfrau Anna Risi kennen, die er Nanna nennt. In ihr sieht er sein klass. geprägtes Schönheitsideal verkörpert. Sie wird Modell, seine Muse und schließl. Lebensgefährtin. Mit ihr führt er einen aufwendigen Lebensstil, der seine über weite Strecken von wirtschaftl. Schwierigkeiten geprägten Verhältnisse weit übersteigt. In F.s Gem. verkörpert Nanna hist., mytholog. und relig. Gestalten. Noch 1860 malt F. sie in Maria mit dem Kinde zw. musizierenden Engeln (Dresden, SKS). Es entstehen zahlr. Portr. (z. B 1861: Karlsruhe, SKH; Köln, WRM; Stuttgart, SG; 1861, ’62; München, NP; 1864, Hannover, Niedersächs. Landes-Gal.). 1862 ist Nanna das Modell für die Darst. der sehnsüchtig am Strand von Thaurus sitzenden Iphigenie (Darmstadt, Hess. LM), F.s erstes rein klass. Bild, in dem auch sein Streben nach einem am antiken Griechentum orientierten Dasein zum Ausdruck kommt. 1865 verläßt ihn Nanna.

1866 wird Lucia Brunacci sein neues Modell. Er malt sie u.a. 1871 in einer zweiten, das Sehnsuchtsmotiv noch einmal steigernde Fassung der Iphigenie (Stuttgart, SG). 1861 trägt Böcklin ihm eine Prof. an der KSch Weimar an, doch F. lehnt nach längerem Zögern ab. Ende 1862 macht Paul Heyse auf Bitten Henriette Heydenreichs und Julius Allgeyers den Münchener Sammler und Mäzen Adolf Friedrich von Schack auf F. aufmerksam. Schack erwirbt insgesamt zwölf Bilder, u.a. Der Garten des Ariost (1862); Pietà (1863); Paolo und Francesca (1864); Hafis am Brunnen (1866). Schack ist es gewohnt, Einfluß auf die Arbeit der von ihm unterstützten Künstler zu nehmen, was unweigerl. zu Spannungen zw. F. und ihm führt. Zudem führen unterschiedl. Preisvorstellungen und Verzögerungen in der Fertigstellung von Bildern immer wieder zu Mißstimmungen. Als Schack die Finanzierung des Gastmahls ablehnt, kommt es im Dez. 1868 zum Ende der Beziehung.

F. verfolgt den für seine Zeit bemerkenswert mod. Wunsch, seine Werke durch Fotografien zu verbreiten. Ende 1866 verhandelt er in München mit dem Kunstverleger Hanfstaengl über die Publ. des Œuvres durch ein fotogr. Mappenwerk. 1867 bezieht F. in Rom ein großes Atelier in der Via S. Nicola da Tolentino. Den Sommer verbringt er mit der Stiefmutter in Baden-Baden. Dort begegnet er Clara Schumann, Johannes Brahms und Joseph Joachim. Über Jahre hinweg beschäftigt sich F. mit der maler. Umsetzung des von Plato verfaßten Dialogs „Symposion“. F. entwickelt aus dem Text die großformatige Komp. Das Gastmahl (Karlsruhe, SKH). Nach Schack lehnt auch der bad. Großherzog die Finanzierung des Gem. ab. F. entschließt sich, das Bild selbst zu finanzieren. Er thematisiert die Textstelle, in der die Festgäste des Dramensiegers Agathon (u.a. Sokrates, Aristophanes) geistvoll über das Wesen des Eros debattieren, während Agathon den mit einem bacchantischen Gefolge eintretenden berauschten Alcibiades begrüßt. In der direkten Gegenüberstellung des dionys. Alcibiades mit der hoheitsvollen Figur Agathons sind in spannungsreicher Komp. Rauschhaftigkeit und formbetonende Geistigkeit konfrontiert. F. voll. das Gem. 1869 und stellt es noch im selben Jahr auf der Großen Internat. Kunst-Ausst. in München aus; er hofft auf großen Publikumserfolg. Das an den Kolorismus von Piloty und Makart gewöhnte Publikum nimmt das Bild aber wegen grautoniger, kühler Farbigkeit und des klass. Figurenstils mit großem Befremden auf, so daß es aus einem der Mittelsäle der Ausst. entfernt und zu den Kartons gehängt wird. Trotzdem wird es noch während der Ausst. in Priv.-Besitz verkauft. Daß es damit der Öffentlichkeit entzogen wird, widerspricht jedoch F.s Intentionen, denn er sieht in diesem Bild sein ganzes künstler. Wollen zum Ausdruck gebracht.

In dieser Zeit wird man in seiner bad. Heimat wieder auf F. aufmerksam und bietet ihm 1869 eine Prof. an der KSch Karlsruhe an, die F. jedoch desinteressiert ablehnt. 1870 voll. er die Medea (München, BSGS), eine wiederum klass. beruhigte Komp. zu einem Motiv der Argonautensage. Um das Gastmahl „der Welt zurückzugeben“, malt er bis 1873 eine zweite Fassung (Berlin, NG), in der er, um der Kritik entgegenzuwirken, die kompositionelle Strenge der ersten Fassung zugunsten einer bereicherten Szene und einer dekorativen Gest. aufgibt. Diese Fassung des Gastmahls steht am Ende der Zeit F.s in Rom und leitet in eine neue, barock bewegtere Schaffensphase über. Gleichzeitig arbeitet er an einer großformatigen Amazonenschlacht, die er 1872 voll. (Nürnberg, GNM, Leihgabe der Stadt Nürnberg).

