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CARL SPITZWEG (1808 - 1885)

CARL SPITZWEG

1808 - 1885

Spitzweg, (Franz) Carl, Maler, Zeichner, * 5.2.1808 München, † 23.9.1885 München.

Als zweiter Sohn des Münchner Spezerei-Großkaufmannes Simon S. geboren, machte der sensible und musisch begabte S. nach abgebrochenem Besuch des Wilhelm-Gymnasiums auf Wunsch des Vaters in München eine Apothekerlehre (1825-28) und studierte anschließend bis 1832 Pharmazie an der Universität. 1833 nach Erkrankung an der roten Ruhr zur Kur in Bad Sulz weilend und finanziell unabhängig durch das 1828 angetretene väterliche Erbe, entschloß er sich jedoch nach Begegnung mit dem Maler Christian Heinrich Hansson, seiner künstlerischen Neigung zu folgen. Er besuchte nicht die Akademie, sondern bildete sich in zum Teil freundschaftlichem Kontakt zu antiakademischen Malern wie Eduard Schleich, Heinrich Bürkel, Dietrich Langko, Christian Morgenstern, später auch Moritz von Schwind und Eduard von Grützner, autodidaktisch durch Studien in Museen und nach der Natur auf bereits 1830 einsetzenden Reisen nach Italien und in die Alpenregion. Fasziniert vom Theater, ein scharfer Beobachter von Landschaft und Menschen, fand der gesellige, praktisch wie kontemplativ veranlagte "ewige" Junggeselle in der ironisch-humorigen und zugleich idyllisch-romantisierenden genrehaften Darstellung von "Sonderlingen" der bürgerlichen Gesellschaft seine Bildwelt. Das zunächst abgelehnte, später wohl beliebteste deutsche Bild des 19. Jh., das des Armen Poeten (1837-39 in mehreren Fassungen), eröffnet die Reihe subtil erfaßter komisch-liebenswürdiger Typen, in denen sich kritischer Vormärzgeist, die Sicht von Jean Pauls zwangfreiem, sein Steckenpferd reitenden Bürger und die karikierende Genauigkeit der französischen Zeichner Honoré Daumier, Grandville, Paul Gavarni und Gustave Doré in eigener, ambivalenter Weise verbanden.

1837 setzten, von S. selbst organisiert, die Bildverkäufe vor allem über die Kunstvereine ein, die ihn bald zum populärsten Biedermeiermaler machten, der seine Motive von schrulligen Gelehrten, Bücherwürmern, Sonntagsjägern, Kakteenfreunden, Alchimisten, Hypochondern, Hagestolzen, Musikanten, Nachtwächtern, Soldaten, Mönchen, Eremiten, auch Orientalen u. a. m. wegen der Nachfrage, aber auch zur Vervollkommnung, zumeist mehrmals wiederholte. Dabei ist das bis um 1850 reichende Frühwerk mit bühnenhaft komponierter Vordergrundsfigur noch sehr zeichnerisch detailpräzis aufgefaßt, wohl mitbedingt durch die damalige Zeichnertätigkeit für Zeitschriften, besonders die "Fliegenden Blätter" (1844-52), und die durch intensive zeichnerische Studien vorbereitete Malarbeit. Erst jüngst ist u. a. durch die Entdeckung von rund 300 Skizzenbüchern das etwa 6000 Blatt umfassende Zeichenwerk in seiner Bedeutung genauer erkannt worden. Gegen 1850 leiteten Reisen nach Prag (1849), Paris und London (1851) durch die Begegnung mit moderner, besonders pleinairistischer Kunst (Schule von Barbizon, John Constable, William Turner, auch Eugène Delacroix) die bis um 1865 währende Reifephase einer malerisch freieren, farbintensiveren Arbeit ein, ohne daß sich Motivik und Kompositionsschemata wesentlich geändert hätten. Landschaft und Licht wurden jetzt wichtiger, der Duktus von Pinsel und Zeichenstift rascher, breiter, summarischer, so daß der Übergang in das Spätwerk bruchlos erfolgte. Freilich hinderte jetzt eine langwierige Venenentzündung die Reisetätigkeit, so daß der nunmehr anerkannte, durchaus nicht vereinsamte Altmeister im Rückgriff auf Skizzen, Themen und Erfahrungen in zumeist kleinformatigen Bildern zu frühimpressionistischer Lockerheit gelangte. Die Anekdotik tritt zurück, Lichtphänomene, Atmosphärisches und Landschaft sind wichtiger. Doch die Grenze zum Impressionismus hat der letztlich immer im Biedermeier verhaftete Künstler nie überschritten.

Erst jüngste quellenkritische Forschungen, viele Neufunde von Werken und Archivalien haben vor allem dank Siegfried Wichmann eine komplexere Sicht S.s ermöglicht. Viele Bilder befinden sich in Privatbesitz, unter den Museen die meisten in München, besonders in der dortigen Neuen Pinakothek.

Günter Meißner

© Deutsche Biographische Enzyklopädie. Hrsg. v. Rudolf Vierhaus, K. G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München 2005-2008.

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