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NAUM GABO (1890 - 1977)

NAUM GABO

1890 - 1977

Gabo, Naum (eigtl. Pevzner, Neemija Berkovic [Naum Abramovic; Nehemiah Borisovich]), jüd.-russ., später US amer. Bildhauer, Architekt, Graphiker, Maler, Kunsttheoretiker, * 5. 8. 1890 Klimovici/Weißrußland, † 23. 8. 1977 Waterbury/Conn.

Stud.: 1910–14 Univ. München, anfangs Medizin, 1911 Natur-Wiss., 1912–14 Phil. und Kunstgesch.; 1912–14 außerdem Ing.-Wesen an der TH München. Während dieser Zeit wird er mit mathemat. Modellen vertraut, die einen profunden Einfluß auf die spätere Entwicklung als Bildhauer ausüben sollen. 1912 und ’13 besucht er in Paris seinen älteren Bruder, den Maler und Bildhauer Antoine Pevsner, und sieht Kunstwerke der Avantgarde.

Auf Anraten des Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin bereist G. 1913 zu Fuß Italien, u.a. Bologna, Pisa, Venedig und Florenz. Bei Kriegsausbruch 1914 flieht er mit dem jüngeren Bruder Alexei zunächst nach Kopenhagen, dann nach Christiana (Oslo), wo er bis 1917 bleibt.

Ab 1915 nennt er sich Gabo. Nach der Febr.-Revolution 1917 Umzug nach Moskau, wo er sich in den Randbereichen der Avantgarde bewegt. Als Beschäftigter der Abt. Kunst innerhalb des Kommissariats für Aufklärung arbeitet G. an Projekten wie der Zs. IZO. Im Aug. 1920 verfaßt er zus. mit Antoine Pevsner ein Realist. Manifest, das begleitend zu einer Ausst. am Tverskoj Boulevard, Moskau (u.a. mit Werken beider Brüder und Gustav Klucis) publ. wird.

1922 Erlaubnis, sich in Berlin niederzulassen. Durch die im Okt. 1922 eröffnete „Erste russ. Kunst-Ausst.“, die bei dt. Künstlern einen bed. Eindruck hinterläßt, wird G. zu einer wichtigen Persönlichkeit der dt. Avantgarde. 1922 gemeinsame Wohnung mit Elisabeth (Lilli) Richter († 1929), der Ehefrau von Hans Richter. 1923 Mitarb. an der ersten Ausg. der von diesem hrsg. Zs. „G: zur elementaren Gestaltung“.

Seine erste große Ausst. im Westen hat er 1924 u.d.T. „Constructivistes Russes: G. et Pevsner“ in Paris; 1926 stellt er mit der Novembergruppe aus. 1927 Kostüm- und Bühnenentwürfe (Ausf. in Plastik zus. mit Antoine) für das von Sergei Diaghilev produzierte Ballett La Chatte. 1928 hält G. in Dessau Vorlesungen am Bauhaus und kritisiert mit dem Aufsatz „Gestaltung?“ in dessen eig. Zs. die Design-Grundlagen des Bauhauses. 1930 erste Einzel-Ausst. bei der Kestner-Ges. in Hannover. 1931 unterbreitet er einen Entwurf im Wettb. für den Sowjet-Pal. in Moskau.

Nach häufigen Reisen zw. Deutschland und Frankreich läßt er sich 1934 in Paris nieder. Dort kann er seine Arbeiten weder ausstellen noch verkaufen, lebt in großer Armut und unternimmt einen Selbsttötungsversuch. 1935 erster Besuch in England, 1936 Umzug dorthin. Er trifft Miriam Franklin (geb. Israels), die er 1937 heiratet. 1936 Teiln. an der Ausst. „Abstract and Concrete“ in England sowie an der von Alfred H. Barr in New York ausgerichteten „Cubism and Abstract Art“.

Als führende Persönlichkeit des brit. Konstruktivismus wird G. zus. mit dem Architekten Leslie Martin und dem Maler Ben Nicholson Hrsg. der bed. Publ. „Circle. Internat. Survey of Constructive Art“. 1938 bereist er zus. mit einer Wander-Ausst. die USA. Wieder in England, entwirft er für Königin Mary Armaturen, deren Voll. jedoch durch den Ausbruch des 2. WK verhindert wird. Von Nicholson und Barbara Hepworth gedrängt, zieht G. während der Kriegsjahre nach Carbis Bay b. St. Ives/Cornwall. 1940 liefert er im Radioprogramm „Artist in the Witness Box“ eine eloquente Verteidigung abstrakter Kunst. Im Mai 1941 Geburt der Tochter Nina Serafima.

