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GEORG FLEGEL (1566 - 1638)

GEORG FLEGEL

1566 - 1638

Flegel, Georg, dt. Stillebenmaler, * 1566 (erschließbar aus dat. Werken) Olmütz (Olomouc), begr. 23. 3. 1638 Frankfurt am Main.

Sohn des Schuhmachers Nikl F. und seiner Ehefrau Ursula. F. war der erste auf Stilleben spezialisierte Meister in Deutschland und einer der bedeutendsten europ. Stillebenmaler des frühen 17. Jh.

Sein Handwerk erlernte er nicht, wie früher angenommen, in den Niederlanden, sondern durch die berufl. wie privat enge Beziehung zur Maler-Fam. van Valckenborch. Mit Lucas van Valckenborch, ab 1582 Hofmaler von Erzherzog Matthias von Österreich in Linz, kam F. 1592/93 nach Frankfurt am Main. Der Kontakt könnte über den Maler Gerardt van Valckenborch, einen Bruder von Lucas, vermittelt worden sein, der 1577–79 in Olmütz lebte.

Wahrsch. erhielt F. seine Ausb. bei L. van Valckenborch in Linz und folgte diesem, zus. mit seiner Frau Brigitta († vermutl. 1633 Frankfurt am Main), als Spezialist für stillebenhafte Bildeinfügungen („Bildstaffierer“) nach Frankfurt. Bei F.s Ankunft war das dortige künstler.- kulturelle Milieu stark von den ab 1554 eingewanderten fläm. Künstlern und Kunsthandwerkern geprägt. Auch Martin van Valckenborch, ein weiterer Bruder von Lucas, lebte ab 1584 (1586 Bürger) in Frankfurt.

Wenige Archivalien (Zülch, 1935; Müller, 1956) dokumentieren F.s über 40jähriges Wirken: Die Aufnahme als Bürger 1597 wurde unterstützt durch ein Zeugnis des Lucas van Valckenborch († 1597). Dieser Vorgang dürfte den Zeitpunkt von F.s selbständiger Tätigkeit als Maler markieren. 1594 Taufe des erstgeborenen Sohnes Martin; bis 1608 folgen sechs weitere Kinder (für vier Kinder F.s übernehmen Mitgl. der Fam. van Valckenborch die Patenschaft).

F.s Anfänge als Stillebenmaler sind innerhalb der großformatigen Gem. (Markt-und Gartenstücke, Jahreszeitenfolgen, Gastmahle) des L. van Valckenborch seit den späten 1580er Jahren zu sehen, in die F. stillebenhafte Bildelemente einfügte: Feld- und Gartenfrüchte, Blumen und Blumensträuße, Fleisch, Fische, Vögel, Delikatessen und zubereitete Speisen, Gläser, Pokale, Vasen und Tafelgeschirr.

Zwar läßt sich F.s Anteil an den Gemeinschaftswerken nicht mit Sicherheit bestimmen; doch wird in der Forsch. seine intensive Mitarb. an den Werken, die L. van Valckenborch 1592–95 als Hauptautor signiert und datiert, sowie die Zusammenarbeit F.s mit and. Malern der Valckenborch-Wkst. (Martin) nicht angezweifelt. Auch wird eine sporad. Kooperation mit and. Malern erwogen (z.B. mit Gillis Coignet bei dem Gem. Allegorie [Luxuria, Venus], 209. Kunst-Aukt. van Ham, Köln 2001, 46 s.). Die Zuschr. der Stillebenanteile an F. erfolgt jeweils mit stilist. Argumenten. Auch, weil eine parallele eigenständige Arbeit in der Wkst. des L. van Valckenborch nicht nachw. ist, sind F.s Anfänge als selbständiger Stillebenmaler wohl E. 1590er Jahre anzusetzen (vgl. oben).

Schon früh wurde F. auch außerhalb von Frankfurt für seine Stilleben geschätzt: Für Herzog Philipp II. von Pommern-Stettin erwarb dessen Kunstagent Hainhofer 1611 ein Werk; das Wappen der Grafen von Erbach auf einem frühen Stilleben (heute Cervená Lhota) spricht für einen direkten Auftrag. Das Sammlungs-Inv. der Fam. Granvelle in Besançon listet Stilleben F.s auf, die sich vor 1607 in der Slg befunden haben müssen. Bei aller Wertschätzung als Maler blieb F.s soziale Stellung jedoch untergeordnet (geringer Steuersatz). Lt. alter, verlorener Quellen soll er auch Wirtshausschilder und Postkutschen bemalt haben; daß er auch Gruppenbilder und Portr. malte, wie in älterer Lit. erw., ist bislang nicht nachgewiesen.

