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JEAN-HONORÉ FRAGONARD (1732 - 1806)

JEAN-HONORÉ FRAGONARD

1732 - 1806

Fragonard, Jean Honoré, frz. Maler, Zeichner, Radierer, * 5. 4. 1732 Grasse, † 22. 8. 1806 Paris.

Einziger Sohn von Françoise Petit und dem Handschuhfabrikanten François F.; verh. mit der Min.-Malerin Marie- Anne F., geb. Gérard, Vater von Alexandre-Evariste F., Schwager der Malerin Marguerite Gérard. 1738 wegen finanzieller Schwierigkeiten Umzug der Fam. F. nach Paris. Versch. Biographen sehen darin allerdings die Konsequenz eines Rechtsstreites, wozu es keinen Anhaltspunkt gibt. Zunächst arbeitet F. als Notariatsgehilfe.

Nach vergebl. Bewerbung bei François Boucher beginnt er eine Ausb. im Atelier von Jean Siméon Chardin. Um 1749 nimmt der nun durch F.s Fortschritte beeindruckte Boucher diesen schließl. doch als seinen Lieblingsschüler bei sich auf. Diesen auf dem Höhepunkt der künstler. Laufbahn befindl. Lehrer unterstützt F. bei bed. Aufträgen wie der Ausf. von Tapisseriekartons; außerdem fertigt er Kopien nach Boucher (Hercule et Omphale, nicht lokalisiert). 1752 Teiln. am Wettb. um den Rompreis. F. studiert zwar nicht an der Acad. royale de Peint. et de Sculpt., aber die Protektion durch Boucher wird als gleichwertig angesehen. Am 26. 8. 1752 Gewinn des Rompreises mit dem Gem. Jéroboam sacrifiant aux idoles (Öl/Lw., Paris, ENSBA), das durch den klar gegliederten Aufbau, die Farbgebung und das Bemühen um eine dramat. Atmosphäre jedoch eher an die Malweise von Carle van Loo erinnert. Anschl. Eintritt in die von diesem hochgeschätzten Pädagogen geleitete Ec. royale des Elèves protégés. Als Stipendiat des Königs (20. 5. 1753–20. 10. 1756) erhält F. Unterkunft, Verpflegung, prakt. und theoret. Weiterbildung.

Die Mitgl. der Akad. bewerten seine mytholog. und relig. Komp., u.a. Psyché montrant à ses soeurs les présents de Cupidon (Öl/Lw., 1753/54, London, NG). Die 1754 im Auftrag der Confrérie St-Sacrement für die Kathedrale in Grasse gemalte Komp. Le Lavement des pieds wird am 13. 4. 1755 Ludwig XV. vorgestellt; diese zugleich schlichte wie nüchterne Darst. zeigt gewisse Parallelen zu einem Bild von C. van Loo zum gleichen Thema (Öl/Lw., 1742, Le Mans, Mus. Tessé).

In dieser Schaffensperiode beginnt F. auch mit Dekorationsmalerei. Für einen unbek. Auftraggeber gestaltet er vier kleinformatige ländl. Szenen zu einem von Boucher in vergleichbarer Weise behandelten Themenkreis: La bergère; Le moissonneur; La vendangeuse; Le jardinier (alle Öl/Lw., um 1753, Detroit/Mich., Inst. of Arts). Dessen Einfluß wird noch deutlicher an F.s mytholog. Darst. wie Jupiter et Callisto und Céphale et Procris (beide Öl/Lw., um 1755, Angers, MBA). Im Okt. 1756 Abreise von Paris nach Rom, wo F. ab 24. 12. 1756 Stipendiat der von Charles Joseph Natoire geleiteten Acad. de France ist. In Anbetracht der dort angebotenen Fülle von Meisterwerken muß er zunächst eine Phase tiefer Niedergeschlagenheit bewältigen.

