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EMIL NOLDE (1867 - 1956)

EMIL NOLDE

1867 - 1956

Nolde, Emil, eigentl. Hans Emil Hansen, Maler, Graphiker, * 7.8.1867 Nolde bei Tondern, † 13.4.1956 Seebüll (Nordfriesland).

N., einer der führenden Maler des deutschen Expressionismus, entstammte einer alten Bauernfamilie des deutsch-dänischen Grenzlandes. Seit 1902 nannte er sich nach seinem Heimatdorf Nolde. Gegen den Berufswunsch des Vaters konnte N. eine Lehre als Holzbildhauer in einer Flensburger Möbelfabrik durchsetzen. Danach arbeitete er als Möbelschnitzer und Zeichner in München, Karlsruhe und Berlin und bis Ende 1897 als Fachlehrer für farbiges und ornamentales Zeichnen und Modellieren am Industrie- und Gewerbemuseum in St. Gallen. Er entwarf Vorlageblätter für das Handwerk, zeichnete Porträtstudien von Bergbauern, malte Landschaftsaquarelle und sein erstes Ölbild (Bergriesen, 1895/96) sowie eine Reihe von Bergpostkarten mit grotesken Personifizierungen der Alpengipfel, in denen sich sein besonderer Hang zum Grotesk-Phantastischen und Hintergründigen ankündigte. Nach Aufgabe des Lehrberufs besuchte er in München die Malschule von Friedrich Fehr, in Dachau die von Adolf Hölzel (1899). Zur Jahrhundertwende hielt er sich in Paris auf, betrieb Aktzeichnen an der Académie Julian, studierte im Louvre die alten Meister und kopierte Tizians Allegorie des D'Avalos. Während des folgenden Kopenhagen-Aufenthalts suchte er Kontakt zu dänischen Künstlern. Im Sommer 1901 zog er sich in das Fischerdorf Lildstrand an der Nordküste Jütlands zurück, malte lichte Meeresstimmungen und Dünenlandschaften und zeichnete kleine, phantastische Bildskizzen.

Nach seiner Heirat mit der dänischen Pastorentochter und Schauspielschülerin Ada Vilstrup ließ sich N. 1903 auf der Insel Alsen nieder; die Winter verbrachte er zumeist in Berlin. Die Farbgebung seiner Bilder erfuhr eine Aufhellung und Intensivierung; er setzte sich mit der Malerei der Neoimpressionisten auseinander. Mit der eigenwilligen Radierfolge der Phantasien eröffnete er 1905 sein graphisches Werk. Im Jahr darauf erfolgte mit Blumen- und Gartenbildern von Alsen die Hinwendung zur Farbe als seinem eigentlichen Ausdrucksmittel. Von 1906 bis 1907 gehörte N. der "Brücke" an; 1908 wurde er als Mitglied in die Berliner Secession aufgenommen. Im folgenden Jahr bemühte er sich vergeblich, eine internationale Künstlervereinigung mit Edvard Munch als Mentor zu gründen.

Im Sommer 1909 entstanden erste Bilder mit biblischer Thematik wie Abendmahl, Pfingsten, Verspottung. Diese Folge führte er mit dem Tanz um das goldene Kalb, Christus und die Kinder oder Pharaos Tochter findet Moses im folgenden Jahr fort. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Vorstand wurde N. 1910 aus der Berliner Secession ausgeschlossen und trat der "Neuen Secession" bei. Im folgenden Winter malte er Bilder vom Nachtleben der Großstadt und Theateraquarelle nach Aufführungen von Max Reinhardt und begann das neunteilige Werk Das Leben Christi (1911/12). 1913/14 nahm er gemeinsam mit seiner Frau an einer "Deutsch-Neuguinea-Expedition" teil und reiste über Sibirien, Japan und China in die Südsee auf der Suche nach Urzuständen menschlichen Seins; die Begegnungen hielt er in zahlreichen Aquarellen fest. Im folgenden Jahr entstanden 88 Gemälde, darunter religiöse Bilder wie Der jüngste Tag oder die Grablegung. 1916 zog N. nach "Utenwarf" nahe der Nordsee, das 1920 an Dänemark fiel. Die Winter verbrachte er weiterhin in Berlin. 1919 wurde er Mitglied im "Arbeitsrat für Kunst". In diesen Jahren wandte er sich verstärkt der Aquarellmalerei zu.

