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ALBERTO GIACOMETTI (1901 - 1966)

ALBERTO GIACOMETTI

1901 - 1966

Giacometti, Alberto, schweiz. Bildhauer, Maler, Zeichner, Graphiker, * 10. 10. 1901 Borgonovo b. Stampa im Bergell/Graubünden, † 11. 1. 1966 Chur.

Sohn von Giovanni G. und Annetta G.-Stampa (* 1871, † 1964), Bruder von Diego G. und Bruno G., Neffe zweiten Grades von Augusto G., Patensohn von Cuno Amiet. Vorname Alberto nach Dürer. Kindheit in Stampa, wohin G. bis zuletzt jährl. zurückkehrt (und die ihm eng verbundene, seine Malerei krit. beurteilende Mutter bis zu ihrem Tod 1964 besucht); darüber surrealist. stilisierte Erinnerungen im Text „Hier, sables mouvant“ (1933).

Alljährl. Amiet zugeschickte Kinder-Zchngn sind erh. (an die sich G. noch bis ans Lebensende erinnert); mit etwa 12 Jahren Kopie nach Rembrandts Rad. Der barmherzige Samariter (mit Monogr. in Dürers Art) und Entwurf zu einem Reiterdenkmal, bei dem G. den Colleoni von Verrocchio und den Poln. Reiter von Rembrandt kombiniert. Er benutzt eine stattl. Kunst-Bibl. und pflegt ein Leben lang die Ill. am Seitenrand mit Bleistift zu kopieren (Zürich, Kunsthaus, A. G.-Stiftung, und Genf, Priv.-Bes.).

Vom 10. Lebensjahr an zeichnet er mit fortschreitender Könnerschaft immer wieder die Mutter (cf. Klemm/Boehm, 1990). Mit 13 Jahren modelliert G. in Plastilin den Kopf seines Bruders Diego. Sept. 1915 bis April 1919 brillanter Internatsschüler in der Gymnasial-Abt. der Ev. Lehranstalt in Schiers b. Chur, wo G. Tagebuch führt, Aufsätze und Gesch. schreibt, bald ein „Atelier“ einrichten darf und in der Schülerverbindung Amicitia wirkt (Hefte und Zchngn aus dieser Zeit in Zürich, A. G.-Stiftung).

Abbruch der Schulzeit vor der Maturität, um Maler oder Bildhauer zu werden; vorerst nur leidenschaftl. Zeichner. 1919 mit dem Vater auf der Bienn. in Venedig, wo G. bes. von der Malerei von Tintoretto beeindruckt ist; in Padua gewaltige Wirkung der „basaltenen“ (lt. G.) Figuren von Giotto auf ihn.

Herbst 1919 bis März 1920 an der EcBA in Genf Schüler von David Estoppey und an der Ec. des Arts industriels ebd. des Bildhauers Maurice Sarkissoff. März 1920 Aufenthalt bei Amiet und Wanderung nach Solothurn zum bed. Kunstsammler Joseph Müller. Im Spätsommer 1920 noch einmal an den KSch in Genf. Im Nov. 1920 Aufbruch nach Italien und vier Wochen in Florenz; im Archäol. Mus. von einem Kopf aus der 18. Dynastie und wohl auch von jenem zweirädrigen theban. Kampfwagen beeindruckt, der 1949/50 in Le Chariot sein Echo findet. Weiterreise über Perugia und Assisi nach Rom; Unterkunft beim Verwandten Antonio G. (Geschäftsführer der Konditorei Gilli e Bezzola), in dessen 15jährige Tochter Bianca er sich verliebt, deren Porträtkopf ihm zwar nicht gelingt, dafür aber eine Bildnisbüste von Alda, Schwägerin des Dienstmädchens (Rom, Mus. Vaticani). Mitgl. des Circolo Artist. (Aktmodelle), kleines Atelier an der Via di Ripetta, skizziert in Kirchen und Mus., bes. Interesse an den ägypt. Skulpt. im Vatikan.

