Raffael im Städel Museum
Techniken und Aufgaben der Zeichnung
Eine neue Erzählkunst
Zeichnung und Werkprozess
Raffael der Künstler

Eine Einstimmung auf die Ausstellung in fünf Episoden
Bereits vor Beginn der Ausstellung erhalten Sie hier vielfältige Hintergrundinformationen und können sich schon jetzt auf Raffael und seine überwältigende Zeichenkunst einstimmen. Machen Sie dadurch ihren Ausstellungsbesuch im Städel Museum zu einem besonders intensiven Erlebnis.

EPISODE V: WIE SIND DIE ZEICHNUNGEN RAFFAELS IN DAS STÄDEL MUSEUM GEKOMMEN?


Raffaels Zeichnungen in öffentlichen Sammlungen
Das Städel Museum besitzt elf eigenhändige Zeichnungen von Raffael und damit den umfangreichsten und auch der Qualität nach bedeutendsten Bestand in Deutschland. Die größten Gruppen von Raffael-Zeichnungen befinden sich in Sammlungen in England, Paris, Florenz und Wien, die seit dem 16. Jahrhundert aufgebaut wurden. Auch Johann Friedrich Städel (1728–1816), der Stifter des Städelschen Kunstinstituts, hatte mehrere Blätter unter Raffaels Namen erworben. Davon gilt aber heute nur noch eines als eigenhändig. Um 1800 kamen während der Napoleonischen Kriege viele Zeichnungen Raffaels auf den Markt und gelangten zum größten Teil in englische Sammlungen.

Die Blätter des Städel wurden um die Mitte des 19. Jahrhundert dank der Kennerschaft Johann David Passavants (1787–1861) erworben. Passavant war von 1840 bis 1861 Inspektor des Städelschen Kunstinstituts und hat die Sammlung durch viele wichtige Erwerbungen auf ein international hohes Niveau gebracht.

Johann David Passavant, Selbstbildnis mit Barett vor römischer Landschaft, 1818, Öl auf Leinwand, 45 × 31 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main


Vom Künstler zum Kunstkenner
Passavant stammte aus Frankfurt und wurde nach einer Banklehre Maler. Er ging zunächst nach Rom, wo er sich einer Vereinigung romantisch geprägter deutscher Künstler anschloss, die später als Nazarener bezeichnet wurden. Die Nazarener, die eine ursprüngliche und wahrhaftige neue Kunst schaffen wollten, suchten ihre künstlerischen Vorbilder im Mittelalter und in der Renaissance. Ihre Idole waren Dürer und Raffael, die sie für die größten Künstler aller Zeiten hielten.

Georg Carl Hoff (nach Franz Pforr), Dürer und Raffael vor dem Thron der Kunst, um 1832, Radierung, 213 × 137 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung


Das Interesse an alter Kunst führte dazu, dass sich Passavant mit der Kunstgeschichte beschäftigte. Er wurde vom Maler zum Kunstschriftsteller und schließlich zum Forscher. Er verfasste in zehnjähriger Arbeit die erste, bis heute vorbildliche wissenschaftliche Monografie über Raffael. Aufgrund seiner Kenntnisse gelang es ihm, bei den wenigen Gelegenheiten, die der Kunstmarkt noch bot, um 1850 für das Städel auf mehreren Versteigerungen erstrangige Zeichnungen Raffaels zu erwerben. Passavant erkannte die Qualität von bedeutenden Zeichnungen wie der Studie für die Disputa und dem Diogenes, hatte aber auch eine besondere, dem nazarenischen Geschmack geschuldete Vorliebe für das Madonnenthema.

Raffael, Thronende Madonna mit Kind, um 1500/02, schwarzer Stift (Kreide ?), Feder in Braun, über Griffel auf beigem, grau verschmutztem Papier, 213 × 145 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung


Raffael, Thronende Madonna mit Kind und dem hl. Nikolaus von Tolentino, um 1502/04, schwarzer Stift (Kreide?), Feder in Braun, über Griffel auf beigem, leicht verschmutztem Papier, 233 × 154 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung


Kleine Meisterwerke
Die kleine Silberstiftzeichnung eines Kinderkopfs bekam Passavant während seiner Arbeit an der Raffael-Monografie von einem englischen Kunsthändler geschenkt.