1757–59 widmet er sich akad. Übungen (Akte, Studienköpfe und Draperien), zeichnet in der Gall. Farnese nach den Carracci und malt eine Kopie nach dem in der röm. Kapuzinerkirche befindl. Gem. Ananie rendant la vue à St Paul von Pietro da Cortona. Nach überstandener Depression malt und zeichnet F. intensiv, bes. Studien mit drapierten Figuren (Montpellier, Mus. Atger). Aus dieser Zeit stammt das im Auftrag des Bailli de Breteuil ausgef. bed. Gem. Enjeu perdu (oder Le baiser gagné, Öl/Lw., um 1759/61, New York, Metrop. Mus.), das im Vergleich zur Pariser Schaffensphase F.s neue künstler. Orientierung wie auch Malweise zeigt. Diese Entwicklung wird noch offenkundiger an den rasch ausgef. Genreszenen La charrette embourbée (1759, Paris, Louvre) und Les blanchisseuses (um 1759/60, Rouen, MBA, beide Öl/Lw.).

F.s Zchngn, ganz gleich ob Kopien nach alten Meistern oder Lsch. (auf Anregung von Natoire durchgeführte Übung), beweisen sichere Beobachtungsgabe und bemerkenswerte Virtuosität. Von zwei prägenden Künstlerfreundschaften läßt sich F. bald auch zum Zeichnen von zahlr. Rötel-Lsch. anregen: Hubert Robert, den er wahrsch. E. 1758 kennenlernt, und Abbé Jean-Baptiste-Claude-Richard de Saint- Non, der zudem ein wohlhabender Kunstsammler und F.s erster bed. Mäzen ist.

Im Sommer 1760 ist F. dessen Begleiter zu einem Arbeitsaufenthalt in der Villa d’Este in Tivoli, von deren prachtvollen Gärten er großformatige Rötel-Zchngn im sommerl. Sonnenschein fertigt. Zehn bemerkenswerte Bll. (Besan¸con, MBA) zeigen Ansichten von Tivoli und der Villa d’Este; weitere Zchngn in ganz ähnl. Geist befinden sich in weiteren Slgn: Montpellier, Mus. Atger; Rotterdam, BvB; USA, ehem. John Nicolas Brown Collection. Im März 1761 von Saint-Non nach Neapel geschickt, erhält F. die Erlaubnis, mit Robert Ango in der Gall. di Capodimonte zu zeichnen. Am 14. 4. 1761 Rückkehr nach Frankreich in Begleitung von Saint-Non (Details dieser Fahrt sind bek. durch dessen J. de voyage) von Ronciglione nach Nîmes über Siena, Florenz, Pisa, Venedig, Padua, Vicenza, Verona, Mantua, Reggio, Modena, Parma, Colorno, Piacenza, Genua und Saint-Rémyde- Provence. Während dieser Rundreise fertigt F. fast 300 Kopien (nach Francesco d’Agnolo Lanfranchi, Matia Preti, Lieven Mehus, Johann Liss, J. Tintoretto, Sebastiano Ricci, G. B. Tiepolo, G. B. Castiglione, Pietro Liberi und L. Carracci) und zeichnet markante Ansichten und Sehenswürdigkeiten. Diese zumeist mit schwarzer Kreide gez. Studien sind ein wertvoller Fundus, aus dem F. in der Folge schöpft (71 solcher Zchngn in London, BM).

Er radiert danach, und Saint-Non gestaltet eine Aquatintafolge (Fragm. choisis dans les peint. et les tableaux les plus intéressants des Pal. et des Eglises de l’Italie, vier zw. 1770 und 1774 ersch. Folgen). Am 26. 9. 1761 ist F. wieder in Paris. Einige anschl. entstandene Gem. scheinen direkt von den ital. Zchngn inspiriert zu sein, z.B. Jardins de la Villa d’Este (Öl/Lw., um 1762/63, London, Wallace Coll.). Weitere ital. Einflüsse sind ebenfalls wahrnehmbar, bes. von Castiglione, von dem F. Zchngn in der Slg von Konsul Smith in Venedig gefertigt haben kann. Die Lsch. in Öl zeigen, daß er eine weitere Inspirationsquelle in der nord-europ. Kunst findet, bes. bei Salomon van Ruysdael. In diesen Jahren malt er Renaud dans les jardins d’Armide und Renaud dans la forêt enchantée (beide Öl/Lw., um 1763/64, Paris, Priv.-Slgn).

