Zurück zur Übersicht

MAX LIEBERMANN (1847 - 1935)

MAX LIEBERMANN

1847 - 1935

Liebermann, Max, Maler, Graphiker, * 20.7.1847 Berlin, † 8.2.1935 Berlin.

L. stammte aus einer großbürgerlich-jüdischen Familie in Berlin; 1862-64 erhielt er privaten Zeichenunterricht von Carl Steffeck; nach dem Abitur 1866 ließ er sich an der Philosophischen Fakultät der Berliner Univ. immatrikulieren; im Frühjahr 1868 begann er sein Studium an der Großherzoglichen Kunstschule in Weimar bei Ferdinand Pauwels, Charles Verlat und Paul Thumann. Vom Kriegsdienst freigestellt, reiste er 1871 mit Theodor Hagen nach Düsseldorf, wo er Mihály Lieb von Munkácsy besuchte, dessen Charpiezupferinnen ihn zu seiner ersten anspruchsvollen Mehrfigurenkomposition, den Gänserupferinnen, anregte. Von Düsseldorf aus kam L. in die nördlichen Niederlande nach Amsterdam und Scheveningen und reiste im Sommer 1872 nach Paris. Er begegnete Werken von Jean-François Millet, Gustave Courbet und Théodule Ribot, die ihn veranlaßten, noch am Ende desselben Jahres nach Paris zurückzukehren. Er suchte die persönliche Nähe Millets, ging 1874 nach Barbizon und malte dort Kartoffelsammlerin sowie Kartoffelpflücker. Diese Zuwendung zur Freilichtkomposition unter unverkennbarem Einfluß französischer frührealistischer Vorgaben fand ihren Höhepunkt mit der Kartoffelernte und mit Arbeiter im Rübenfelde. Die Tätigkeit in Paris (bis 1878) verschränkte sich seit 1875 mit längeren Aufenthalten in den Niederlanden, wo L. in Haarlem Bildnisse von Frans Hals kopierte, die ihm insbesondere in Hinblick auf die Intimität der Raumauffassung zum Vorbild wurden.

1878 traf L. in Venedig Franz von Lenbach, der ihm riet, nach München zu kommen. L. machte sich an die Arbeit, eine großformatige Komposition Der zwölfjährige Jesus im Tempel zu malen, die ihn seit 1876 beschäftigte und deren Ausstellung in München 1879 einen Skandal mit antisemitischer Tendenz hervorrief. Mit dem Altmännerhaus in Amsterdam gelang es ihm 1881, ein außerhalb der Behausung angesiedeltes Motiv mit innenraumhaften Wesenszügen zu durchdringen. Eine ähnliche Geschlossenheit des Ereignisraumes erreichte er beim Münchner Biergarten (1883/84) mit allerdings ungleich wirksamerer, erzählerischer Lebendigkeit. Die Arbeitsbilder im Innenraum sind von Gegenlicht durchflutet (Stopfende Alte, 1880; Schusterwerkstatt, 1881). Bei der Flachsscheuer in Laren (1886/87) werden Arbeitsvorgänge systematisch vorgewiesen, indem sie in verschiedenen Phasen von Bewegung miteinander in Erscheinung treten.

Im Sommer 1881 hatte L. in Den Haag Jozef Israëls kennengelernt. Eine künstlerische Rückwirkung zeigte sich bei den Netzflickerinnen (1888), der Karre in den Dünen (1889) und der Frau mit Ziegen (1889/90). Da eine offizielle Teilnahme an der Weltausstellung in Paris 1889 abgelehnt wurde, wandte sich Antonin Proust an L., der mit Gotthardt Kuehl und Karl Koepping eine unabhängige deutsche Kunstabteilung einrichtete. 1891 erhielt L. von Alfred Lichtwark den Auftrag, das Porträt des Hamburger Bürgermeisters Carl Friedrich Petersen zu malen. 1892 begründeten L. und Walter Leistikow die "Vereinigung der XI", die sich 1898 in der Berliner Secession fortsetzte. L. malte 1894 mit dem Schreitenden Bauern erstmals ein großformatiges Figurenbild, das er konsequent mit dem Modell im Freien entwickelte. Zunehmend richtete sich die Aufmerksamkeit darauf, Beispiele zeitgenössischer Kunst in Berlin zu zeigen und Künstler selbst hierher zu holen. Seit 1896 war Hugo von Tschudi Direktor der National-Galerie und stand bei seinen Erwerbungen in engem Kontakt mit L.