Raffael, Kopf eines Kindes, um 1504/06, Silberstift auf violettgrau grundiertem, cremefarbenem Papier, auf halber Blatthöhe eine waagerecht unter der Grundierung verlaufende Griffellinie, 112 × 99 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung


Unter den Erwerbungen Passavants befand sich auch ein Blatt, auf dem ein Gehilfe Raffaels verschiedene Entwürfe des Meisters kopiert hatte. Auf der Rückseite wurde erst viel später ein ganz besonders seltenes Beispiel einer ersten Ideenskizze freigelegt, wahrscheinlich eine Studie für die Sixtinische Madonna, die heute in Dresden zu sehen ist. Raffael skizzierte die Darstellung von Gottesmutter und Kind schnell und trotzdem prägnant.

Raffael, Madonna mit Kind in einer Glorie (Detail), um 1511/12, schwarzer Stift (Kohle) und Feder in Dunkelgrau (Armstudie) auf beigem Papier, 248 × 386 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung


Raffael, Sixtinische Madonna, um 1513-14, Öl auf Leinwand, 265 x 196 cm, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alter Meister, Dresden | Elke Estel, Hans-Peter Klut (Foto)

Eine Einstimmung auf die Ausstellung in fünf Episoden
Bereits vor Beginn der Ausstellung erhalten Sie hier vielfältige Hintergrundinformationen und können sich schon jetzt auf Raffael und seine überwältigende Zeichenkunst einstimmen. Machen Sie dadurch ihren Ausstellungsbesuch im Städel Museum zu einem besonders intensiven Erlebnis.

EPISODE 4: WAS BEDEUTET DIE ZEICHNUNG FÜR EINEN KÜNSTLER DER RENAISSANCE?


Die Wahl der richtigen Technik
Eine Idee schnell mit dem Bleistift oder Kugelschreiber in einem Notizbuch festhalten? So einfach war das Zeichnen zu Raffaels Zeiten nicht. Die Künstler um 1500 wandten andere Techniken an als die, die wir heute kennen, und teilweise waren diese sehr komplex. Die verbreitetste Technik war sicherlich die Federzeichnung: Sie wurde mit einer Vogelfeder ausgeführt, deren Kiel passend zugeschnitten war und die in Tinte getaucht wurde. Mit der Feder konnte ein Künstler seinen Gedankenfluss direkt auf das Blatt übertragen und seine Ideen in klaren Linien festhalten. Außerdem standen schwarze und rote Kreide zur Verfügung, Zeichenmittel, die erst im späten 15. Jahrhundert weitere Verbreitung fanden. Die rote Kreide wurde sogar erst zu Raffaels Zeit gebräuchlich. Im Gegensatz zur Feder war es mit der Kreide möglich, durch unterschiedliches Halten und verschieden starkes Aufdrücken sowohl Linien als auch Flächen zu erzeugen. Allerdings fehlt der Kreide die Präzision der Feder.

 
Raffael, Der Bethlehemitische Kindermord, um 1510, rote Kreide, schwarze Kreide und Griffel, 246 × 413 mm, The Royal Collection, Windsor Foto: Royal Collection Trust / © HM Queen Elizabeth II 2012

Das Zeichnen mit dem Pinsel ist eine ungewöhnliche Technik. Selbst wenn sie zur Zeit Raffaels weiter verbreitet war, als man heute aufgrund der nur wenigen erhaltenen Beispiele vermuten würde, war sie sicher weniger gebräuchlich als Feder oder Kreide. In der Renaissance kam der Pinsel nicht nur in Kombination mit anderen Techniken zum Einsatz, sondern wurde auch als eigenständiges Zeichenmittel verwendet. Die Pinselzeichnung eignete sich in besonderem Maße dazu, Lichteffekte und malerische Werte, Raum und plastisches Volumen zu studieren. Raffael experimentierte wiederholt mit dem Pinsel als eigenständigem Medium, mit dem sich die Eigenschaften der Malerei auf das Papier übertragen lassen.