Im April 1921 Reise nach Neapel, Paestum und Pompeji; Bekanntschaft mit dem holl. Staatsarchivar Peter van Meurs, der G. im Herbst auf eine Reise nach Tirol mitnimmt und in der Nacht zum 5. 9. im gemeinsamen Hotelzimmer in Madonna di Campiglio plötzlich stirbt, was G. so erschüttert, daß er fortan nie mehr ohne Licht schläft. Rückkehr über Venedig nach Stampa, wo er v.a. malt (u.a. Lsch.-Aqu.). Dez. 1921 Reise nach Basel, am 9. 1. 1922 nach Paris; Unterkunft vorerst in Hotels und Pensionen; 1924 Atelier 72, av. Denfert-Rochereau, 1925 37, rue Froidevaux und ab Frühjahr 1927 bis zum Lebensende 46, rue Hippolyte-Maindron (14. Arr., nicht erh.).

Bis 1927 mehr oder weniger regelmäßiger Besuch der Acad. de la Grande Chaumière bei Antoine Bourdelle. Dessen Ass. Arnold Geissbühler läßt G. Modell stehen für sein Gefallenen-Denkmal in Somloire/Maine-et-Loire (erh.), während hingegen keines der eig. Denkmalprojekte ausgef. wird. Unter den Mitschülern sind Pierre Matisse (Sohn von Henri Matisse), später G.s Galerist in New York, Sreten Stojanovíc (von ihm ein Bronzebildnis G.s in Belgrad, NM), Serge Brignoni und Maja Sacher (vorher Hoffmann-Stehlin), die 1950 den ersten Ankauf einer Bronze G.s für das Basler KM ermöglicht. Mit der US-amer. Mitschülerin Flora Mayo, deren Bildnis G. um 1927 als flache, bemalte Scheibenplasik modelliert, verbindet ihn ein unstetes Liebesverhältnis.

Im Sommer und Winter regelmäßige Aufenthalte in Stampa, wo mehr oder weniger naturnahe Bildnis-Skulpt. des väterl. Kopfs entstehen, eine davon durch G. selbst in Granit gehauen. Bekanntschaft mit Jacques Lipchitz, Ossip Zadkine und v.a. Henri Laurens, dem G. 1945 in der Zs. Labyrinth einen Text über seinen Besuch bei ihm widmet. Sonntags ist er im Louvre, wo er v.a. die ägypt. Abt. studiert und auf den sumer. Kopf des Gudea aufmerksam wird, von dem er sich 1925 einen Gipsabguß kauft; dieser repräsentiert für ihn die Zeitlosigkeit einer Bildnisplastik, der er 1927 sein perspekt. wiedergegebenes Selbstbildnis entgegenstellt (in einer Gips-Skulpt. und einer ausführl. Zchng, letztere in Zürich, GrS der ETH; cf. Neue Zürcher Ztg v. 13. 7. 1991).

Ab 1926 fertigt G. eigenständige, höchst originelle Skulpt., welche einerseits seine Kenntnis afrikan. und ozean. Werke zeigen (Le couple/Homme et femme, 1926; Femme-cuillère, 1926/27) und andererseits postkubist. Konstruktionen gen. werden können (Composition: Homme et femme, 1927). Das Hw. dieser Epoche, Tête qui regarde (1927/28, Ausf. in Gips, Bronze, Marmor), macht bei einer Ausst. 1929 in Paris (Gal. Jeanne Bucher) Furore und etabliert G. sofort in der dortigen Avantgarde. Ein Kontrakt bindet ihn für ein Jahr an die Gal. Pierre Loeb, die im Frühjahr 1930 die Ausst. Miró, Arp, G. (von diesem: Boule suspendue) veranstaltet. Die Freundschaft und gelegentl. Arbeitsgemeinschaft mit André Masson führt zum Kontakt mit der Künstlergruppe der Surrealisten, in der G. bald die Auffassungen des (trotzkist. geneigten) André Breton, bald die des (stalinist. überzeugten) Louis Aragon teilt. Dieser Gruppe und der Kommunist. Partei Frankreichs (KPF) verdankt er bis 1947 alle Ausst.-Möglichkeiten und Wettb.-Aufträge. Zu Aragons sozialkrit. Pamphleten trägt er satir. Zchngn bei.