Diese beiden von Torquato Tasso (Jérusalem délivrée) inspirierten Komp. entstanden wahrsch. unter dem Eindruck der gleichnamigen, 1761 und 1764 in Paris neu inszenierten Oper von Jean-Baptiste Lully und Philippe Quinault. Für das danach ausgef. Gem. Corésus et Callirhoé (Öl/Lw., Paris, Louvre) wird F. am 30. 3. 1765 „agréé“ der Akad. und erhält eine Wohnung sowie ein Atelier im Louvre; von der bemerkenswerten Farbwirkung und der melanchol. Atmosphäre dieses Bildes sind die Kritiker, bes. Denis Diderot, im Salon 1765 begeistert. Der Marquis de Marigny erwirbt es für den König und beauftragt F. mit dem Gegenstück Le sacrifice au Minotaure (nicht ausgef., Ölskizze in Paris, Priv.-Slg).

Viele Kunstkenner erhoffen sich nun, daß F. einen Beitr. zur Erneuerung der frz. Malschule leistet. Von den weiteren Aufträgen des Königs (für die Apollo-Gal. im Louvre, das Schloß Bellevue und den Speisesaal des Königs in Versailles) stellt er keinen fertig. Anstatt sich auf eine vielversprechende Karriere zu konzentrieren, scheint sich F. jegl. offizieller Unterstützung zu entziehen, indem er die Aufnahme in die Akad. als Historienmaler ablehnt und 1767 letztmals am Salon im Louvre teilnimmt. Hingegen stellt er 1778/79, 1781–83 und 1785/86 in dem von Mammès-Claude Pahin de la Blancherie organisierten Salon de la Correspondance aus und arbeitet nun bevorzugt für priv. Kunstsammler.

Das im Auftrag des Baron de Saint-Julien gemalte, durch einen Stich von Nicolas Delaunay verbreitete Bild Les Hasards heureux de l’escarpolette (Öl/Lw., 1767, London, Wallace Coll.) steht exemplar. für diese Entwicklung. F. malt auch Lsch., deren Üppigkeit an die Zchngn aus Tivoli erinnert (La Fête à Rambouillet, Öl/Lw., um 1768/70, Lissabon, Mus. C. Gulbenkian), und die beliebten, sehr schwungvoll gemalten Phantasiefiguren (Figures de phantaisie), die Ausdruck der Bewunderung für Rembrandt, J. Jordaens und A. van Dyck sind.

Einige Zeitgen. werfen F. vor, mit hastig gemalten frivolen Szenen für Kunstsammler seine künstler. Integrität aufs Spiel zu setzen. Auf dem Gebiet der dekorativen Malerei arbeitet er zus. mit Boucher und Jean-Baptiste Le Prince für das Privathaus des Kupferstechers Gilles Demarteau (Werk heute in Paris, Mus. Carnavalet). Außerdem malt er für die Tänzerin Marie-Madeleine Guimard. Mehrere Taf. mit Szenen zu amourösen Abenteuern (La surprise; La poursuite; L’amant couronné; L’amour-amitié; La Lettre d’amour, Öl/Lw., um 1771/72, New York, Frick Coll.) entstehen im Auftrag der Comtesse du Barry als Dekoration für den Speisesaal im Pavillon de Ledoux im Schloß von Louveciennes; diese lehnt die Bilder jedoch ab und wünscht von Joseph-Marie Vien, sie durch and. Gem. zu ersetzen.

