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ALEXANDER ARCHIPENKO (1887 - 1964)

ALEXANDER ARCHIPENKO

1887 - 1964

Archipenko, Alexander (Aleksandr Porfirevic), USamer. Bildhauer, Zeichner, Maler, Graphiker ukrain. Herkunft, * 30. 5. 1887 Kiev, † 25. 2. 1964 New York.

Sohn eines Ingenieurs und Hochschullehrers für Mathematik. Stud.: 1902–05 Kiever Kunstschule (Malerei, Plastik), von der er wegen Protestes gegen den offiziellen Akademiebetrieb verwiesen wurde; 1905–08 freie Studien in Moskau, Beteiligung an versch. Ausstellungen.

1908–14 Paris-Aufenthalt, 14tägiges Stud. an der EcBA, ständige Besuche im Louvre, wo er wegweisende Impulse vor allem von der ägypt., griech.-archaischen und got. Plastik empfing. Bekanntschaft mit der frz. Avantgarde (u. a. Picasso, Braque, Modigliani), Ablehnung Rodins. 1912 Eröffnung einer eigenen Kunstschule (Beginn einer lebenslangen kunstpädagog. Wirksamkeit) und Zugehörigkeit zur Künstlergruppe „Section d’Or“, stellt im Salon d’Automne und bei den Indépendants aus. 1912 erste Einzel-Ausstellung in Hagen im Folkwang-Mus., 1913 in der Gal. „Der Sturm“, Berlin, bereits anerkannt als Neuerer in der Plastik der Moderne.

1914–18 lebt A. in Cimiel bei Nizza, reist 1918–21 in versch. europ. Städte, ehe er sich 1921–23 in Berlin niederläßt.

1921 Heirat mit Angelika Bruno-Schmitz. 1923 Emigration in die USA (1928 USA-Staatsbürgerschaft). 1923 Eröffnung einer Kunstschule in New York. Weitere kunstpädagog. Tätigkeit: 1924 Sommerschule in Woodstock/N. Y. (1929 zu einem Kunstschulzentrum ausgebaut); 1929 Kunstschule für Keramik in New York; Vorlesungen an Colleges in versch. Städten der USA; 1933 Übersiedelung nach Hollywood/ Calif.; 1935 Eröffnung einer Kunstschule in Los Angeles; Vorlesungen an versch. Univ., u. a. 1935/36 in Seattle/Wash., 1937 am New Bauhaus in Chicago, dort Gründung der „Schule für schöpferische Kunst“. Im gleichen Jahr wurden im faschist. Deutschland alle in öffentl. Besitz befindl. Werke A.s konfisziert.

1939 Rückkehr nach New York und Gestaltung einer Mosesfigur zur finanziellen Unterstützung emigrierter europäischer Künstler. 1946 Tätigkeit am Inst. für Design in Chicago, 1950 an der Univ. von Kansas City/Mo., 1951 an der Univ. von Oregon, Eugene. 1953 Korrespondierendes Mitgl., 1962 Ehrenmitgl. des Internat. Inst. für Kunst und Lit., New York.

1960 Heirat mit der Bildhauerin Frances Gray. 

Bereits mit seinen frühen Werken versuchte A., dem Eklektizismus in der Plastik zu Beginn des 20. Jh. eine neue bildnerische Sprache entgegenzustellen. Eine expressive, zur Abstraktion neigende Darstellung (Silhouette, Bronze, 1910) verbindet sich von Anfang an mit einer die Form betonenden Stilisierung (Sitzender schwarzer Torso, Bronze, 1908).