Eine Zeitlang ist er auch Mitgl. der von der Dritten Internationalen gelenkten Assoc. des Ecrivains et Artistes révolutionnaires. 1936 Befürworter der Volksfront. Im Auftrag der KPF realisiert er 1937 das Grabmal für die im Spanienkrieg tödl. verunglückte Reporterin Gerda Taro (Paris, Friedhof Père Lachaise), abgesehen vom Grabstein für den 1933 verstorbenen Vater in Borgonovo sein einziges öff. Werk und zu G.s Lebzeiten häufig Ziel von Demonstrationen der KPF. Im Gegensatz zum Kommunisten Aragon entstammt G.s Hauptgönner, der durch seine jüd. Frau Marie-Laure, geb. Bischoffsheim, sehr reich gewordene Vicomte Charles de Noailles, altem frz. Hochadel. Für dessen Landsitz in Hyères fertigt G. eine sowohl männl. als auch weibl., von Diego in Stein gemeißelte Stelen-Skulpt. fertigt.

Zudem tragen Dekorationsobjekte für die wohlhabende Klientel des Dekorateurs Jean-Michel Frank zu G.s Lebensunterhalt bei. Die nun erreichte hohe künstler. Anerkennung in Paris bezeugt bes. die fachkrit. öff. Resonanz. Schon 1929 macht der Kunstschriftsteller Carl Einstein den Kunsthändler Daniel- Henry Kahnweiler und den Literaten Georges Bataille auf G.s Werk aufmerksam. Die Teiln. an den Aktivitäten der Surrealisten findet ihren lit. Ausdruck in G.s Texten und Dialogen mit Breton in den Zss. Le Surréalisme au service de la révolution (1933) und Documents (1934) und ihre plast. Form in Werken wie Cage (1931, Stockholm, Mod. Mus.), Femme qui marche (Gips mit Baßgeigenhals als Kopf und Federn als Hände, 1931/32; in diesem Zustand nicht erh.) und Pal. de quatre heure (New York, MMA; mit Foto von Man Ray und Text von G. veröff. in Minotaure 1933 [3/4]). Doch widersetzt sich G. in der Öffentlichkeit demonstrativ dem diktator. Ansinnen von Breton.

Wegen seines 1934 einsetzenden künstler. Bedürfnisses, vor Modellen realist. Köpfe zu modellieren, wird er aus dem Surrealistenzirkel ausgeschlossen. Seine letzte Skulpt. nennt er L’Objet invisible oder Mains tenant le vide (maintenant le vide). Zehn Jahre lang nimmt G. an keiner Ausst. teil. Ab E. 1934 modelliert er immer kleinere Skulpt. der Köpfe des Berufsmodells Rita Gueffier und des Bruders Diego, bald auch von der Engländerin Isabel Nicholas Rawsthorne Delmer, nach der zwei Fassungen existieren, gen. L’Egyptienne, (1936), und mit der er kurz vor dem 2. WK und 1945 wieder jeweils für einige Wochen in seinem Atelier zusammenlebt. 1937 lernt G. im Café de Flore Samuel Beckett kennen (für die Neuinszenierung 1961 von En attendant Godot im Staatstheater Odéon in Paris gestaltet G. das „Bühnenbild“ in Form eines Gipsbäumchens auf der Bühne).

Nach dem Besuch einer Cézanne-Ausst. 1937 in Paris entstehen im Sommer in Stampa die meisterhaften Gem. Die Mutter (Zürich, Kunsthaus) und Apfel auf dem Büffet (zwei Fassungen, Priv.-Bes.); andere Bildnis- und Figuren-Gem. bis 1947 (abgesehen von konventionelleren Portr.) offenbaren, daß G. nach einem neuen Konzept zur Wiedergabe einer sich in räuml. Distanz befindenden Figur sucht. Bereits vor 1939 gestaltet er einige kleine Figuren auf großen Sockeln (Bildnis Dr. Fraenkel, nur bek. durch Abb. in: Verve, 1939).