Nach zwei Aufenthalten in den Niederlanden reist F. am 5. 10. 1773 zus. mit dem Finanzier Pierre- Jacques-Onésyme Bergeret de Grancourt erneut nach Italien. Die während dieser Rundreise ausgef. Zchngn von Land und Leuten fertigt F. größtenteils mit Bister; sie sind von erstaunl. Leuchtkraft, u.a. Lsch., Genreszenen, Portr. und Kopfstudien, die an Gem. und Stiche von Tiepolo mit oriental. Sujets erinnern. Bekanntschaft mit François André Vincent, der in einer ähnl. Weise wie F. zeichnet. Der Weg führt weiter nach Neapel und Venedig mit Zwischenaufenthalten in Wien, Prag, Dresden, Frankfurt am Main und Straßburg. Im Sept. 1774 Rückkehr nach Paris. Für priv. Kunstsammler zeichnet und malt F. weiterhin Phantasiefiguren, Genreszenen und kleinformatige relig. Bilder, zudem eine Reihe von dekorativen Lsch.; bei deren Hw. La Fête à Saint-Cloud (Öl/Lw., um 1774, Paris, Banque de France) versucht er offenbar, Tusche-Zchngn nachzuahmen.

1777 zieht die Schwägerin M. Gérard als F.s Schülerin in dessen Wohnung ein. In den 1780er Jahren interessiert er sich für mytholog. Themen und tendiert zu einem Chiaroscuro, dessen reizvolle Ausstrahlung Werken von Jean-Baptiste Greuze nahesteht. Er fertigt auch Genreszenen in der Art der nord-europ. Malerei des 17. Jh., teilw. zus. mit M. Gérard: Le Baiser à la dérobée (um 1786/88, St. Petersburg, Ermitage); Les premiers pas de l’enfance (um 1780/85, Cambridge/Mass., Fogg AM); La liseuse (um 1783/85, Cambridge, Fitzwilliam Mus., alle Öl/Lw.). Der Themenkreis erweitert sich nun um Darst. aus dem Familienleben, Portr. der Ehefrau und des Sohnes, z.B. A.-E. F. en Pierrot (um 1785/88, London, Wallace Coll.).

Überdies malt er allegor. Nachtstücke in einer Atmosphäre, die die Lichteffekte von Anne-Louis Girodet und Pierre-Paul Prud’hon vorwegnimmt: Le Sacrifice de la Rose (Los Angeles, Priv.-Slg); La Fontaine d’Amour (London, Wallace Coll., beide Öl/Lw., um 1785/ 88). Er gestaltet mehrere Folgen von Ill.: für Jean de La Fontaine, Contes; Ariosto, Orlando furioso; Miguel de Cervantes, Don Quichotte. Diese in mehreren Slgn verstreuten Kreide-Zchngn in Schwarz sind in einer so freien Manier laviert, daß sich deren Verwendung als Stichvorlagen als sehr schwierig erweist. 1790–92 weilt F. aus gesundheitl. Gründen in Grasse. Nach der Rückkehr nach Paris wirken sich die polit. Ereignisse auch für F. nachteilig aus, und seine Klientel ist ruiniert oder ins Ausland emigriert. Mit Empfehlungen von Jacques-Louis David wird er am 16. 1. 1794 Mitgl. im Conservatoire des Arts und mit der Verwaltung des Mus. im Louvre betraut. Im Sommer 1797 kümmert er sich um die Umlagerung der Kunstwerke und den Aufbau des Mus. de l’Ecole franc. in Versailles.

1800 legt er seine Ämter nieder. Ein 1805 von Napoleon I. erlassenes Dekret zwingt F. zum Verlassen der Wohnung im Louvre. Völlig vergessen, stirbt er in seinem neuen Domizil über dem Restaurant Véry im heutigen Pal.-Royal.

Als erstrangiger Maler der europ. Kunst des 18. Jh. war F. in seiner langjährigen künstler. Laufbahn außerordentl. produktiv. Auch wenn er der Darst. von Liebesszenen und Naturbildern den absoluten Vorzug gibt, ist der frappierendste Aspekt seines Schaffens die künstler. Wandlungsfähigkeit, sowohl bei der Themenwahl als auch bei der Vielfalt der Darstellungsweise.

Er arbeitet mit einer Leichtigkeit, die mit einem elementaren, puren Vergnügen am Malen und Zeichnen unauflösl. verbunden zu sein scheint. Dennoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, daß F. als sehr feinfühliger Künstler ebenso treffend den Zeitgeschmack und die Unschlüssigkeit seiner Generation zum Ausdruck bringt.

M. Guédron

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

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