Das Prinzip der Figurativität beibehaltend, gelangte A. 1910–13 zu einer von der kubist. Malerei beeinflußten radikalen Vereinfachung und Reduzierung der Formen (Frau mit Tuch, Bronze, 1911), zu geometrisch angelegten blockhaften Körpern, denen eine aktive Wechselwirkung mit dem Raum eigen ist (Boxer, Bronze, 1913). Lösungen mit harten, scharfkantigen Formen (Sitzende Figur, Bronze, 1913) stehen neben solchen mit weichem Linienfluß und Rundungen (Flacher Torso, Bronze, 1914): z. T. sind organische und technoide Formen innerhalb einer Figur kombiniert (Gondoliere, Bronze, 1914). Diese Probleme behandelte A. sowohl in statischen als auch dynamisch bewegten Kompositionen bis hin zur Verwendung kinetischer Elemente (Medrano I, 1912, zerst.), angeregt von den ital. Futuristen.

Ab 1911 entstanden Skulpturen, in denen ausgeschnittene Leerformen (Negativ-Formen) eine eigene konstruktive Bedeutung haben (Schreitende, 1912; Blauer Tänzer, 1913, beide Bronze). Wenig später begann A. auch mit konkaven Formen zu arbeiten (Konkave in Grün, 1913). Spannung und Raumwirkung entstehen durch die Gegeneinandersetzung dieser „negativen“ und „positiven“ Formen. Die Verwendung verschiedenartiger Materialien wie Holz, Glas, Gips und Metall führte zu polychromen Arbeiten, zu denen er sich in einem Manifest ausdrücklich bekannte (Schreitender Soldat, Gips, bemalt, 1917). Seit 1912 arbeitete er auch an sog. „Skulpto-Malereien“ (Stehende Frau und Stilleben, 1919), in denen er seine Form- und Konstruktionsprinzipien mit Reliefs (aus Holz, Pappe, Metall, Glas u. a.) auf eine Fläche überträgt (Frau mit Fächer, Relief, 1914), wobei Collage-Effekte Verwendung finden (Stilleben auf rundem Tisch, 1916; Im Boudoir, 1915). Letztere dienten ihm nach eigenen Aussagen auch zur Klärung des konstruktiven Gedankens einer Figur (Figur in Bewegung, Collage, 1913). Dasselbe gilt auch für seine z. T. farbigen Druckgraphiken in verschiedenen Techniken, die er von Zeit zu Zeit anfertigte insgesamt 53), und von denen die Lithographien in Mappen zusammengefaßt sind (A. A., Dreizehn Steinzeichnungen, Verlag E. Wasmuth A.-G., Berlin 1921; Les Formes Vivantes, St. Gallen 1963) bzw. für diverse Zeichnungen und Aquarelle von seiner Hand (vollständig aufgeführt bei Karshan, 1974).

Ein Zusammenhang zwischen seinem zeichner.- graphischen Œuvre und den Plastiken besteht auch hinsichtlich der Silhouettenbetontheit, auf die A. stets Wert legte (Zwei Frauen, Lith., 1921; Angelika, Kaltnadelrad., 1922; 5 Figuren, Serigraphie, 1952; Schreitende Frau, Aqu., 1918) und die er in den graphischen Arbeiten oft durch mehrere parallel verlaufende Umrißlinien bzw. Schattenzonen akzentuiert hat. In den 20er Jahren experimentierte A. mit einer Darstellungsweise, die er selbst als Naturalismus bezeichnete, die jedoch nichts mit modellnaher Detailtreue zu tun hat, sondern Anregungen aus verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte aufgreift (Diana, 1925; Junge Mädchen, 1926, beide Bronze).

In diesem Zeitraum entstand, z. T. an die eigene Frühzeit anknüpfend (Bildnis Frau Kamenev, Stein, 1909), auch eine Reihe von stilistisch sehr unterschiedlichen Porträts in Form von Reliefs mit Stillebenelementen (Bildnis seiner Frau, Gips, bemalt, 1922) bzw. als Büsten, zuweilen idealisiert und verinnerlicht (Bildnisse seiner Frau, 1921 und 1925, beide Gips), zuweilen erfüllt von barockem Bewegungspathos und einer von Bourdelle inspirierten zerklüfteten Oberflächengestaltung (Bildnis Dr. F. Wichert, 1923; Bildnis W. Mengelberg, 1925; Bildnis W. Furtwängler dirigierend, 1927, alle Bronze).