Bei Kriegsausbruch am 1. 9. 1939 ist er mit Diego G. in Maloja, aber wegen einer Fußverletzung (nach einem Autounfall 1938 geht er bis 1940 am Stock) ist er wehrdienstuntauglich und fährt im Nov. nach Paris zurück. Im Mai 1940 versteckt er seine Mini-Skulpt. in einer Atelierecke; am 13. 6. schließen sich die Brüder dem Pariser Exodus an, erleben am 14. 6. vor Etampes Bombardierung und Beschießung aus der Luft, werden am 18. 6. vom dt. Vormarsch eingeholt, kehren um und sind am 22. 6. wieder in Paris. Im Frühjahr 1941 ebenfalls im Café de Flore Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die beide Ber. über das einige Jahre lang häufige Zusammentreffen mit G. verfassen. 1942–45 in ärml. Verhältnissen in Genf wohnhaft, gibt er einer Vision, nämlich dem letzten Blick auf die immer kleiner werdende Figur von Isabel in der Straßenflucht des Pariser Bd Saint-Michel, Form, indem er das Blickerlebnis der räuml. Distanz („Vision“ im opt. Sinn) mit dem Gefühlserlebnis der Unerreichbarkeit („Vision“ im geistigen Sinn) vereint. Zu G.s Freundeskreis im Genfer Café du Commerce mit dem Verleger Albert Skira, dem Geologen Charles Duclos, dem Philosophen Jean Starobinsky, dem Schauspieler Michel Simon, den bild. Künstlern Roger Montandon, Hugo Weber und Elie Lotar sowie weiteren Emigranten gehört auch die Genfer Lehrerstochter Annette Arm, die bald mit ihm das Hotelzimmer teilt.

Für die von Skira hrsg. Zs. Labyrinthe liefert er 1945 Texte über H. Laurens und Jacques Callot und 1946 (aus Paris) die wichtige, verschachtelte, mit Skizzen ergänzte surrealist. Gesch. Le rêve, le sphinx et la mort de T. Am 18. 9. 1945 betritt G. erstmals wieder sein Pariser Atelier, um das sich Diego während des Kriegs gekümmert hatte. 1946 kommt A. Arm in Paris an, wo am 19. 7. 1949 die Hochzeit mit G. stattfindet, damit dieser sie als unentbehrlich gewordenes Modell fortan zu seiner Mutter nach Stampa mitnehmen kann. Durch Sartre und S. de Beauvoir findet er Zugang zum Philosophen Maurice Merleau-Ponty, wenn vorerst auch nicht persönl., so doch mit dessen für ihn wichtig gewordenen Feststellungen in La Phénoménologie de la Perception (1945), die G.s „phänomenolog. Realismus“ begründen: Ein Mensch wird nie „lebensgroß“ gesehen, sondern als schmale aufrechte Figur in dem sich vor ihm sowie links und rechts neben ihm ausdehnenden Umraum.

Die neue Sichtweise manifestiert sich zuerst in den Zchngn: Während G. vorher den Körper des Modells plast. in einem perspektiv. wiedergegebenen Raumkasten darstellte, zeichnet er ihn fortan als schmale aufrechte Gestalt in der Mittelsenkrechten des sonst leeren Blattes. In die Skulpt. übertragen, führt die „phänomenolog.“ Sehweise zu kleinen, schmalen Büsten und Figuren auf hohen, manchmal mehrfachen Sockeln. Später sucht Merleau-Ponty G. im Atelier auf und verfaßt den Text L’oeil et l’esprit (cf. Art de France, 1961; Les Temps mod., Sonder-Nr 184; dt.: Das Auge und der Geist, 1984; 2003). Exemplar. für die neue Betrachtungsweise und den neuen Stil ist eine kleine, 1946 ausgef. Büste des kommunist. Résistance-Obersten Henry Rol-Tanguy, die sich durch die Evokation von Distanz und Umraum von Bronzebüsten von Rodin (z.B. Papst Benedikt XV., 1915) unterscheidet.

