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WILHELM LEHMBRUCK (1881 - 1919)

WILHELM LEHMBRUCK

1881 - 1919

Lehmbruck, Wilhelm, Bildhauer, Graphiker, Maler, * 4.1.1881 Duisburg, † 25.3.1919 Berlin.

L. stammte aus einer Arbeiterfamilie, besuchte seit 1895 die Kunstgewerbeschule, seit Mai 1901 die Kunstakademie Düsseldorf und war Schüler von Karl Janssen. Seine Entwicklung als Bildhauer entsprach nach Stil und Themen der wilhelminischen Epoche (u. a. Kugelwerfer, Siegfried, Badende). Erst die Kenntnis der Figuren Aristide Maillols und die Kontakte mit Pariser Künstlern veränderten langsam seine naturalistische Plastik in Richtung auf Formvereinfachung. 1907 stellte er erstmals in Paris bei der Societé Nationale des Beaux-Arts aus. In den Jahren bis 1910 mischten sich eklektisch Tradition, Impulse der Kunst Rodins und Maillols, Bergarbeiterstoffe Meuniers mit dem deutschen Idealismus eines Hans von Marées. Die Übersiedlung nach Paris 1910 führte zur Synthese des Figurenstils von Marées mit der Form Maillols: Große Stehende. L. entdeckte für sich das Material des getönten, patinierten Steingusses (Cementmasse) neu, den bereits Adolf von Hildebrand und Bernhard Hoetger verwendet hatten, um dem Bronzestil des 19. Jh. zu entkommen. L. zeigte seine Werke in Paris im Herbstsalon der Avantgarde, in der Münchner und Berliner Secession. Mit seiner extrem gelängten Figur der Knienden (1911) gewann er Anschluß an den Expressionismus; im Herbst 1911 stellte er in der "Neuen Secession" Berlin aus. Den Expressionismus in der Skulptur repräsentierte er in den folgenden Jahre zusammen mit Hoetger, Ernst Barlach, Otto Freundlich, Edwin Scharff, und zwar vor allem mit der von Friedrich Nietzsche inspirierten Figur Emporsteigender, den Torsi, den großen nackten Figuren, die die Opfer des Kriegs bezeichnen (Gestürzter 1915/16; Trauernder Freund, 1917; Pietà, 1918), und mit den gezeichneten und modellierten Porträts der Dichter Fritz von Unruh, Theodor Däubler, Ludwig Rubiner, Leonhard Frank, Hans Bethge.

An den Ausstellungen der "Freien Secession" Berlin war L. seit 1914 regelmäßig mit Waldemar Rösler, Max Beckmann, Erich Heckel, Wilhelm Gerstel u. a. Künstlern vertreten. In der Plastik-Abteilung des Sonderbundes Cöln 1912 standen seine Werke neben den Gemälden van Goghs. Karl Ernst Osthaus richtete ihm 1912 in Hagen eine Ausstellung mit Egon Schiele ein. In New York in der Armory-Show 1913 war L. mit der Stehenden und Knienden vertreten. In Paris hatte er 1914 eine wichtige Kollektivschau seiner Arbeiten in der Galerie Levesque. Der Ausbruch des Kriegs zwang ihn, nach Berlin zu gehen. Im Frühjahr 1916 durfte er auf Antrag hin als "Schlachtenmaler" im Elsaß arbeiten, erwirkte jedoch Ende 1916 seine Übersiedlung in die Schweiz, das Refugium der Pazifisten, von denen er Rubiner, Frank und Unruh näher kennenlernte. Das Jahr 1916, nach Vollendung der bedeutenden Figur des Gestürzten, wurde das Jahr auch der geistigen Wandlung L.s zur Sicht des Kriegs als Menschenmord. Die Werke aus der Kriegszeit belegen diese These: Der nackte weibliche Leib trat zurück zugunsten männlicher Symbolfiguren. Ein Steinguß des Trauernden Freundes wurde von Georg Swarzenski noch 1917 für das Städel in Frankfurt/Main erworben (dort erhalten). Im November 1916 hatte L. in Mannheim die größte Ausstellung zu Lebzeiten. Der Dichter Albert Ehrenstein bezeichnete L. als den bedeutendsten deutschen Bildhauer der Gegenwart. In Zürich erlebte L. im Sommer 1918 die Aufführung von August Strindbergs Rausch mit Elisabeth Bergner als Henriette; er verliebte sich in die Neunzehnjährige, zeichnete und modellierte sie. Aufgrund des unlösbaren Konflikts und einer venerischen Erkrankung nahm sich L., der mit seiner Frau Anita Kaufmann drei Kinder hatte, im März 1919, im Zenit seines öffentlichen Ansehens, das Leben.

Sammlungen von Plastiken zu Lebzeiten besaßen Mannheim, Berlin, Halle, Dresden und Frankfurt/Main; die Nationalsozialisten beschlagnahmten zahlreiche Werke, die zum Teil über Händler ins Ausland kamen. Exemplare seiner Werke, auch postume Güsse, stehen heute vor allem im Lehmbruck-Museum in Duisburg, das der Sohn Manfred baute. Die Geltung seiner Kunst ist seit 1919 ungebrochen. Die Wirkung seines Werks, insbesondere der fragmentarischen Spätwerke von 1918, Pietà, Mutter und Kind und Kopf eines Denkers, auf spätere Bildhauer bis zu Joseph Beuys ist breit und vielgestaltig. Insbesondere auf Künstler in der DDR wirkte L.s expressive Figurendarstellung, weil sie nicht zur abstrakten Dekoration strebte. Seine Werke bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Darstellung der objektiven Wirklichkeit und der subjektiven Vision, ohne die existentielle Basis zu verlassen und ohne bloße Formkompositionen zu sein.

Dietrich Schubert

© Deutsche Biographische Enzyklopädie. Hrsg. v. Rudolf Vierhaus, K. G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München 2005-2008.

Wilhelm Lehmbruck, Sitzender Jüngling (Der Gebeugte, der Freund, der Denker, Der Ermattete, Müder Krieger), 1916/17

Wilhelm Lehmbruck: Sitzender Jüngling (Detail)

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