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HANS BALDUNG GEN. GRIEN (1484/1485 - 1545)

HANS BALDUNG GEN. GRIEN

1484/1485 - 1545

Im Gegensatz zu allen anderen deutschen Malern der Dürerzeit stammte Hans Baldung, gen. Grien, aus einer Gelehrtenfamilie: Zu seinen Verwandten zählten ein Magister Hans Baldung am bischöflichen Gericht in Straßburg und der kaiserliche Leibarzt Dr. Hieronymus Baldung. Sein Bruder Caspar war zuerst Dekan der Juristischen Fakultät und Rektor der Freiburger Universität und trat 1522 als Stadtadvokat in Straßburger Dienste; 1531 wurde er Beisitzer des Reichskammergerichts und kaiserlicher Rat in Speyer. Von Hans Baldung selbst kennen wir weder den Namen des Vaters noch den Ort seiner Ausbildung, den neuere Forschungen nach Schwaben lokalisieren wollen.1

1503 trat er als Geselle in die Werkstatt Albrecht Dürers in Nürnberg ein. Aus dieser Zeit scheint sein Rufname "Grien" herzurühren, der möglicherweise auf eine Vorliebe für diese Farbe oder auf ein Festtagskleid des Malers anspielen sollte, gewiß aber auch der Unterscheidung von den beiden anderen Gesellen Schäufelein und Süß von Kulmbach diente, die den gleichen Vornamen trugen. Noch in der Dürerwerkstatt fertigte er 1506/07 für den Magdeburger Erzbischof Ernst von Sachsen einen Dreikönigsaltar, heute in der Berliner Gemäldegalerie, und den Sebastiansaltar im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Nach Abschluß der Arbeiten übersiedelt Baldung nach Straßburg, wo er 1509 eingebürgert wird, im folgenden Jahr die Kaufmannstochter Margarete Herlin heiratet und zünftig wird.

In der ersten Straßburger Zeit hat er sich — vermutlich in Ermangelung großer Gemäldeprojekte - vor allem mit dem Holzschnitt befaßt und auch mit Tonplatten experimentiert. Für die Jahre 1512-17 zog er nach Freiburg, weil er den Auftrag zum Hochaltar des dortigen Münsters gewonnen hatte. Einen beträchtlichen Teil des exorbitanten Honorars von insgesamt 600 Gulden ließ er in eine Leibrente für sich und seine Frau umwandeln. In Straßburg betreibt das Ehepaar seit den 1520er Jahren Geld- und Immobiliengeschäfte; 1527 erwerben sie dort ein Haus in bester Lage. Seit 1533 vertritt er seine Zunft als Schöffe; kurz vor seinem Tode wurde er sogar Ratsherr.

Allerdings treten die merkantilen Aktivitäten keineswegs an die Stelle des künstlerischen Werkstattbetriebs; Baldung bleibt vielmehr auch nach der Reformation 1529 ein gefragter Maler. Zwar scheint er nach 1520 keinen Altar mehr geschaffen zu haben, doch machen Zyklen großer Aktgemälde oder Serien antiker Historien dieses Manko wett. Auch malt er weiterhin Madonnen, offenbar für altgläubige Auftraggeber, einzelne Andachtsbilder und eine stattliche Anzahl von Porträts. Dabei paßt er seinen Stil schrittweise und je nach dem Charakter des Auftrags dem Zeitgeschmack an und bereitet damit dem Manierismus in Deutschland den Boden. Seine gelegentlichen Kopien nach erfolgversprechenden Vorbildern verraten bewußtes Kalkül: So wiederholt die Madonna mit den Edelsteinen im Germanischen Nationalmuseum eine Komposition Jan Gossaerts; ein Porträt in der Madrider Sammlung Thyssen orientiert sich unverkennbar an Lucas Cranach. Dennoch ist Baldung alles andere als ein Eklektizist. Seine Kunst profitiert von einem hohen Grad an Selbstreflexion und Reflexion der Werke anderer, vor allem von einer lebenslangen kritischen Stellungnahme zum Schaffen seines Lehrers Albrecht Dürer: In seinen besten Werken bringt Baldung immer auch ,Kunst über Kunst' hervor und ist darin seiner Zeit erstaunlich weit voraus. Nach Dürers Tod wird Baldung dessen Locke überbracht; als den wahren und eigentlichen Nachfolger des großen Nürnbergers schätzen ihn bereits die Zeitgenossen ein.2

LITERATUR: Carl KOCH, Die Zeichnungen Hans Baldung Griens, Berlin 1941; Ausst. Kat. HANS BALDUNG GRIEN. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 1959; Matthias MENDE, Hans Baldung Grien. Das graphische Werk. Vollständiger Bildkatalog der Einzelholzschnitte, Buchillustrationen und Kupferstiche, Unterschneidheim 1978; Gert VON DER OSTEN, Hans Baldung Grien. Gemälde und Dokumente, Berlin 1983; M. MENDE, in: AKL 6,1992, S, 437-441; Joseph Leo KOERNER. The Moment of Self-Portraiture in German Renaissance Art, Chicago u. London 1993, S. 249-448; Ausst. Kat. HANS BALDUNG GRIEN IN FREIBURG, Freiburg 2001
1 Tilman FALK, Baldungs jugendliches Selbstbildnis. Fragen zur Herkunft seines Stils, in; Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 35,1978, S. 117-123.
2 Lothar SCHMITT, Dürers Locke, in: Zeitschrift fiir Kunstgeschichte 66, 2003, S. 261-272.

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