Raffael, Die Übergabe der Pandekten, um 1511, Federzeichnung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung, Foto: © Städel Museum – ARTOTHEK

Heute so gut wie unbekannt ist der Silberstift mit einer Metallmine (bestehend aus einer Legierung mit Silber oder Blei), mit dem auf mit Kreide grundiertem Papier gezeichnet wurde. Auf dieser Grundierung hinterlässt die Metallmine einen feinen Strich. Diese Zeichenmethode aus dem Spätmittelalter war sehr aufwändig, sie ließ kaum Korrekturen zu und war vor allem mühsam zu erlernen und zu beherrschen. Raffael – und auch Albrecht Dürer – bedienten sich dieser Technik noch, während sie von anderen Künstlern ihrer Zeit schon nicht mehr verwendet wurde. Mit dem Silberstift erzeugten die Künstler eine Lichthaltigkeit und eine kostbar-schimmernde Wirkung, die gerade auf teilweise farbiger Grundierung malerisch anmutet.

Raffael, Diogenes, um 1508/09, Silberstift auf rosa-hellviolett grundiertem Papier, 245 × 284 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung, Foto: © U. Edelmann – Städel Museum – ARTOTHEK

Raffael benutzte zum Vorzeichnen schließlich noch sehr häufig einen Metallgriffel, der farblose, "blinde" Linien ins Papier drückte.

Wozu verwendete Raffael die Zeichnung?

An den Zeichnungen Raffaels kann man nachvollziehen, wie sich ihre Funktion änderte. Dienten sie zunächst dem Kopieren, Aneignen und Nachahmen von Vorbildern, wurden sie später zu einem Mittel der Erfindung neuer Bildideen. Nach seiner ersten Ausbildung in der väterlichen Werkstatt in Urbino und seiner Auseinandersetzung mit der von Pietro Perugino (um 1445–1523) dominierten umbrischen Schule erhielt Raffaels Zeichenkunst ab 1504 in Florenz eine neue Ausrichtung. Anschaulich wird das in seinen Studien in Feder, in denen er seinen Gedanken fließend Ausdruck verleiht. Einzelne Elemente gehen scheinbar bruchlos ineinander über, Raffaels Bildgedanken scheinen sich sprudelnd zu konkretisieren und über das gesamte Blatt auszubreiten. Größte Inspiration hat er in Florenz von Leonardo da Vinci (1452–1519) bezogen, mit dessen neuen künstlerischen und theoretischen Ansätzen er sicher vertraut war und den er wahrscheinlich auch persönlich kannte.

Raffael, Studien für Maria mit dem Kind, um 1508, Feder in Braun über schwarzem Stift (Kreide?), 230 × 313 mm, École Nationale Supérieure des Beaux-Arts, Paris

Das magische "Disegno"

Nicht nur Zeichnung, sondern auch Erfindung einer neuen Bildidee: Das ist gemeint, wenn in der italienischen Renaissance von "Disegno" die Rede ist. Der Künstler macht seine Vorstellung auf dem Papier sichtbar und probiert sie gleichzeitig noch aus. Der spezielle ästhetische Reiz liegt darin, dass die Zeichnung nicht nur ein Teil eines Werkprozesses, sondern auch unmittelbarer Ausdruck des schöpferischen Moments ist. Hierin zeigt sich der große Unterschied im Verständnis der Zeichnung gegenüber älteren, vor Leonardo, Michelangelo und Raffael arbeitenden Generationen. Auf dieser in der Renaissance entwickelten Charakteristik der Zeichnung als Form gewordene Idee beruht im Kern unsere moderne Idee des schöpferisch tätigen Künstlers. Raffaels Zeichnungen sind zwar alle in einen Werkprozess eingebunden, doch wurde schon früh ihre höchste ästhetische Vollendung gesehen, die sie schnell zu Sammlerobjekten werden ließ und zur Entstehung bedeutender Zeichnungssammlungen führte.

Eine Einstimmung auf die Ausstellung in fünf Episoden
Bereits vor Beginn der Ausstellung erhalten Sie hier vielfältige Hintergrundinformationen und können sich schon jetzt auf Raffael und seine überwältigende Zeichenkunst einstimmen. Machen Sie dadurch ihren Ausstellungsbesuch im Städel Museum zu einem besonders intensiven Erlebnis.

EPISODE 3: WELCHE BEDEUTUNG HABEN DIE ZEICHNUNGEN RAFFAELS FÜR DIE ENTWICKLUNG EINER NEUEN ERZÄHLKUNST?