In diesem vielfigurigen, aktionsreichen Bild zitiert er berühmte Vorbilder mit dem Ziel, eine zeitlose Vision von Aggression, Vernichtungswut, Chaos, Schmerz und Tod darzustellen. 1872 als Prof. für Historienmalerei an die KA Wien berufen, wo er das Amt 1873 antritt. Er unterrichtet hier mit großem Erfolg, seine Werke werden aber stets an der dekorativ pompösen Kunst von Hans Makart gemessen. Anfang 1874 stellt F. im Wiener Künstlerhaus nacheinander die Amazonenschlacht und die zweite Fassung des Gastmahls aus; beide Gem. werden heftig kritisiert. Dessen ungeachtet erhält er den Auftrag für die Deckenbilder in der Aula des neuen Wiener Akad.- Gebäudes mit einem mon. Titanensturz im Zentrum.

1876 arbeitet Feuerbach während der Genesung von einer Lungenentzündung an der Niederschrift der schon 1874 beg. Lebenserinnerungen „Aus meinem Leben. Wahrheit ohne Dichtung“. Ebenfalls 1876 verlegt Henriette Heydenreich auf F.s Wunsch ihren Wohnsitz nach Nürnberg; F. besucht sie dort regelmäßig. Er fühlt sich schon seit einiger Zeit von Nürnberg angezogen. 1876 beteiligt er sich an der Internat. Kunst- und Industrie-Ausst. im Glas-Pal. München (zweite Fassung des Gastmahls; Amazonenschlacht; Iphigenie; Aretino) und erhält für einen bereits Anfang der 1860er Jahre entstandenen Studienkopf die Goldene Medaille. Beendet 1877 die Prof. in Wien, indem er aus gesundheitl. Gründen um Entlassung bittet. Makart wird 1879 zum Nachfolger berufen. Die Folgezeit ist von neuerl. finanziellen Schwierigkeiten geprägt. Die Nürnberger Handelskammer beauftragt ihn mit dem Wandbild für ihren Sitzungssaal im neuerbauten Justiz-Pal. Kaiser Ludwig der Bayer erteilt Nürnberger Bürgern Privilegien (erh.).

Noch 1877 reist F. nach Venedig und mietet im Pal. Dolfin Atelierräume an, um dort den Titanensturz für Wien und das Nürnberger Bild zu malen. Letzteres voll. er ohne künstler. Engagement bereits 1878. Aus Nürnberg erhält er einen zweiten Auftrag und malt ebenfalls 1878 das großformatige Historienbild Der Einzug Kaiser Maximilians I. in Nürnberg (nicht erh.).

Für das Bild der Handelskammer verleiht ihm König Ludwig II. von Bayern das Ritterkreuz I. Kl. vom Zivilverdienstorden des Hl. Michael. Der König zeigt auch Interesse, Feuerbach als Nachfolger des in eine polit. Affäre verstrickten Karl Theodor Piloty zum Dir. der AK München zu machen. Doch F. ist es recht, als Piloty rehabilitiert wird. Anfang 1879 voll. F. in Venedig den Titanensturz. Die Darst. des ovalen Deckenbildes zeigt den dramat. Augenblick, in dem die Entscheidung im Kampf um die Macht zw. Zeus und den Titanen gefallen ist. Für F. ist dies gleichbedeutend mit dem Sieg der Kultur über die rohen Naturkräfte. Noch 1879 stellt F. den Titanensturz auf der Münchener Herbst-Ausst. zus. mit der 1870 entstandenen Medea aus. König Ludwig II. von Bayern erwirbt die Medea und schenkt das Bild der Münchener Pinakothek. Erst 1892 wird in Wien die neue Aula der AK mit dem Titanensturz eröffnet.

Der zeitlebens z.T. heftiger Kritik ausgesetzte F. erfährt postum große Anerkennung und wird bald als Erneuerer der idealen Malerei des 19. Jh. angesehen. Noch 1880 richtet die Berliner NG eine Ausst. des Nachlasses aus. 1882 gibt Henriette Heydenreich F.s autobiograph. „Vermächtnis“ heraus, das zahlr. Neuauflagen erfährt. 1890 beschließt der bad. Staat, die erste Fassung des Gastmahls zu erwerben und in der Karlsruher KH einen F.-Saal einzurichten. 1894 erscheint eine F.- Monogr. von Julius Allgeyer (21904). Ein Höhepunkt der F.-Verehrung ist die Präsentation von 70 Werken auf der Berliner Dt. Jh.-Ausst. von 1906.

J. Dresch 

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.
 

Anselm Feuerbach, Halbfigurenbild einer Römerin in weißer Tunika und rotem Mantel, 1862/66

Anselm Feuerbach: Römerin in weißer Tunika

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