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© Ryuji Miyamoto/ Courtesy of TARO NASU, Tokyo

RYUJI MIYAMOTO

Großes Schauspielhaus Berlin

1985

Schwarz-Weiß-Fotografie
Inv. Nr. DZ BANK-Sammlung im Städel Museum

63 × 83.5 cm

zur  Biographie

Ryuji Miyamoto ist eine Art Chronist des urbanen Wandels durch Abriss und Neubau moderner, hauptsächlich asiatischer Städte. So hat er, der anders als etwa Balthasar Burkhardt auch das Innere der Architekturen aufsucht, einen beeindruckenden Bilderzyklus über die Kowloon Walled City von Hongkong geschaffen. Dieser hochstöckige Gebäudekomplex, 1993 abgerissen, war zu einer berüchtigten, labyrinthischen Unterwelt geworden, in der tausende von Chinesen auf engstem Raum existierten. Aber auch den Abriss des berühmten großen Schauspielhauses von Hans Poelzig aus dem Jahr 1918 hat der Japaner 1985 in Ostberlin dokumentiert. An dem im Zustand der Agonie festgehaltenen expressionistischen Grotten-Interieur dieses Baus kommt die für Miyamoto charakteristische Spannung zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit besonders deutlich zum Ausdruck. Eine weitere Serie innerhalb seines fotografischen Werks stellen die Cardboard Houses von Obdachlosen in verschiedenen asiatischen Großstädten vor. Miyamotos Sicht des Urbanen ist der Ruinenästhetik des 19. Jahrhunderts verpflichtet. Sie findet in seinen 1995 in Kobe nach dem verheerenden Erdbeben entstandenen Aufnahmen ihren Niederschlag. Innerhalb von 15 Sekunden zerfiel eine moderne, hochtechnisierte Stadt zu einem Ruinenfeld und wurde zum Elendsgebiet. Die sozialen Folgen der Naturkatastrophe spiegeln sich nur indirekt, aber die apokalyptische Dimension umso spürbarer im Bild. Nicht unähnlich Hilla und Bernd Becher oder Thomas Struth sind Miyamotos fotografische Dokumente, in denen das figürliche Motiv kaum vorkommt, zugleich Porträts von Architekturen, die einen stark skulpturalen Charakter haben (quasi "last minute sculptures"). Seine Ruinen geben den modernen Gebäuden in gewissem Sinn ihre Körperlichkeit zurück. Bei allem Zerfall und Schrecken, die seine Bilder vordergründig vermitteln, handelt es sich nämlich nicht um melancholische Beschwörungen der Vergänglichkeit. So schlug schon der amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne im 19. Jahrhundert im Sinne der Erneuerung vor, die großen Städte periodisch niederzubrennen.

Hubert Beck

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