Von der Komposition zum Bild
Für das Gemälde "Der Traum eines Ritters" der National Gallery in London ist eine maßstabsgetreue Zeichnung erhalten, ein sogenannter Karton. Die kleine Komposition erzählt keine Geschichte, sondern stellt eine Lebensweisheit dar: die schwierige Wahl zwischen mühsamer Tugend und süßem Nichtstun. Dem schlafenden jungen Mann erscheinen im Traum zwei junge Frauen, die diese beiden höchst unterschiedlichen Lebenswege verkörpern. Für welchen Weg er sich entscheiden wird, bleibt im Dunkeln. Die statisch angeordneten Figuren verweigern jedes erzählerische Element. In ihrer Bedeutung erschließen sie sich nur einem gebildeten Publikum, das ihre symbolischen Beigaben – auch Attribute genannt – zu entschlüsseln weiß.

Raffael, Der Traum eines Ritters, um 1502/03, Feder in Braun über Griffel, die Konturen durchstochen, 184 × 214 mm, The Trustees of the British Museum, London (1994,0514.57), © The Trustees of the British Museum
Raffael, Der Traum des Ritters, um 1502/03, Öl auf Holz, 160 × 127 cm, National Gallery, London (NG 213), © The National Gallery, London


Erzählung ohne Geschichte
Einige Jahre später, als Raffael für den Papst die Wissenschaft der Theologie darstellen wollte, wählte er eine wesentlich wirkungsvollere Umsetzung. Obwohl diesem abstrakten Thema keine Geschichte zugrunde liegt, gelingt ihm eine wesentlich lebendigere Darstellung. Das zeigt sich schon in einer Entwurfszeichnung: Diesmal reiht er die Figuren nicht einzeln nebeneinander auf, sondern erfindet eine bewegte Szene, in der Heilige, Kirchenväter und Gelehrte über das Sakrament der Eucharistie, das heißt der Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi während der Messfeier, lebhaft diskutieren. Wie ein Regisseur verbindet er die Figuren miteinander und ordnet sie zu Gruppen, die einzelne Stadien der Diskussion veranschaulichen. In jeder Gruppe fällt jeweils eine Person durch ihre besondere emotionale Bewegtheit auf. So gelingt Raffael der Ausdruck ganz unterschiedlicher Gefühlsreaktionen wie Neugier, Dramatik, Zweifel, Kontroverse bis hin zu Bewunderung und Ergriffenheit. Den Aufbau der Figurengruppen und ihre Anordnung hat Raffael in Zeichnungen komponiert und auch die emotionale Gestimmtheit jeder Person in Einzelstudien festgelegt. Hierin liegt die zentrale Bedeutung der Zeichnung im Arbeitsprozess des Meisters.

Raffael, Entwurf für die Disputa, um 1508/1509, Schwarzer Stift (Kreide?), Feder in Braun, über Griffel, an den Konturen durchstochen, auf beigem, von Kohlestaub verschmutztem Papier; 282 x 416 mm;, Graphische Sammlung, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main © U. Edelmann - Städel Museum - ARTOTHEK

In dem in den Stanzen des Vatikans ausgeführten Fresko erweitert sich die räumliche Situation für den Betrachter in eine transzendente Welt: Während die miteinander im Austausch stehenden Gelehrten nur die Monstranz auf dem Altar in der Mitte vor ihnen sehen, eröffnet sich dem Betrachter äußerst wirkungsvoll ein spektakulärer Blick ins Himmelreich.

Raffael, Disputa, um 1508/1509, Fresko, ca. 820 × 585 cm (Bildfeld). Stanza della Segnatura, Vatikanischer Palast, Città del Vaticano, Archiv Hirmer Verlag


