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CARL BLECHEN (1798 - 1840)

CARL BLECHEN

1798 - 1840

Blechen, Karl (Carl; Karl Eduard Ferdinand Heinrich), deutscher Maler, Zeichner, Radierer, Lithograph, * 29. 7. 1798 Cottbus, † 23. 7. 1840 Berlin.

Sohn des aus Regensburg stammenden preuß. Steuerbeamten Adrian B. Ein Onkel, Prediger in Madlow bei Cottbus, nahm sich als erster des jungen B. an und ermöglichte ihm den Besuch des Lyzeums in Cottbus, das er jedoch vor dem Abschluß verließ.

Ab 1814 Lehre und anschließende Tätigkeit im Berliner Bankhaus Selchow &Co.; dann nach einjähr. Militärdienst im Berliner Bankhaus A. Koehne tätig. Stud.: 1822–24 ABK Berlin bei Ferdinand Collmann und Heinrich Dähling, danach in der Klasse für Landschaftsmalerei von Peter Ludwig Lü(d)tke. Juli bis Sept. 1823 Aufenthalt in der Sächsischen Schweiz und in Dresden; Bekanntschaft mit Johan Christian Clausen Dahl und vermutl. auch mit Caspar David Friedrich, unter deren Einfluß B. mit einer Serie von Naturstudien seinen persönl. Stil zu finden begann.

 1824 durch Vermittlung von Karl Friedrich Schinkel Anstellung als Dekorationsmaler am Königstädtischen Theater in Berlin, einem Volkstheater, wo er bis 1827, unter dem Eindruck Schinkels, tätig war (vereinzelte Skizzen für Bühnenbilder erh., so Pflanzenkandelaber mit Regenbogen oder Treppenhalle im maurischen Stil als Feder-Zchngn oder Aqu.). Ebenfalls 1824 Heirat mit Henriette Boldt. Ab 1826 Mitgl. des Berliner Kunst-Ver.

Ab 1827 freischaffender Maler; 1828 Studienreise mit Dahl an die Nordsee, nach Stettin und Rügen. 1828-Nov. 1829 Reise nach Italien, u.a. in Trient, Verona, Padua, Venedig, Florenz, Rom, der Campagna, Salerno, Amalfi, Capri, Ischia sowie in den Albaner und Sabiner Bergen.

Die künstler. Ergebnisse dieser Reisen verschafften B. im Anschluß an die Rückkehr nach Berlin erstmals die Aufmerksamkeit eines größeren Kreises, zu dem auch Bettina von Arnim, der Verlagsbuchhändler von Decker, der Kunsthändler Sachse und später der Bankier Brose gehörten, der zum bedeutendsten unter den frühen Sammlern des Künstlers wurde (1891 gingen etwa 60 Werke B.s aus der Broseschen Slg als Stiftung in den Besitz der Nat.-Gal. in Berlin über).

1831 wurde B. als Nachfolger seines Lehrers Lü(d)tke Prof. für Landschaftsmalerei an der Berliner ABK. 1833 Harzreise. 1835 Ernennung zum ordentl. Mitgl. der Akad.; Paris-Reise (von der einige Bleistiftskizzen mit Genremotiven und Figuren sowie eine Zchng nach einem Gem. von Horace Vernet erh. sind). In den 30er Jahren Serie der im Auftrag des preuß. Königs Friedrich Wilhelm III. gemalten sog. Palmenhausbilder, Interieurs des später abgebrannten Gewächshauses mit exot. Pflanzen auf der in der Havel b. Potsdam gelegenen Pfaueninsel. Der Maler gestaltete die Motive nach einem genauen Stud. der Gewächse und versah sie mit einer Staffage von exot. Frauenfiguren, die an die Odalisken von Jean Auguste Dominique Ingres erinnern. Seit M. der 30er Jahre mehrten sich bei B. Anzeichen fortschreitender Depressionen mit zunehmenden Phasen völliger Lethargie; 1837 erster Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt, 1839 erneute Einweisung. –

 