Um die Jahrhundertwende gewann L. Abstand zu inhaltlichen Voraussetzungen und konzentrierte sich in Motivreihen wie Badende Knaben und Reiter am Strand auf die Herstellung einer malerischen Einheit, an der die bewegte menschliche Gestalt, das atmosphärische Geschehen und das dadurch in Unruhe versetzte Element des Wassers spürbaren Anteil haben. Bildnisse und Selbstbildnisse erhielten einen unübersehbar gewichtigen Anteil. In Amsterdam arbeitete L. 1901 im Zoologischen Garten; seit 1905 entstanden die ersten Judengassen. Bei seinen Strandbildern trat 1906 an die Stelle von Scheveningen Nordwijk. Ferner sind Sportbilder (u. a. Tennis, Polo) mit den Niederlanden verbunden; 1909 entstanden während eines Aufenthalts in Florenz und Rom die Pferderennen in den Cascinen, und 1911 bereitete L. mit Studien in Rom die Fassungen von Corso auf dem Monte Pincio vor. Spannungen innerhalb der Secession veranlaßten L. 1911, sein Amt als Präsident niederzulegen, 1913 schloß er sich der Freien Secession an.

Nach dem Tod seines Vaters 1894 gehörte L. das Haus am Pariser Platz; 1909 erwarb er am Wannsee ein Grundstück, auf dem er sich bis 1910 eine Villa errichten ließ. Hier entstanden während des Ersten Weltkriegs und dann bis an sein Lebensende Landschaften, manchmal unter Einbeziehung von Mitgliedern seiner Familie. In Berlin fand er in der Nähe seines Stadthauses zahlreiche Motive im Tiergarten.

Auffällig häufig gibt es in der Reihe der Selbstbildnisse Beispiele, die L. beim Malen eines Porträts zeigen; um 1927 beschäftigten ihn in Wannsee Studien für ein Selbstbildnis im Kreise der Familie. Seine Tochter und vor allem seine Enkelin kommen ständig vor. Offizielle Bildnisaufträge mehrten sich, seitdem Lichtwark für Hamburg seine Initiativen weiterentwickelt hatte. Immer wieder gab es Zeugnisse für die freie Entscheidung bei der Wahl der darzustellenden Persönlichkeit, bis zu dem Porträt von Ferdinand Sauerbruch (1932).

Der Tätigkeit des Malers entsprach mit erheblicher Intensität diejenige des Zeichners. Es gibt zudem im Schaffen aus den frühen Jahrzehnten häufig Wiederholungen von Motiven als Pastell. Ähnliches geschah anfangs mit der Verwendung der Radierung. Allmählich entwickelte sich diese Technik des Tiefdrucks, bis sie zu Selbständigkeit und Unmittelbarkeit gelangte. Der Umgang mit Lithographie und Steindruck vollendete sich nicht zuletzt in den zwischen 1917 und 1927 geschaffenen Buchillustrationen (Kleist, Fontane), mit denen L. seinen eigenständigen Beitrag zu dieser in Berlin bald nach der Jahrhundertwende sich besonders vielgestaltig entwickelnden Sonderleistung beisteuerte.

Seit den neunziger Jahren wurde L. mehrfach geehrt, 1897 erhielt er den Professorentitel, 1898 wurde er Mitglied der Akademie der Künste, 1920 Präsident der Preußischen Akademie der Künste (1932 Ehrenpräsident). 1933 trat L. aus Protest gegen die Kulturpolitik der Nationalsozialisten aus der Akademie aus.

Hans-Jürgen Imiela

© Deutsche Biographische Enzyklopädie. Hrsg. v. Rudolf Vierhaus, K. G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München 2005-2008.

Max Liebermann, Der Hof des Waisenhauses in Amsterdam (Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus), 1881

Max Liebermann: Freistunde (Detail)

Mehr

E-Card versenden


* Pflichtfeld

Absender:






Empfänger:








Nachricht:



Copyright © 2014 Städel Museum. Alle Rechte vorbehalten.