Parallel dazu experimentierte A. seit 1924 mit einer Art beweglicher Malerei-Skulptur, der „Archipentura“, bei der ein mechanischer Aufbau aus 110 horizontal angebrachten Metallstreifen und 110 dahinter befindlichen Leinwänden ständig wechselnde Bilder produzieren konnte.

Seit den 30er Jahren haben viele Plastiken von A. einen betont dekorativen Zug, langgestreckte, elegant fließende Silhouetten und effektvolle, graphisch betonte Farbkontraste (Josephine Bonaparte, Holz, bemalt, 1935; Hollywood-Torso, Terrakotta, poliert, 1936; Gelb und Schwarz, Terrakotta, beschichtet, 1938), die zus. mit der Verwendung polierter Metalle (Leda mit Schwan, 1938) u. a. Verbindungen zum Art Déco assoziieren. In den 50er Jahren kommt durch die Verarbeitung von Perlmutt (Ozeanische Madonna, 1957; Sich drehende Figur, 1959) bzw. durch die Kombination von Marmor mit Bronze (Fragmentarisches Relief, 1959) und Gold bei den Zeichnungen ein betont kunstgewerblicher Zug hinzu.

Seit 1946 beschäftigte sich A. mit dem Problem der „Modellierung des Lichtes“, indem er von innen beleuchtete Plastiken aus Plexiglas und anderen Kunststoffen schuf (Religiöses Motiv, 1948; Menschen, bewegliche Wand, 1952). Anfang der 50er Jahre entstanden auch fast abstrakt und auf wechselnde Beleuchtungseffekte angelegte Monumentalplastiken aus Stahlplatten (1950, zwei davon aufgestellt am Eingang der Universität von Kansas City/ Mo.).

Bereits seit den 30er Jahren und dann bes. in seinem späten Schaffen kehrte A. zu den archaischen Reminiszenzen seiner Frühzeit zurück und schuf eine Reihe symbolhafter und kultisch geprägter Figuren (Braut, Bronze, 1935; Königin von Saba, 1961; König Salomo, 1963/64, beide Bronze), in denen der Gedanke eines humanistischen Menschenbildes aufgehoben ist. Gestalterisch steht dabei oft das Umgreifen von Raum und Hohlraum im Vordergrund.

Die späten Zeichnungen A.s in Tempera, Aquarell, Tusche, Blei- und Buntstift, auch Feder, haben in ihrer Großformatigkeit durchaus Gemäldecharakter (A. schuf in der Frühzeit auch Gem. in Öl, später v. a. in Tempera), womit er in einem internationalen Trend der Graphik und Zeichenkunst lag. Mit seinen vielfältigen formalen Experimenten gehört A. neben H. Moore, C. Brancusi, N. Gabo, J. Lipchitz u. a. zu den bedeutendsten avantgardistischen Bildhauern in der ersten Hälfte des 20. Jh. Man hat ihn in Anspielung auf seine wichtige Rolle bei der Übertragung des Kubismus in die Plastik den „Picasso der Plastik“ genannt.

Selbst auf die unterschiedlichsten Anregungen aus der Kunst der Vergangenheit und Gegenwart reagierend und ausgestattet mit einer vom Vater ererbten konstruktiven Erfindergabe, hat er sowohl der abstrakten als auch der figurativen Kunst wichtige Impulse gegeben (u. a. war seine Interpretation des Kubus für die Kunsttheorie des Bauhauses von wichtiger Bedeutung). Seine innovative Kraft kam im 2. Jahrzehnt des 20. Jh. zweifellos am stärksten zur Geltung, während seinem Werk seit den 30er Jahren in neuerer Zeit allgemein ein Verlust an origineller künstlerischer Ausdruckskraft angelastet wird. Jedoch fehlt seit der letzten Monographie über A. (1974) eine aktualisierte Einschätzung seines Gesamtwerkes.

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Alexander Archipenko, Badende, 1915, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Alexander Archipenko: Badende (Detail)

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