G.s Figuren bleiben immer noch stecknadelgroß auf hohen Sockeln mit Ausnahme seiner (immer durch Aragon veranlaßten) Beitr. zu von der KPF ausgeschriebenen Wettb. für Denkmäler zu Ehren von Résistance-Opfern (Denkmal für Gabriel Péri [wegen des Antikommunismus in den USA bislang nur als Denkmal für einen berühmten Mann bek.]; Gehender Mann im Regen; Platz-Komp. und Le Chariot – Der Karren, 1950). Als G. die Figuren seiner Komp. zwar immer noch gleich schmal, aber nun immer größer modelliert (La Forêt; La Clairière), läßt der New Yorker Galerist P. Matisse sie in Bronze gießen und veranstaltet 1948 in seiner Gal. eine Ausst., die G. mit einem Schlag berühmt macht. Jean-Paul Sartre trägt zum Kat. den Aufsatz „A la rech. de l’absolu“ bei; viel bedeutungsvoller ist allerdings der mit Skizzen früherer Arbeiten durchsetzte „Erste Brief an P. Matisse“, dem für eine Ausst. 1950 der „Zweite Brief an P. Matisse“ mit anekdot.-surrealist. Erinnerungen zu Werken wie La Forêt folgt. In Paris wird der nun auch als Kunsthändler etablierte Aimé Maeght auf G.s Werk aufmerksam, teilt sich fortan mit Matisse mit je drei Güssen in G.s Skulpt., veranstaltet auch Ausst. von dessen Gem. und reproduziert beides (sowie Lith.) in seiner Zs. Derrière le Miroir. In der KH in Basel organisieren die ehemaligen Schierser Schulfreunde Lukas Lichtenhahn und Christoph Bernoulli 1950 die erste Ausst. für G. (auf seinen Wunsch mit Gem. von Masson), aus der die Emanuel-Hoffmann-Stiftung die Skulpt. La Place (1950) und zwei Gem. G.s erwirbt und im Basler KM deponiert.

Etwa 1951 beginnt G. sein umfangreiches graph. Werk, meist bei Fernand Mourlot gedruckte Lith., denen bereits in den 30er Jahren im Atelier 17 von Stanley William Hayter gedruckte Rad. vorausgegangen waren, oft Beigaben zu Büchern befreundeter Schriftsteller. G.s lithogr. Hw. wird das 1969 postum von Michel Tériade hrsg. Album Paris sans fin. 1954 erwirbt der Pittsburgher Stahlmagnat und Kunstsammler G. David Thompson zahlr. Werke G.s aus der Epoche 1926–35 sowie neuere Skulpt. und Gem., die (vorerst angekauft vom und dann vermittelt durch den Basler Kunsthändler Ernst Beyeler) zum Grundstock der priv. finanzierten, zw. Basel, Winterthur und Zürich aufgeteilten, im dortigen Kunsthaus domizilierten Slg der A. G.-Stiftung wird.

Ausst. mit Kunstwerken des 20. Jh. in Europa und den USA schließen nun fast immer Werke G.s ein. Ausz. mit mehreren internat. Kunstpreisen: 1958 „kleiner“ Guggenheim-Preis; 1961 Carnegie-Skulpt.-Preis; 1962 Skulpt.-Preis der Bienn. von Venedig; 1964 „großer“ Guggenheim-Preis für seine Malerei. 1956 Auftrag des Architekten Gordon Bunshaft zu einer Skulpt. für den vor dem neuen Wolkenkratzer der Chase Manhattan Bank in New York geplanten Fußgängerplatz, woran G. mit Kartonmodell und Min.- Figuren einer Stehenden Frau, eines Gehenden Mannes und eines mon. Kopfs arbeitet.