Bewegt und bewegend
Das gleiche dramaturgische Prinzip wendet Raffael in seinen Historienbildern an, also in den Werken, die tatsächlich eine Geschichte erzählen. Für die Sixtinische Kapelle hat er eine Serie von sehr kostbaren Tapisserien entworfen, die in Brüssel gefertigt wurde. Diese Serie handelt vom Wirken der Apostel Petrus und Paulus. In der "Bekehrung des Paulus" geht es um den Apostel, der ursprünglich unter dem Namen Saulus ein erbitterter Christenverfolger war. Auf einer Reise erschien ihm Christus als strahlende Lichtgestalt, deren gleißende Helligkeit ihn so sehr blendete, dass er vom Pferd stürzte. Dieses überwältigende Ereignis bekehrte ihn zum Christentum. Raffael zeigt Christus wie eine Explosion, die den Apostel niederstreckt. Wie in einem Film stellt die innerbildliche Bewegung den zeitlichen Ablauf der Geschichte dar. In der vorbereitenden Zeichnung versucht Raffael die Dynamik der heranstürzenden Soldaten ebenso zu erfassen wie das Licht als Handlungsmoment. Die technische Umsetzung des Geschehens in der Zeichnung, mit einem sich nicht von oben, sondern horizontal ausbreitenden Licht ist in jeder Hinsicht phänomenal.

Raffael, Studie eines nach rechts stürmenden Soldaten, dahinter zwei Reiter, um 1515/16, rote Kreide über Griffel auf beigem Papier, 318 × 246 mm, Collection Jean Bonna, Genf. Foto: Patrick Goetelen, Genf
Werkstatt des Pieter van Aelst, Die Bekehrung der Paulus (nach Raffael), um 1516/1519, Tapisserie, 464 × 533 cm. Musei Vaticani, Citta del Vaticano, © Vatican Museums. All rights reserved

 

Eine Einstimmung auf die Ausstellung in fünf Episoden
Bereits vor Beginn der Ausstellung erhalten Sie hier vielfältige Hintergrundinformationen und können sich schon jetzt auf Raffael und seine überwältigende Zeichenkunst einstimmen. Machen Sie dadurch ihren Ausstellungsbesuch im Städel Museum zu einem besonders intensiven Erlebnis.

EPISODE 2: WIE LÄSST SICH DER ENTSTEHUNGSPROZESS VON RAFFAELS WERKEN ANHAND VON ZEICHNUNGEN NACHVOLLZIEHEN?

Vollkommene technische Beherrschung des Mediums Zeichnung
Raffaels Zeichenkunst zeigt sich eindrucksvoll in seiner "Studie eines Kriegers zu Pferd" aus der Sammlung des Städel Museums. Sie ist für ein großes Fresko im Vatikan entstanden, auf dem der Hunnenkönig Attila mit seinem Heer vor dem Papst und heiligen Aposteln zurückweicht. Mit der Reiterfigur wollte Raffael deshalb Anhalten und Umwenden ausdrücken. Das Pferd ist lediglich flüchtig angedeutet, aber man sieht, wie es sich unter dem Zügel bäumt. Der Reiter ist einmal nackt, nur mit Hinweisen auf Bekleidung gezeichnet, einmal im Harnisch. Raffael wollte sich zuerst den muskulösen Körper in seiner kraftvollen Bewegung vergegenwärtigen. Gezeichnet hat er mit einem Silberstift. Die feinen Linien der Metallmine ergeben zusammen mit den weißen Partien auf dem getönten Papier eine effektvolle, lebendige Beleuchtung. Mit meisterhafter Leichtigkeit und Sicherheit veranschaulichte Raffael seine Fantasie.

Raffael, Studie eines Kriegers zu Pferd, um 1511/1512, Silberstift, weiß gehöht, auf beigem, grau grundiertem Papier, 198 mm x 144 mm, Städel Museum, Graphische Sammlung, Frankfurt am Main


Die Bilderfindung in der Zeichnung
Der "Krieger zu Pferd" ist eine genaue Einzelstudie, die voraussetzt, dass Raffael sich über die geplante Komposition schon im Klaren war. Begonnen hat die Bilderfindung bei Raffael aber oft ganz anders. Eine große Zeichnung in der Wiener Albertina ist hierfür ein besonders gutes Beispiel. Das Blatt ist mit den verschiedensten Bildgedanken, -skizzen und -notizen übersät. Unten rechts ist eine Frau gezeigt, die vor sich ein Kind auf einer Brüstung hält. Für das Kind sind weiter oben weitere Körperhaltungen durchgespielt. Es sind Entwürfe für eine Darstellung von Maria, der Muttergottes, mit ihrem Sohn, dem kindlichen Jesus Christus. Weitere Studien auf dem Blatt der Albertina stellen andere Dinge dar. Oben links befinden sich zwei Rückenakte, darunter ist ein liegender, schlafender Mann festgehalten, und unten am Rand ist eine weitere Darstellung von Maria skizziert: Hier kniet sie neben dem Kind im Freien.