B. gehört zu den herausragenden Landschaftsmalern der dt. Romantik und stand anfänglich unter dem prägenden Einfluß von Caspar David Friedrichs pantheist. Weltsicht, die später bei ihm allerdings von anderen Intentionen, so einem neuen realist. Zug, überlagert wurde. Schon während seines Studiums an der Berliner ABK wurde an der Auseinandersetzung B.s mit dem Akademismus deutlich, daß er einen anderen Weg zu gehen beabsichtigte als etwa sein Lehrer in der Landschaftsklasse, Peter Ludwig Lü(d)tke. Dieser Weg war allerdings über den gesamten Werkverlauf von einer gewissen Diskontinuität und Disparatheit gekennzeichnet, die eine eindeutige Zuordnung des Künstlers zu bestimmten Richtungen nur phasenweise erlaubt.

Die Bekanntschaft mit C. D. Friedrich und J. Ch. C. Dahl lenkte sein Talent jedoch in eine Richtung, die ihn ungeachtet aller Brüche in seinem Werk zu einem der bedeutenden Maler und Zeichner innerhalb der dt. Romantik, aber auch weit über diese Zeitströmung hinaus, werden ließ. Nur in den ersten Jahren, in Einzelwerken dann noch einmal im Spätschaffen, war er unter dem Eindruck seiner Theatertätigkeit stilist. wie auch themat. von den effektvollen Inszenierungen der zeitgen. Dekorations- und Theatermalerei und nicht zuletzt von Schinkels Dekorations-Gem. geprägt.

Werke wie Gotische Kirchenruine von 1826 erweisen zudem den Einfluß der romant. Vergänglichkeits- und Schauermotive. Hier zeigt sich auch schon der düstere, zerstörerische Zug, der dann in vielen Sujets des Spätwerks, darunter auch den Landschaften, auftritt. Zudem hat der Maler mit Bildern dieser Art (hierzu gehören die zahlr. Klosteransichten und -interieurs) Komp. von einer fast surrealen Wirkung geliefert, die ganz versch. von den gleichzeitigen restaurativen Tendenzen etwa der Nazarener sind. Doch nicht nur der Einfluß der romant. Dekorationsmalerei Schinkels ist hier spürbar, sondern auch jene Vergänglichkeitsvorstellung, die C. D. Friedrichs Werke durchzieht, ebenso der Eindruck der romant. Oper, der sich aus B.s Tätigkeit als Theatermaler herleitet. Hinzu kommt die Lit. der Zeit, wie z.B. die Erzählungen von E. T. A. Hofmann. Hier liegen die Quellen für die Motive des Frühwerks, das mit den ersten großen Bildern wie einer Gebirgslandschaft mit Staffage nach der Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber noch nicht unbedingt die spätere Entwicklung erwarten ließ. Doch war die Landschaft in der ersten Werkphase neben dem romant. gefärbten Hintergrund auch schon von der Auseinandersetzung mit der holl. Landschaftsmalerei u.a. von Allaert Pietersz. van Everdingen, Jacob Izaacksz. van Ruisdael und Meindert Hobbema, geprägt, die B. Anregungen für den atmosphär. Kolorismus gab, der sich, nicht zuletzt unter dem Eindruck der kolorist. Frische Dahls, bei ihm durchzusetzen begann, auch wenn der Einfluß von C. D. Friedrich bes. in den Skizzen der frühen 20er Jahre zunächst dominierte (in der Berliner Nat.-Gal. u.a.: Winterlandschaft, Sonnenaufgang sowie Der Liebethaler Grund).

Als einer der Wendepunkte in der Entwicklung B.s und der dt. Landschaftsmalerei allgemein gilt das 1828 entstandene (heute verlorene) Bild Semnonenlager am Müggelsee, bei dem erstmals in B.s Werk die romant. Auffassung gegenüber naturalist. Tendenzen deutlich zurücktrat. Diese Entwicklung wurde in der Folge durch die verstärkte Hinwendung zur Freilichtmalerei während des Italien-Aufenthalts unterstrichen, die B. nach seiner Rückkehr 1829 auch bei heimatlichen Motiven beibehielt.

