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AERT DE GELDER (1645 - 1727)

AERT DE GELDER

1645 - 1727

Gelder, Arent (Aert) de, holl. Maler, Zeichner, * 26. 10. 1645 Dordrecht, † 25. 8. 1727 ebd.

Ältester Sohn des Kaufmanns Jan de G. und der Maria Lottrich. G.s Vater durchlief eine erfolgreiche Laufbahn als Schatzmeister der West-Ind. Compagnie sowie als Kaufmann und hinterließ nach seinem Tod, 1698, seinen Söhnen G. und Jan van de G. Wohlstand und finanzielle Unabhängigkeit.

Lt. Houbraken, der G. persönl. kannte, war G. anfängl. Schüler von Samuel van Hoogstraten in Dordrecht, anschl. von Rembrandt in Amsterdam, wo er zwei Jahre, vermutl. ca. 1661–63 bleibt. Danach kehrt G. endgültig nach Dordrecht zurück. Wahrsch. hat er selbst keine Lehrlinge. Mitgl. der Bürgerwehr, 1685 erw. als Fahnenträger, 1689–92 Leutnant, 1694–96 Hauptmann. G. bleibt unverheiratet, 1711 ist ein gemeinsamer Hausstand mit dem Bruder belegt. Ihre Namen kommen in versch. jurist. Dok. vor, z.T. aufgrund gemeinsamer finanzieller Transaktionen.

Lt. Houbraken imitiert G. seinen Lehrmeister Rembrandt im Sammeln von allerhand Dingen („een voddenkraam“), um sie in seinem Werk zu verwenden. Die Sammelobjekte sind im Nachlaßinventar nicht belegt, hingegen ca. 190 Gem. ohne Nennung der Künstler. Die aufgezählten Motive lassen vermuten, daß ein erhebl. Teil von G.s Hand stammt. In der Ankündigung der Nachlaß-Aukt. werden alle angebotenen Gem. als von der Hand des Verstorbenen stammend bez. (Kat. verschollen). Über die Auftraggeber ist wenig bekannt. Zeitgen. Erbschaftsinventare nennen selten Werke von ihm. Einen festen Gönner hat G. sicherl. nicht. Hingegen gehören G.s Auftraggeber wahrsch. zu seinem Bekanntenkreis, dem gehobenen Bürgertum und der polit. Elite der Stadt, soweit dies die identifizierten Portr. belegen. Es ist bek., daß G. zu zwei Kunstsammlern aus Dordrecht in Kontakt stand, Jacob Moelaert und Hendrick van der Vugt. Offensichtl. muß er nicht malen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

In der Vergangenheit wurden G. viele Bilder irrtüml. zugeschrieben. Häufig handelt es sich dabei um Werke mäßiger Qualität und Rembrandtschen Charakters. In manchen Fällen wurde auch ein Gem. von G. anfängl. Rembrandt zugeschr., z.B. Jaweh und die Engel besuchen Abraham („Rembrandt du Pecq“, Rotterdam), was mittlerweile jedoch korrigiert wurde. Unter den ca. 105 erh. Gem. befinden sich 71 bibl., meist alttestamentar. Darst., 23 Portr. und einige and. Motive.

Im relig. Themenbereich bevorzugt G. v.a. die Gesch. starker Frauen, z.B. Lot und seine Töchter; Juda und Thamar; Esther. Er malt mehrmals diese Begebenheiten, Esther kommt sogar 17mal vor. Den Schwerpunkt legt er dabei auf die prächtigen antikisierenden, jedoch frei erfundenen Kostüme, in deren Ausf. G. seine kolorist. Fähigkeiten zeigen kann. Die Annahme, dies sei der Hauptgrund gewesen, alttestamentar. Szenen zu malen, wurde neuerdings zurecht verworfen. Neben bek. bibl. Gesch. sucht G. Passagen, die selten dargestellt wurden und die seine umfangreiche Kenntnis und sein großes Interesse an der Bibel belegen, u.a. Ahimelech gibt David das Schwert Goliaths (Los Angeles); Esther und Mordechai schreiben den ersten bzw. zweiten Purimbrief (Dresden; Providence); Christus wird in das Haus des Hohenpriester gebracht (Amsterdam). G.s eigensinnige Interpretationen des AT zeigen, daß ihn v.a. die Interaktionen zw. Personen fesseln und er meist dramat. Szenen vermeidet. G.s Portr. stellen in der Regel Honorationen aus Dordrecht dar sowie in zwei Beispielen den Leidener Gelehrten Herman Boerhaave (Amsterdam, Den Haag). Häufig sind die Bildnisse unzulängl. proportioniert und unpräzise gezeichnet, jedoch mit viel Wärme, Lebendigkeit und einem feinen Gefühl für das Kolorit gemalt. Zu den bedeutendsten Portr. gehören des weiteren Ernst de Beveren (Amsterdam); Selbstbildnis als Zeuxis (Frankfurt); Sammler mit Rembrandts „Hundertguldenblatt“ (St. Petersburg; früher häufig als Selbstbildnis angesehen). Ferner sind von G. einige genreartigen Figurenbilder bek., z.B. Maleratelier (Boston); Marcus Curius Dentatus (verschollen).