Nach Kriegseintritt der Sowjetunion sammelt G. Geld, um einen Krankenwagen nach Rußland zu schicken. 1943–44 arbeitet er in der von Herbert Read und Misha Black organisierten Design Research Unit an versch. Projekten (u.a. einem Auto für die Jowett Car Company), jedoch geht keiner der Entwürfe in die Massenproduktion. Außerdem erarbeitet er eine Bildungsstrategie für den Bereich des Design.

Entmutigt emigriert G. 1946 in die USA, wo er zunächst in Woodbury/Conn., ab 1953 im nahegelegenen Middlebury wohnt. Seine Ausst. im New Yorker MMA verschafft ihm 1948 in Amerika den Durchbruch. Er wird in der Folge eingeladen, Vorträge zu halten, u.a. an der Yale Univ. und dem Inst. of Design in Chicago. Ebenso ergeben sich einige Auftragsarbeiten, u.a. ein Entwurf für das Esso Building des Rockefeller Center in New York (1949; nicht ausgef.) und die 1951 im Treppenschacht des Young People’s AC im Baltimore Mus. of Art installierte Construction: Suspended in Space. 1952 US-amer. Staatsbürgerschaft. Infolge einer Reise nach Europa ergeht 1954 der Auftrag für eine mon. Konstruktion neben dem Kaufhaus Bijenkorf in Rotterdam (1957 voll.), die G. aus dem Modell für ein Mon. to the Unknown Prisoner von 1952 entwickelt.

Gleichzeitig entsteht ein Relief für die Lobby der US Rubber Company im Rockefeller Center, New York. 1959 hält G. als eine der prestigeträchtigen A. W. Mellon Lectures in the FA der NG of Art in Washington den Vortrag „Of Divers Arts“. Nach mehr als 20 Jahren gelingt es G. 1959, wieder Kontakt zur Fam. in der Sowjetunion herzustellen, wohin er 1962 nach 50 Jahren erstmals wieder reist. 1965–66 umfangr. Retr., die als Wander-Ausst. in den Niederlanden, Deutschland, der Schweiz, Schweden und Großbritannien zu sehen ist, 1968 folgt eine weitere Retr. in Buffalo/N. Y. und 1971–72 erneut eine europ. Wanderausstellung.

1969 wird ein ab 1966 schwelender bitterer jurist. Streit mit der Marlborough Gall. beigelegt. Als letzte großformatige öff. Arbeit fertigt G. die 1976 voll. Brunnen-Skulpt. Revolving Torsion (London, Garten von St. Thomas’s Hospital; nach Entwürfen von 1929) im Auftrag der Londoner Tate Gall., die im gleichen Jahr auch G.s letzte Einzel-Ausst. zu Lebzeiten ausrichtet. Mitgl.: 1965 Amer. Nat. Inst. of Arts and Letters; 1966 Kgl. akad. för de fria konsterna, Stockholm; 1969 Amer. Acad. of Arts and Sc.; 1975 Amer. Acad. of Arts and Letters. 1967 Ehrendoktor des R. College of Art London; 1971 Ritterschlag in Großbritannien.

G. ist einer der ersten Künstler, der Plastiken aus glatten Flächenelementen in solch einer Weise konstruiert, daß die Gesamtform völlig von Räumlichkeit durchdrungen ist; damit stellt er sich in einen Gegensatz zu trad. modellierenden und bildhauer. Techniken. Er veranschaulicht seine Arbeitsmethode der offenen Skulpturräumlichkeit anhand von zwei Würfeln; einer davon besitzt geschlossene Außenflächen, der andere ist geöffnet und durch zwei sich im Inneren kreuzende Ebenen als voluminöser Körper definiert. Die Entwicklung solch eines Ansatzes ist deutl. durch G.s wiss. Kenntnisse und seine Vertrautheit mit mathemat. Modellen geprägt.

