Zurück zur Übersicht

OTTO FREUNDLICH (1878 - 1943)

OTTO FREUNDLICH

1878 - 1943

Der in Deutschland und Frankreich tätige F. ist ein früher, kompromißloser Vertreter der abstrakten Kunst. Jüd. Abstammung und von seiner Pflegemutter im protestant. Glauben erzogen, wächst F. vielseitig interessiert auf. Nach einer kaufmänn. Lehre und Ausb. in der Holzhandlung seines Bruders in Hamburg (1892–1901) studiert F. kurzzeitig erst Zahnmedizin, dann Kunstgesch., u.a. bei Heinrich Wölfflin in München. 1904 lernt er den Schriftsteller, Verleger und Komponisten Herwarth Walden kennen. Der rege Briefwechsel mit Walden (bis ca. 1911) steht am Beginn seines netzwerkartigen Austausches mit gleichgesinnten Intellektuellen. Selbst Klavierspieler, beschäftigt sich F. intensiv mit Musiktheorie, literar. und phil. Abhandlungen und publiziert seine ersten eig. musik- und kunstkrit. Schriften.

Auf einer Reise nach Florenz 1906 faßt er den Entschluß, Künstler zu werden, und versucht sich in Malerei und Plastik. 1907 mietet er dort ein Atelier und arbeitet als Bildhauer. Zurück in Berlin, erlernt er Bildhauerei bei Arthur Lewin Funke, in dessen Studienatelier für Malerei und Plastik u.a. auch Lovis Corinth unterrichtet.

Daneben besucht er die KSch von Lothar von Kunowski. Bei seiner ersten Parisreise im März 1908 findet er Anschluß an die Avantgarde (Constantin Brancusi, Amedeo Modigliani, Robert Delaunay, Georges Braque, Max Jacob, Guillaume Apollinaire, Amadeo de Souzas-Cardoso), im Verlauf der Jahre bes. intensiven Kontakt zu Pablo Picasso.

F. mietet bis Juli 1908 ein Atelier am Montmartre. Nach kurzen Aufenthalten in München und Berlin arbeitet er vom Herbst 1910 bis zum Frühjahr 1914 überwiegend in Paris. Hier gelangt er 1911 zur Abstraktion. Zus. mit dem niederl. Künstlerpaar Adya und Otto van Rees entstehen Wandteppiche nach F.s Entwürfen. Anläßl. der Beteiligung an der Ausst. der Neuen Secession Berlin lernt er Karl Schmidt-Rottluff kennen, der ihn mit dem Kunsthistoriker und -förderer Wilhelm Niemeyer bek. macht, woraus sich Freundschaften entwickeln, wie auch zur Hamburger Kunsthistorikerin Rosa Schapiro; Kontakte ferner zu Erich Heckel, Heinrich Campendonk und Otto Mueller. Seit 1912 steht F. mit der Kölner Künstlergruppe der „Unisten“ in Verbindung (u.a. Max Ernst, Peter Abelen, C. M. Cahén, Johannes Theodor Kuhlemann, Franz Henseler).

Er beteiligt sich fortan an wegweisenden Ausst., u.a. 1912 in Köln an der von Niemeyer kuratierten Ausst. des Sonderbundes westdt. Kunstfreunde und Künstler, die er als die „erste große Manifestation der mod. Kunst“ bez., 1913 in Berlin am 1. Dt. Herbstsalon. 1914 studiert F. die Glasfenster der Kathedrale von Chartres. Es entstehen die ersten Glasfensterentwürfe (verschollen), wobei F. mit Überlagerungen verschiedenfarbiger Gläser arbeitet. In der Glasmalerei, zu der er sich auch theoret. äußert, sieht F. eine bes. Berufung (cf. Schr. v. 24. 8. 1924) und überträgt deren Prinzipien auch auf die Malerei.

Im Juli 1914 kehrt F. nach Deutschland zurück und wird Sanitätssoldat, bis man ihn 1918 wegen Schwerhörigkeit aus dem Militärdienst entlässt. 1914–24 arbeitet F. überwiegend in Köln und Berlin. In Berlin schließt er 1915 Bekanntschaft mit Hannah Höch, Raoul Hausmann und ihrem Freundeskreis und ist 1918/19 vorübergehend in der Berliner Künstler-Vrg Novembergruppe aktiv, im Berliner Arbeitsrat für Kunst und im Dt. Werkbund. 1922 Mitgl. der „Kommune in Berlin“ (u.a. mit R. Hausmann, Hedwig Mankewitz, Margarethe und Stanislaw Kubicki, Tristan Rémy, Felix Gasparra, Ludwig Hilbersheimer).

In Köln 1916/17 steht er im Kontakt zur anthroposoph. Lehre, schließt sich der Antikriegsbewegung an und verkehrt im Umkreis des Dada. 1919 Mitarb. der Kölner Dada-Zss. Der Ventilator und Bulletin D, das wegen eines von F. verf. Artikels von der brit. Besatzungsbehörde beschlagnahmt wird. Sein wichtigster Mäzen ist der Kölner Joseph Feinhals, für den er zahlr. Aufträge realisiert, u.a. 1919 das Mosaik Die Geburt des Menschen. 1920 versucht Walter Gropius, F. als Dozent für Plastik am Bauhaus zu gewinnen, scheitert aber am Widerstand der Fakultät. Eine Berufung durch den Architekten Bruno Taut an die KGS Magdeburg lehnt F. ab.

1922 stellt er in Berlin auf der Internat. Ausst. revolutionärer Künstler und 1924 (als Glasmaler) und ab 1926 unregelmäßig im Salon des Indépendants in Paris aus. 1924 entwickeln sich freundschaftl. Kontakte zu Max Sauerlandt, der dem stets von finanziellen Sorgen geplagten F. bis 1932 Rückhalt bietet.