Veränderungen der urtümlichen Landschaft bewogen ihn, Utenwarf aufzugeben. Wenig südlich der Grenze ließ er sich von 1927 bis 1937 nach eigenen Entwürfen sein Wohn- und Atelierhaus Seebüll errichten. Zum 60. Geburtstag fand in Dresden eine große Retrospektive statt, die Univ. Kiel verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. 1931 wurde er in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen; es erschien der erste Band seiner Selbstbiographie, drei Jahre später der zweite. Von den nationalsozialistischen Gewaltherrschern wurde N.s Werk als "entartet" gebrandmarkt; Ratschläge zu emigrieren lehnte er ab. 1934 wurde der siebenundsechzigjährige Maler als dänischer Staatsbürger Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig (NSAN), einer Organisation der deutschen Volksgruppe, die im folgenden Jahr mit Gründung der NSDAP-N (Nordschleswig) "gleichgeschaltet" wurde. Sein Beitritt ist als vergeblicher Versuch zu werten, die Lebensumstände zu mildern. In der Aktion gegen die "entartete Kunst" wurden 1937 über tausend seiner Werke in deutschen Museen beschlagnahmt, 1941 erhielt er mit dem Ausschluß aus der "Reichskunstkammer" Malverbot. Unter starker äußerer Bedrängnis entstand in Seebüll heimlich das umfangreiche Alterswerk der Ungemalten Bilder, weit über tausend kleinformatiger, phantastischer Aquarelle und Gouachen. Im Februar 1944 wurde seine Berliner Atelierwohnung durch einen Bombentreffer zerstört. Nach 1945 entstanden bis 1951 noch über hundert Gemälde – das Gesamtwerk umfaßt 1356 – und bis Ende 1955 noch eine große Zahl Aquarelle. 1946 starb N.s Frau Ada; zwei Jahre später heiratete er Jolanthe Erdmann, die Tochter des Pianisten und Komponisten Eduard Erdmann. Der Maler erhielt zahlreiche Auszeichnungen: den Professorentitel (1946), die Lochner-Medaille der Stadt Köln (1949), den Graphik-Preis der XXV. Biennale von Venedig (1950) und die Berufung in die Friedensklasse des Ordens "Pour le mérite" (1952).

In seinem Testament von 1946 hat N. die Errichtung der "Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde" festgelegt, die ein Jahr nach seinem Tod als Museum eröffnet wurde.

WEITERE WERKE:: Gemälde: Frühling im Zimmer (1904). – Maler Schmidt-Rottluff (1906). – Freigeist (1906). – Wildtanzende Kinder (1909). – Slowenen (1911). – Maskenstilleben III (1911). – Feriengäste (1911). – Kerzentänzerinnen (1912). – Legende: Heilige Maria von Ägypten (Triptychon, 1912). – Das Meer III (1913). – Tropensonne (1914). – Der Herrscher (1914). – Frauen und Pierrot (1917). – Bruder und Schwester (1918). – Landschaft Nordfriesland (1920). – Begegnung am Strand (1920). – Josephs Versuchung (1921). – Meer B (1930). – Eremit im Baum (1931). – Im Zitronengarten (1933). – Der große Gärtner (1940). – Hohe Sturzwelle (1948).

Autobiographische Schriften: Das eigene Leben. Berlin 1931, Köln 71994. – Jahre der Kämpfe. Berlin 1934, Köln 61991. – Welt und Heimat. Köln 1965, Köln 31990. – Reisen – Ächtung – Befreiung. Köln 1967, Köln 51995.

LITERATUR: Gustav Schiefler: Das graphische Werk N.s bis 1910. Berlin 1911. Das graphische Werk von E. N. 1910-1925. Berlin 1927. Neu bearb., ergänzt und mit Abbildungen versehen von Christel Mosel. 2 Bde., Köln 1966/67. Neu bearb., ergänzt und mit einer Einführung von Martin Urban. 2 Bde., Köln 1995/96. – Martin Urban: E. N. Werkverzeichnis der Gemälde. Bd. 1: 1895-1915. London/New York/München 1987. Bd. 2: 1915-1951. London/München 1990. Mit einer Bibliographie bis 1989.

Manfred Reuther

© Deutsche Biographische Enzyklopädie. Hrsg. v. Rudolf Vierhaus, K. G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München 2005-2008.

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