Raffael, Studien zu Marienbildern und anderen Themen, um 1507/1508, Feder in Braun, zum Teil über Metallstift, auf grauem Papier, 259 x 357 mm. Albertina, Wien.


Zeichnungen offenbaren den Entstehungsprozess eines Werkes
Das langsame Festigen eines Bildgedankens und die dann folgende genaue Ausarbeitung lassen sich Schritt für Schritt an drei Zeichnungen für die "Madonna im Grünen" verfolgen. Das Gemälde gehört heute zur Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien. Eine erste, schon recht genaue Version der Bildanlage ist mit der Feder ausgeführt. Es folgt eine ungewöhnliche, virtuos nur mit dem Pinsel gezeichnete Studie, mit der Raffael sich Gedanken über die Beleuchtung der Figuren machte. In einer späteren Zeichnung in roter Kreide legte er Details der Kleidung und die helle Lichtstimmung des Bildes fest. Bis zum fertigen Gemälde wurden nochmals Details geändert – etwa die Kopfhaltung der Muttergottes – und auch noch über die Landschaft im Hintergrund und die Farbskala entschieden.

Raffael, Studien für Maria mit dem Kind (Madonna im Grünen), um 1505/06, Feder in Braun über Griffel (außer den Skizzen rechts oben und unten), auf hellbeigem Papier, 250 x 194 mm. The Devonshire Collection, Chatsworth. © Devonshire Collection, Chatsworth. Reproduced by permission of Chatsworth Settlement Trustees.
Raffael, Maria mit dem Kind und dem Johannesknaben (Studie für die Madonna im Grünen), um 1505/06, Pinsel in Hellbraun, weiß gehöht (stellenweise schwarz verfärbt), über Bleigriffe, auf cremefarbenem Papier, oben links eine Skizze in roter Kreide; mit schwarzem Stift über Einstichpunkten quadriert, 219 x 180 mm. The Ashmolean Museum, Oxford. Presented by a Body of Subscribers, 1846. © Ashmolean Museum, University of Oxford
Raffael, Maria mit dem Kind und dem Johannesknaben (Studie für die Madonna im Grünen), um 1505/06, Rote Kreide auf grau gelblichem Papier, 224 x 159 mm. The Metropolitan Museum of Art, New York. © bpk | The Metropolitan Museum of Art


Die letzte Stufe vor der Ausführung: der Karton
Vor der malerischen Ausführung, also dem eigentlichen Malen eines Freskos oder eines Gemäldes auf Holz oder Leinwand, legte Raffael fast immer eine Vorzeichnung in der Größe des geplanten Werkes an. Eine solche maßstabsgetreue Zeichnung, ein sogenannter Karton, ist für das Gemälde Der Traum eines Ritters in der National Gallery in London erhalten. Hier wurden alle Details sorgfältig mit der Feder gezeichnet und dann die Konturen mit einer Nadel durchstochen. Indem er einen Beutel voller Kohlestaub über die Löcher klopfte, übertrug Raffael die Umrisse des Kartons auf die Tafel des Gemäldes. Vom ersten Bildgedanken bis zur verbindlichen Komposition hat er alle Arbeitsschritte im Medium der Zeichnung vollzogen.

Raffael, Der Traum eines Ritters, um 1502/03, Feder in Braun über Griffel, die Konturen durchstochen, 184 × 214 mm, The Trustees of the British Museum, London (1994,0514.57), © The Trustees of the British Museum

Eine Einstimmung auf die Ausstellung in fünf Episoden
Bereits vor Beginn der Ausstellung erhalten Sie hier vielfältige Hintergrundinformationen und können sich schon jetzt auf Raffael und seine überwältigende Zeichenkunst einstimmen. Machen Sie dadurch ihren Ausstellungsbesuch im Städel Museum zu einem besonders intensiven Erlebnis.


EPISODE 1: WER WAR EIGENTLICH RAFFAEL?