Ab 1925 wieder in seiner Wahlheimat Paris, bemüht sich F. 1930 seinerseits um eine Anstellung am Bauhaus, um sich wirtschaftl. abzusichern. Erneut ist F. in revolutionären Künstler- und Intellektuellenkreisen aktiv; er nimmt 1930 an Ausst. der Gruppe Cercle et Carré teil, ist 1931–34 Mitgl. der Gruppe „abstraction-création“ (gegründet von Auguste Herbin und Georges Vantongerloo) und 1933 der Assoc. des Ecrivains et Artistes Revolutionnaires (A.E.A.R.).

Für F., stets in regem Austausch mit Künstlern der Avantgarde, bedeutet es eine Isolierung, als 1933 unter dem Nationalsozialismus die Kontakte zu den Künstlerkollegen in Köln und Berlin abbrechen. 1936 wird F. Mitgl. im Kollektiv Dt. Künstler in Paris und eröffnet, bedingt durch die finanzielle Notlage, eine priv. Akad. Le Mur, deren Konzept eine Synthese von Malerei, Bildhauerei und Graphik (Zchng, Hschn.) ist, und hält selbst auch Vorlesungen. 1937 werden 14 Werke des als „entartet“ diskriminierten F. aus dt. Museen beschlagnahmt; mit zwei Skulpt. (Der neue Mensch, Gips, 1912; ehem. Hamburg, MKG; Kleiner Kopf, 1916) in der Ausst. Entartete Kunst vertreten (Der neue Mensch ist 2 mc 21.5.2008 AKL Titelmotiv des Ausst.-Führers).

1938 tritt F. dem Freien Dt. Künstlerbund bei. Ab 1939 durchläuft F. mit Ausbruch des 2. WK versch. Internierungslager in Frankreich. Anträge auf eine Ausreisegenehmigung in die USA scheitern finanziell und an seiner Weigerung, ohne Jeanne (Hannah) Kosnick-Kloss auszureisen, mit der er seit 1930 zus. lebt. Er versteckt sich bei einer Bauern-Fam. in den Pyrenäen, wird denunziert, nach Polen deportiert und stirbt am Tag seiner Einlieferung ins Konzentrationslager Lublin-Majdanek.

F. arbeitet zeitlebens gleichrangig in Malerei und Plastik. Die Entwicklung seiner Malerei vollzieht sich in drei Phasen. Unter dem Einfluß des Jugendstils findet er zunächst zur dekorativen Abstraktion; mit ornamental-vegetabilen Bogenschwüngen erzeugt er ein kosm. Kräftefeld. Er bleibt noch am Gegenstand orientiert und malt Bilder mit symbol. Gehalt. Ab 1911 arbeitet er abstrakt, wobei seine in Farbfelder aufgefächerten Figuren eine Orientierung an den lichten Farbklängen und der rhythm. Formzersplitterung Robert Delaunays erkennen lassen.

Glasfensterhaft übernimmt die Farbe die Funktion des Bildlichtes. Mitte der 1920er Jahre vollzieht er mit Fragm. de figure à l’ensemble des plans den entscheidenden Schritt zu seinem abstrakten Spätstil. Begrenzte, teils gebogene Flächenelemente annähernd gleicher Größe verbinden sich in übergeordneten Bewegungsströmen und bringen sich in ihren harmon. gestuften Hell-Dunkel- und Farbwerten gegenseitig zum Schwingen. Farbspannungen stehen im Dienste einer geistigen Wirksamkeit der Klänge, wobei die Nähe zum Meditativen im musikal. Interesse des Künstlers gründet.

Seine Plastiken arbeitet F. vorwiegend in Gips und Bronze. Zumeist thematisiert er den Menschen durch auf Grundformen reduzierte Köpfe und Masken. Anfangs ist das Vorbild Auguste Rodins in stark gestischen Modellierungen deutl. erkennbar, dann werden die Oberflächen ruhiger, flacher, bis F. in einer dritten Phase seinen mon. Plastiken durch ein eigengesetzl. Wechselspiel zw. Formzertrümmerung und räuml.- organ. Neuordnung eine bes. Lebendigkeit verleiht.

Nur zw. den Weltkriegen schuf F. vollkommen ungegenständl. Plastiken. Wie in der Malerei, zielen Stilisierung und Deformation auch in der Plastik v.a. auf die Visualisierung geistiger Kräfte. In beiden Genres verfolgt F. also das gleiche Ziel: Er will die inneren Formbeziehungen durch eine Verflechtung rhythm. bewegter Volumen übersetzen und die Kräfte des Kosmos sichtbar machen.

Von F.s zahlr. Texten blieben viele unpubliziert, u.a. das Ms. Die Wege der abstrakten Kunst (52 Seiten; 1934), in dem er rezeptive Möglichkeiten der durch Form- und Farbkontraste intendierten Malerei und der Plastik unter Berücksichtigung farb-, raum- und wahrnehmungspsycholog. sowie soziokultureller Erfahrungen aufzeigt. Ebenfalls unpubliziert blieben die Bekenntnisse eines revolutionären Malers (80 Seiten, 1935), in denen sich F. u.a. zur Gesch. der Glasmalerei und der sich daraus ableitenden Formund Farberscheinungen äußert. 

D. Zbikowski

© Allgemeines Künstlerlexikon. Internationale Künstlerdatenbank, K. G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

Otto Freundlich, Ascension, 1929

Otto Freundlich: Ascension (Detail)

Mehr

E-Card versenden


* Pflichtfeld

Absender:






Empfänger:








Nachricht:



Copyright © 2014 Städel Museum. Alle Rechte vorbehalten.