Seit der ersten Monogr. von Müller (1956; WV: 32 Gem.; 7 Insekten-Darst. aus der Slg Prehn; 110 Berliner Aqu.) ist das heute bek. Œuvre F.s durch neu aufgefundene monogr. und sign. Gem. sowie durch zahlr. neue Zuschr. stark angewachsen (Wettengl, 1999; Ketelsen-Volkhardt, 2003). Die Diskussion über Eigenhändigkeit und Wkst.- Beteiligungen ist noch nicht abgeschlossen; dennoch wird das Œuvre F.s inzwischen in seiner außergewöhnl. Vielfalt sichtbar: Mahlzeiten- und Dessertstilleben, Vorbereitungen zur Mahlzeit, Mahlzeitenstilleben mit Blumensträußen, Blumen- und Vogelstilleben, Nachtstücke mit brennender Kerze, Schrank- und Nischenbilder als Trompe-l’oeil-Stilleben, kleinformatige Insektenstilleben.

Den größten Teil des Werkes bilden die Mahlzeiten- und Dessertstilleben („Frühstücke“, „Imbisse“, „Festessen“). Hier nähert sich F. z.T. der zeitgen. niederl. Entwicklung, erfindet jedoch auch unkonventionelle Formen und Komp., verwendet besondere Motive und Kombinationen. Auffallend und häufiger als and. Maler der Zeit zeigt er eine Auswahl luxuriöser Gegenstände wie Glasbecher und venez. Gläser, vergoldete Pokale, silberne Tazze, chin. Porzellan; ebenso kennzeichnend sind die gemalten Delikatessen und selten vorkommenden Blumenarten. In diesen Motiven spiegeln sich offensichtl. Warenangebot und Wohlstand in der Messestadt Frankfurt.

Schon vor 1607 (Inv. Granvelle, Besançon) und noch 1637 (Leipzig, MBK) beschäftigte sich F. mit der Darst. von Vögeln. Seine Erfahrung bei L. van Valckenborch, aber auch die ältere dt. Trad. (Lucas Cranach, Ludger tom Ring) dürften dabei ebenso eine Rolle gespielt haben wie bei den Blumenstilleben, zu deren Entwicklung F. stärker als früher angenommen beigetragen hat. Hervorzuheben ist die für die Zeit untyp. Verbindung von Mahlzeiten mit einem Blumenstrauß, der Gemeinschaftsarbeiten mit L. van Valckenborch und Werke von Malern wie Ludger tom Ring (Hochzeit zu Kana, ehem. Berlin) vorausgehen. Ungewöhnl. und neu waren auch F.s Nachtstücke mit Kerzenlicht.

Die Einbeziehung der künstl. Beleuchtung brachte neue Maleffekte und eine and. Farbigkeit (Abkehr von der Lokalfarbe) mit sich. Auf die Eigenarten der Komp. machte Müller 1956 aufmerksam: Meist werden die Objekte in F.s Frühwerk, ähnl. den niederl. Stilleben, in additiven Streifen-Komp. in Aufsicht gezeigt, d.h. mit wenigen Überschneidungen. Später überlappen sie sich bei geringerer Aufsicht. Bei and. Werken wählt F. eine Anordnung der Gegenstände auf ovalem oder kreisförmigem Grundriß. Komplizierte räuml. Komp. mit Diagonalen arbeitete Seifertové (Bulletin, 1991) für eine weitere Werkgruppe heraus (z.B. Gem. in Karlsruhe). Für die Ausbildung des Tiefenraumes sind die Volumina der Dinge wesentlich. F.s dichte Komp. in kleinem Format und mit z.T. sehr wenigen Gegenständen zeigen diese bes. nahansichtig. Soweit die einzelnen Werke chronolog. einzuordnen sind, lassen sich folgende Aussagen treffen: Etwa ab den 1620er Jahren kommen radikal reduzierte Bild-Komp. (Schneckenkorb, Opava; Aprikosenzweig, Darmstadt) vor.

Die späte, durch eigenhändige Dat. sicher belegte Schaffenszeit F.s läßt eine deutl. Einschränkung in der Darst. von luxuriösen Gegenständen erkennen. Die schlichter wirkenden Gem. entwickeln sich vom repräsentativen zum intimen Stilleben. Jedoch ist die chronolog. Ordnung der zumeist undat. Stilleben F.s relativ und hypothetisch. Von einer streifenförmig additiven Ordnung der Objekte zu einer ornamentalen bzw. kreisförmigen Anordnung gibt es keine geradlinige Entwicklung, und auch in späten Werken ist der Rückgriff auf ältere Kompositionsformen zu beobachten.