In der Folge entstehen in Lehm und Gips vier zw. 2,50 m und 2,80 m hohe Frauenfiguren, zwei lebensgroße Schreitende Männer und ein 95 cm großer Schauender Kopf; die 1960 in Bronze gegossenen Figuren werden aber nie in New York aufgestellt (statt dessen eine Baumgruppe aus Kunststoff von Jean Dubuffet). In seinen letzten Lebensjahren ringt G. in vielen überarbeiteten Fassungen v.a. mit der Bildnismalerei, worüber u.a. James Lord in der Monogr. „A. G. Portrait“ in Tagebuchform berichtet (cf. Lord, 1962). And. namhafte Modelle für Gem. und Zchngn sind z.B. 1954 Jean Genet und H. Matisse, einige Wochen vor seinem Ableben von G. im Auftrag der frz. Münzstätte gez. (nur wenige Exemplare der Med. werden geprägt), Igor Strawinsky (1957), Marlene Dietrich (1959), Jacques Dupin (1963 [mit dem Datum 1962] Hrsg. der ersten, reich ill. Monogr. und 1965 G.s Interviewpartner im Film von Ernst Scheidegger und Peter Münger), David Sylvester (engl. Kunstschriftsteller) und Eberhard Kornfeld (Auktionator, Verfasser des Graphik-Kat.).

Nennenswert sind wegen ihrer gez., gemalten, modellierten Bildnisse drei Persönlichkeiten: der jap. Phil.-Prof. Isaku Yanaihara, der sich 1954–61 fast jährl. in G.s Atelier einfindet; ab 1959 das Modell Caroline (eigtl. Yvonne Madelaine Poiraudeau) und E. Lotar, dessen kahler Schädel G. fasziniert und dem (neben Diego- Büsten) G.s letzte Skulpt. gelten.

Am 6. 2. 1963 wird G. in Paris an Magenkrebs operiert, gibt das unmäßige Rauchen jedoch nicht auf. Beim Erholungsaufenthalt in Stampa erfährt er durch die Indiskretion des behandelnden Arztes den Krebsbefund, freut sich schier darüber und besucht während des ihm prognostizierten verbleibenden einen Jahres Ausst. in London, Humlebæk und New York (G. sieht die Chase Manhattan Plaza und projektiert fortan eine einzige, 6–8 m hohe Frauenfigur). 1965 Ausz. durch den frz. Staat mit dem Grand Prix nat. des Arts; die Berner Univ. verleiht G. die Ehrendoktorwürde.

Bis A. Dez. 1965 arbeitet er in Paris weiter an E. Lotar-Büsten und Caroline-Gemälden. Am 5. 12. reist G. nach Chur und stirbt schließl. im Kantonalen Krankenhaus an Herzversagen als Folge einer chron. Bronchitis mit Bronchialerweiterung. Am 15. 1. 1966 Begräbnis auf dem Friedhof bei San Giorgio in Borgonovo mit einer internat. Trauergemeinde. Diego stellt die letzte E.-Lotar-Büste auf das Grab, die gestohlen wird und seither verschollen ist. 

G.s Menschenbild erinnert in der Kunst des 20. Jh., die den Menschen als Objekt darstellt, das vom Staat verwaltet, von der Ges. gebeutelt, von den Massen brutalisiert, den Partei- und Glaubenskulten unterworfen, in den Gefängnissen gefoltert und von der Psychoanalyse vergewaltigt wird, den Betrachter daran, daß er einmal Subjekt gewesen ist. Hinzuweisen ist auf die außerordentl. große Anzahl der Fälschungen von G.s Skulpt. (u.a. „surmoulages“ der Bronzen, erkennbar u.a. durch einen um 1/2 – 1 cm erhöhten Sockel) und Zchngn (auch auf echten Ausst.-Karten).

R. Hohl

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Alberto Giacometti, Grand nu assis,1957, © ADAGP/FAAG, Paris / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Alberto Giacometti: Grand nu assis

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