© Andreas Gursky/ VG Bild-Kunst, Bonn 2013/ Courtesy Sprüth Magers Berlin London

ANDREAS GURSKY

Charles de Gaulle

1992

C-Print

zur  Biographie

165 cm x 200 cm (gerahmt)

Anders als im 19. Jahrhundert die Eisenbahn mit dem Bahnhof in der Mitte der Stadt hat das Flugzeug ("carrier") keine vergleichbare Architektur mit einem formsprachlichen Überschuss hervorgebracht. Eine seltsame Schwerelosigkeit geht von Andreas Gurskys Flughafenbild Charles de Gaulle, Paris aus. Vielleicht ist damit eine dem Thema entsprechende zweifache Entmaterialisierung ins Bild gebracht. Es geht um den Luft-Verkehr und eine Architekturfotografie, die sich nicht mehr als unvermitteltes Abbild der Realität, sondern als "ein Bild vom Bild der Wirklichkeit" (Thomas Ruff) begreift. So macht der leere Raum im Bildzentrum diesen markanten Ort als das kenntlich, was er ist, nämlich eine Zentrifuge der Mobilität. Nicht nur ist man mit diesem hochformalisierten Bild an Paul Virilios Formel vom "rasenden Stillstand" erinnert, sondern auch an Piranesis Carceri. Der verkehrstechnischen Funktion dieses europäischen "Drehkreuzes" entsprechen die überdachten Rolltreppen für die (im Bild winzigen) Reisenden im Inneren des Flughafengebäudes – nicht sehr viel anders als bei einem Autobahnkreuz oder den unsichtbaren Förderbändern für das Gepäck der "Passagiere". So bodenlos, wie der Raum in diesem Bild erscheint, so anti-urban ist dieser Ort. Nicht unähnlich den Luftaufnahmen Balthasar Burkhardts geht Andreas Gursky auf erhöhte Distanz zum Geschehen. In diesem frühen Werk zeigt sich beispielhaft sein Wunsch, die Welt in ein Bild zu fassen. Der Künstler sucht nach Orten mit sinnbildhafter Qualität, so in seinen großformatigen Börsenbildern, in denen er insbesondere die Spannung zwischen der Menschenmenge und den zivilisatorischen Makrostrukturen inszeniert. Gleichermaßen Mikrostrukturen wie Bank-, Fahrkartenautomaten und dergleichen hat der Anthropologe Marc Augé im Sinn, wenn er von "Nicht-Orten" spricht, in denen das Subjekt komfortabel vereinsamt: "Der Raum des Nicht-Ortes befreit den, der ihn betritt, von seinen gewohnten Bestimmungen. Er ist nur noch das, was er als Passagier, Kunde oder Autofahrer tut oder lebt." Paris war die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts (die des 21. Jahrhunderts ist der Slum). Leben in der Weltstadt von heute heißt mobil sein und wir alle haben uns auf die Reise gemacht. Die Frage ist nur, ist Nowhere Man – wie meistens – auf der Heimreise oder fahren wir wirklich irgendwo hin? Der Ort von heute scheint jedenfalls – obwohl in vielen Fällen mit "destination" bezeichnet – mit seinem Erfahrungsraum auch seinen Charakter als Bestimmungsort verloren zu haben. Lost in Transit.
12345  Bewertung: (4.00)

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