Char. für F.s Malerei ist neben den Eigenheiten in Komp. und Motivwahl auch die genaue stoffl. Wiedergabe der Oberflächen glänzender und matter Metalle, transparenter Gläser, trockener oder feuchter Substanzen wie zarter Blüten und fester Stiele. Hier verbinden sich empir. Beobachtung und die Absicht, die Vielfalt und den Reichtum der von Gott geschaffenen Natur zu repräsentieren. Das Monogr. GF, meist in Ligatur, findet sich bereits auf Werken, die als Frühwerke um 1600 anerkannt sind. Mit vollem Namen (G. Flegel; G. Flegelius; GFlegel [G und F ligiert]) sign. und dat. Werke sind bislang nur aus den 30er Jahren bek., dabei gibt F. in den Werken der letzten Jahre auch sein Lebensalter an (G. Flegel pinx AET. 70 1/2; Frankfurt am Main, HM; 1638 GFlegelius 72; Prag, NG).

Die meisten Stilleben F.s sind auf Holz (Buche, Rotbuche, Eiche) gemalt, seltener sind Lw. oder Kupfer. Oft wählte F. ein Hochformat, das in der zeitgen. Stillebenmalerei (ausgenommen Blumenstillleben) sonst kaum vorkommt. Die Bildformate gehen nur selten über einen Meter hinaus, zahlr. Gem. sind zw. 40 und 50 cm, eine weitere Gruppe zw. 20 und 30 cm hoch.

F.s Stilleben sind im Kontext der reichen Handels- und Messestadt deutbar. Seine Auswahl der Objekte und der Themen hatte über ästhet.-künstler. Wertigkeiten hinaus auch das Ziel, tiefere und verborgene Inhalte mitzuteilen. Überkommene relig. Ikonogr., moral.-eth. Werte, humoralmedizin. Erfahrungswissen und Bedeutungen, die sich aus der Funktion der Dinge im Alltag als Handels- und Konsumgüter ergeben, bilden die symbol. Sinnschichten dieser Gemälde.

Empir. Beobachtung und Erforschung der Natur sowie geistig-kontemplatives Nachdenken über die von Gott geschaffene Welt prägen auch F.s Aqu., die bis in die Zeit um 1630 entstanden. Sie stehen in der von Albrecht Dürer begründeten Trad. wiss. Naturerfassung durch Pflanzenstudien. Eine and. Überlieferungslinie führt auf die fläm. Buchmalerei zurück. Die botan. Forschung, naturkundl. Publikationen in ortsansässigen Verlagen, der Blumenhandel und die Gartenkultur in Frankfurt zur Zeit F.s boten dessen Streben nach naturkundl. Erkenntnis, das seinen botan. und zoolog. Aqu. und seinen minutiösen Charakterisierungen von Fauna und Flora in den Stillleben zugrunde liegt, günstige Bedingungen. Die präzise und delikat ausgef. Naturstudien weisen aber auch hin auf eine genaue Kenntnis der Aqu.-Miniaturen von Joris Hoefnagel (in Frankfurt tätig 1591–94). F.s Aqu. geben einen Einblick in sein Motivrepertoire; viele Motive erscheinen auch auf Stilleben. Die zahlr. Tulpendarstellungen waren möglicherweise für ein eigenständiges Blumenbuch gedacht. Eine dritte Gruppe sind kunstvoll arrangierte Ensembles im Sinne autonomer Stilleben auf Papier. Viell. war diese Gruppe Conrad Wagner (zeitgen. Gärtner in Frankfurt-Sachsenhausen) zugedacht, der früher (Bock, 1921) als möglicher Autor der Werke angesehen wurde.

Im bislang bek. Œuvre sind Motivwiederholungen in gleichen Formen erkennbar. Auch Repliken und Varianten bestimmter Komp. kommen vor. Die Frage nach der Beteiligung einer Wkst. an den schwächeren Gem. und nach einem Umkreis, der F.s Werke kopierte und nachahmte, ist bislang u.a. mangels Quellenmaterials unzureichend beantwortet. Zwei Söhne, Friedrich F. (1597–1616) und Jacob F. (* 23. 9. 1602["]; † 4. 1. 1623), waren ebenfalls Maler, zweifelsfreie Werke ihrer Hand sind jedoch nicht bekannt. Als einziger Schüler F.s ist Jacob Marrell (1627/30) nachgewiesen.

Zu den zahlr. Stilleben F.s, Gemeinschaftsarbeiten mit L. oder Martin van Valckenborch sowie aus bisher ungeklärten Wkst.-Gemeinschaften in Priv.-Bes. bzw. im Handel vgl. die Werkverzeichnisse Wettengl, 1999 bzw. Ketelsen- Volkhardt, 2003.

K. Wettengl

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Georg Flegel, Stillleben mit Brot und Zuckerwerk, um 1637

Georg Flegel: Stillleben mit Brot und Zuckerwerk

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