Während des 1. WK fertigt G. in Norwegen die ersten solcher Skulpt.-Konstruktionen auf der Grundlage von menschl. Kopf und Figur, z.B. Head No. 1, Head No. 2 und Torso. Wenig später in Moskau bewegt er sich zur Abstraktion hin. Auf der Basis der Konstruktionen dieser Periode tendiert G. dazu, Kreuzformen zu verwenden (z.B. Column, ca. 1921). Im Realist. Manifest von 1920 betont er, daß seine von ihm als „stereometr. Methode“ bez. Arbeitsweise sich auf zeitgen. Prinzipien in Natur-Wiss. und Ingenieurswesen stützt und seine Kunst zudem im Einklang mit neuen, progressiven Kräften in Politik, Ges. und Technologie steht. Ebenso hebt er die Bedeutung von Dynamik in der mod. Welt hervor und fertigt 1920–21 die erste kinet. Skulpt. Kinetic Construction (Standing Wave), eine aufrecht stehenden Metallstange, die durch einen Motor in Schwingung versetzt wird und dadurch ein virtuelles räuml. Volumen erzeugt.

Auf utop. Träume der russ. Revolutionsperiode zurückgreifend, drückt G. sein Anliegen aus, Kunst solle für jedermann zugängl. sein und Teil des Alltagslebens werden. Als Ideal verfolgt er deshalb beständig das Ziel, seine Konstruktionen im urbanen Umfeld zu errichten, und entwirft ab den 1920er Jahren zahlr. Prototypen für öff. Skulpt.; die Möglichkeit zur Umsetzung ergibt sich jedoch erst nach dem 2. WK, z.B. bei der Bijenkorf Construction und Revolving Torsion. Nach dem Umzug nach Deutschland 1922 wird G.s Ansatz der heute als Internat. Konstruktivismus bez. Bewegung zugeordnet, die sich heraushebt durch den Einsatz unpersönl. Techniken, geometr. Formen und mod. Materialien, die eher in einem wiss. Labor beheimatet sind als in einem trad. Künstleratelier.

G.s Werke dieser Zeit zeichnen sich durch Geradlinigkeit, den Einsatz von Metall und das Verwerten der Transparenz von Glas und Plastikmaterial aus, z.B. Construction in Space: Balance on Two Points, 1925–1930, und Construction in Space: Vertical, ca. 1930. Statt sich wie einige mit ihm bekannte sowjet. Konstruktivisten dem reinen Utilitarismus hinzugeben und der Kunst zu entsagen, weitet G. seine Kunstauffassung auch auf das Design aus und behält den festen Glauben, mit ihr die Welt verändern zu können. Das sich während der 1920er Jahre abzeichnende Interesse für versch. Bereiche des Designs und der Archit. kulminiert mit dem Wettb.-Entwurf für den Sowjet-Pal. von 1931. Hierfür entwickelt er ein strukturales System, das es erlaubt, weite Innenräume zu überspannen, und läßt dieses in der Folge in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA patentieren.

Später arbeitet er in England auch an Entwürfen für industrielle Produktion. In den frühen 1930er Jahren bewegen sich G.s rein künstler. Arbeiten weg von der Maschinen- und Ingenieursästhetik hin zu organischeren Formen. Dies wird bes. in den brit. Werken deutl., in denen er die Flexibilität und Transparenz des 1937 entwickelten Plastik-Mat. Perspex effektiv ausnutzt, z.B. Spiral Theme (1941; London, Tate). Der Inbegriff dieses neuen Ansatzes findet sich in Spheric Theme (1937; New York, Guggenheim), wo G. das Volumen in einer neuartigen Weise evoziert und seine Vorstellung eines essentiell als gekrümmt aufzufassenden Raumes durch die Kreisform illustriert. Diese Gestalt liefert in der Folge die Basis für viele der späteren Skulpt. wie der Construction in Space with Net (1952) und der Bijenkorf Construction.

Daneben arbeitet G. in den 1930er Jahren mit stärker trad. Techniken und konventionelleren Mat., z.B. Stone with a Collar (1936–37). Während der Kriegsjahre in Cornwall fügt er den Konstruktionen Schnüre ein, die aus eng geflochtenen Nylonfäden bestehen, die Licht reflektieren und als luminöse Membranen die räuml. Kontinuität innerhalb der Struktur definieren und betonen, z.B. Linear Construction in Space No. 1 und No. 2.

In den 1960er Jahren beginnt G., Metallfedern zur Vernetzung von Metall-Skulpt. zu verwenden, z.B. Linear Construction in Space, No. 4, da sich die Plastik-Mat. nicht immer als sehr haltbar erweisen und das Metall seinen Skulpturen eine robustere Qualität verleiht. In den letzten Lebensjahren entstehen auch Monoprints und gelegentl. Gemälde.

C. Lodder

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Naum Gabo, Konstruktiver Kopf Nr.1, 1915, The works of Naum Gabo © Nina Williams

Naum Gabo: Konstruktiver Kopf Nr.1 (Detail)

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