Wegweisend waren dabei die auf dieser wie auf seinen anderen Studienreisen entstandenen Bleistift-, Kreide-, Aqu.- und Ölskizzen. Sie gehören zum Besten, was in dieser Hinsicht im 19. Jh. entstand und zeigen ungeachtet aller lit. und sonstigen Einflüsse die Unmittelbarkeit und Kraft von B.s Naturerleben. Gleichzeitig erweisen sie seine Fähigkeit zur expressiven Formgebung sowohl in den Studien wie den nach ihnen ausgeführten Gemälden. Zw. den Polen eines neuen, unmittelbaren Naturalismus, z.T. sogar Realismus und der wirksam bleibenden romant. Weltsicht sind dann viele Werke der Folgezeit angesiedelt (z.B. das Gem. Der gesprengte Turm des Heidelberger Schlosses, 1829). B.s Fähigkeit der Bildkomposition mit ihren ausgeprägten Hell-Dunkel-Effekten und dem gekonnten Spiel des Lichts hat einen für die romant. Malerei exemplar. Charakter. In seinem gesamten Werk nach 1828/29 erweist er sich zudem als einer der großen Koloristen in der dt. Malerei der 1. H. des 19. Jh. Hatte er schon in seinem frühen Werk, im Gegensatz z.B. zu den Nazarenern, bestimmte Grenzen idealisierender Überhöhung nie überschritten (auch wenn Bilder wie Wasserfälle von Tivoli Ahnlichkeiten mit den Landschaften der Deutsch-Römer aufweisen), so scheint das Erlebnis der Italien-Reise sowohl die romant. wie die zeittyp. Tendenzen einer heroisierenden und stilisierenden Landschaftsauffassung zugunsten der Unmittelbarkeit des farbigen Erscheinungsbildes zumindest zeitweilig stark zurückgedrängt zu haben.

Zusätzlich begann sich in den 30er Jahren eine realist. Komponente in seinen Werk abzuzeichnen, was in einigen Beispielen auch motivisch, so in dem Bild Walzwerk bei Eberswalde, seinen Ausdruck fand, mit dem er als einer der ersten Maler von Industrielandschaften in Erscheinung trat. Zudem kann er mit seinen atmosphär. aufgefaßten Landschaftsmotiven als einer der Vorläufer des Impressionismus gelten. B. beeinflußte teils mit diesem atmosphär. Kolorismus, teils mit seinen realist. Ansätzen u.a. den etwas jüngeren Norweger Thomas Fearnley und unter den dt. Malern z.B. Friedrich Wasmann, Johann Martin von Rohden, bes. aber Adolph von Menzel. Mit seinen düsteren Ideallandschaften weist er andererseits auf Arnold Böcklin voraus, mit seinen impressionist. Tendenzen u.a. auf Max Liebermann.

Bis in die letzten Landschaftsbilder hinein blieb B.s naturnaher Kolorismus und die atmosphär. Auffassung seiner Motive erhalten, auch wenn im Werk der letzten Jahre immer wieder eine Rückkehr zu romant. empfundenen Ideallandschaften mit elegischen und phantast. Gefühlsinhalten stattfand, ebenso wie B. in seinen Genrebildern bis in seine Spätphase hinein Motive etwa aus dem Klostermilieu wählte, die als zeittypisch für das Biedermeier gelten können. Dennoch heben sich Landschaften wie Genremotive von eben diesen Zeiterscheinungen entschieden ab (dies sowohl von den symbolbefrachteten Komp., der klassizist. Attitüde und dem Historismus etwa der Nazarener als auch von jeder biedermeierl. Idyllik). B.s Malerei gewann insgesamt v.a. im Hinblick auf die kommenden Richtungen des Realismus und Impressionismus ihre Bedeutung. Einer der ersten bedeutenden Zeitgenossen B.s, die sein vorwärtsweisendes Talent erkannt hatten, war Theodor Fontane.

P. Wiench

© Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, K.G. Saur Verlag, ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, München/Leipzig.

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