Rembrandts späte breitere Malweise beeindruckt G. nachhaltig und läßt ihn bis an sein Lebensende in einer davon beeinflußten, unzeitgemäßen Pinselführung arbeiten. So malt G. sehr expressiv, meist in wenigen, dünnen Farbschichten (im Gegensatz zu Rembrandt), in die er häufig mit dem Pinselstiel, einem Farbmesser oder seinen Fingern (lt. Houbraken) kratzt. Die vielfach offen belassene bzw. ausgekratzte Grundierung spielt eine entscheidende Rolle im endgültigen Resultat. G. experimentiert mit opt. bzw. Lichteffekten, denen er Zchng und Figurenproportion unterordnet. Seine Palette kennt überwiegend rembrandteske Brauntöne und (Oliv)Grün sowie eine breite Skala bunter Farben, die v.a. die kräftigen Lichtakzente bilden.

G. macht als Maler keine ausgeprägte künstler. Entwicklung durch. Auch gibt es kaum ein Gerüst an dat. Arbeiten, da 13 der 19 dat. Gem. aus den 1680er Jahren stammen. G.s frühe Historienstücke zeigen oft kleine Figuren, wiederholt in neutestamentar. Szenen, in warmen und subtil aufeinander abgestimmten Ockertönen. Sein frühestes erh. Werk ist vermutl. Isaak und Rebekka (Brüssel), sein erstes Hw. hingegen Ecce Homo, 1671 (Dresden). Zw. 1680 und den Jahren kurz nach 1700 bestehen die Komp. durchgängig aus nur wenigen großen Halbfiguren, meist vor dunklerem, kaum ausgearbeitetem Hintergrund.

Ab ca. 1690 wird die Farbpalette kühler, nach 1700 treten auch zunehmend Pastelltöne auf. Zu G.s wichtigsten Werken von 1680–1710 zählen Das Loblied des Simeon (Den Haag); Ahimelech gibt David das Schwert Goliaths (Los Angeles); Esther (Potsdam); Vertumnus und Pomona (Budapest); Homer diktiert seine Verse (Boston). Danach kehrt G. zu kleinerem Format und kleinen Figuren zurück, z.B. Jakobs Traum (London). Sein wichtigstes Spätwerk bildet die Passionsserie. Houbraken erwähnt 22 Tle, von denen 1715 erst 20 voll. waren. Die vollst. Serie befand sich bei G.s Tod in seinem Atelier. Die zwölf erh. Lw. (Aschaffenburg, Amsterdam) zeigen dramat. Komp. mit einer Konzentration auf Lichtführung und Wetterlage.

Den Höhepunkt bildet der Weg nach Golgota. Hinsichtl. des kompositor. Entwurfs greift G. selten auf Rembrandts Gem. zurück, eigentl. nur auf dessen Vorlagen, die er während seiner Lehrzeit gesehen haben könnte. G.s Selbstbildnis als Zeuxis (Frankfurt) verweist auf Rembrandts Version (um 1662) in Köln, Homer diktiert seine Verse (Boston) auf Rembrandts Fassung dieses Themas (1661/ 62) in Den Haag und David spielt Harfe vor Saul (Bremen) auf das Rembrandt zugeschr. Bild in Den Haag. So waren Rembrandts Graphiken als formale Quelle von wesentl. größerer Bedeutung für ihn, z.B. basiert Vertumnus und Pomona (Prag) auf Rembrandts „Preciosa“ (Bartsch 120) und Christus vor Kaiphas (Aschaffenburg) auf der Medea- Rad. (Bartsch 112). Es findet sich ebenfalls der Einfluß von Dordrechter Malern wie Van Hoogstraten und Maes. Vermutl. hat G. wenig gezeichnet. Es kann ihm nur das Bl. mit der Gruppe Orientalen (Boston, Coll. Abrams) mit Sicherheit zugeschr. werden, da dieselbe Gruppe auf Vorhof eines Tempels (Den Haag) vorkommt. Um diese Darst. reiht sich eine kleine Gruppe Zchngn, die ihm zugeschr. werden, am überzeugensten Jakob wird Josephs blutiger Mantel gezeigt (Chicago, Art Inst.).

G. Sluiter

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Aert de Gelder, Selbstbildnis als Zeuxis, 1685

Aert de Gelder: Selbstbildnis als Zeuxis

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