Ein reiches, aber kurzes Leben
Raffael ist einer der berühmtesten Künstler aller Zeiten. Die Werke des Renaissancemeisters beeinflussten die Kunst bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Raffaels Zeichnungen gehören zu den Höhepunkten der Zeichenkunst und erzielen deshalb heute Höchstpreise auf dem Kunstmarkt. Der 1483 in Urbino geborene und zunächst von seinem Vater ausgebildete Künstler hatte bis zu seinem frühen Tod 1520 eine Bilderbuchkarriere hinter sich. Er arbeitete für den Papst, Kardinäle und für die vornehmsten Familien in Perugia, Florenz und Rom. Raffael ist Schöpfer berühmter Fresken für die Wohnräume des Papstes im Vatikan aber auch zahlreicher Tafelbilder, darunter viele Darstellungen der Madonna mit Kind, die heute weltweit zu den Hauptanziehungspunkten in internationalen Museen zählen.

Raffael, Doppelportrait, um 1517-19, Öl auf Leinwand, 99 x 83 cm, Musée du Louvre, Paris


Populäre Motive
Raffaels Bildmotive genießen heutzutage eine ungeheure Popularität. Fast jeder kennt Raffaels berühmte Engelsköpfe der in Dresden aufbewahrten Sixtinischen Madonna. Aber warum? Durch unzählige Reproduktionen haben sie sich fest in das Bildgedächtnis unserer Gesellschaft eingebrannt und sind fast schon zum Klischee ihrer selbst verkommen, indem sie zahlreiche Keksdosen, Kühlschrankmagnete oder Weihnachtskarten zieren. Im eigentlichen Gemälde selbst sind die beiden Putten nur Nebenfiguren. Aber sie nehmen auf charmante Weise Blickkontakt zum Betrachter auf und überwinden so ganz spielerisch die Grenze zwischen dem religiösen Geschehen im Bild und der Welt des Betrachters. Damit tragen sie ganz wesentlich zur Lebendigkeit der Darstellung bei.

Raffael, Sixtinische Madonna, um 1513-14, Öl auf Leinwand, 265 x 196 cm, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alter Meister, Dresden | Elke Estel, Hans-Peter Klut (Foto)

 
Grenzerweiterungen
Solch eine neue Art der Darstellung konnte Raffael nur gelingen, indem er das, was er an künstlerischer Tradition vorgefunden hatte, aufnahm und weiterentwickelte. Darin ist Raffaels Herangehensweise mit dem Vorgehen seiner berühmten Zeitgenossen Michelangelo und Leonardo vergleichbar. Die Zeit um 1500 ist eine Epoche gewaltiger Veränderungen und Grenzerweiterungen. Kolumbus hatte Amerika entdeckt, im Norden Europas breitete sich die Reformation aus und mit ihr begannen die ersten Religionskriege. Es gab große Fortschritte bei naturwissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Erfindungen, aber auch Verunsicherung, Konflikte und Not. In dieser Umbruchssituation gehörte Raffael zu den führenden Künstlern, die eine naturgetreue und lebendige Darstellung der Wirklichkeit entwickelten.

Raffael, Kopf eines Hungernden und eines Wohlgenährten; Löwenkopf, um 1510 (?), Feder in Braun auf beigem Papier, 181 × 200 mm. Palais des Beaux-Arts, Lille © bpk | RMN | Palais des Beaux Arts de Lille | Jacques Quecq d'Henripret (Foto)


Erfindungsreichtum und Kreativität
Mit kreativer Energie und Erfindungsreichtum gelang es ihm in seinen großen Ausstattungsprojekten Raum und Bild, Architektur, Ornament und erzählende Szenen auf packende Weise miteinander zu verschränken. Raffaels Darstellungen sind keine trockenen, statischen Aufzählungen von Ereignissen, sondern dynamische Schilderungen innerer Bewegung der handelnden Personen – die sich nicht zuletzt seiner guten Menschenbeobachtung verdanken. Sein revolutionärer Beitrag, Bilder derart zu verlebendigen und dadurch ihre Überzeugungskraft zu erhöhen ist aus Sicht der damaligen Betrachter höchstens vergleichbar mit der Entstehung des Films, dessen bewegte Bilder ebenfalls eine enorme Macht auf die Zuschauer entwickelte. Die Werke Raffaels erfüllten in einem solchen Maß eine menschliche Sehnsucht nach idealer Vollkommenheit, dass sie lange Zeit als Projektionsfläche für Ideen und Hoffnungen späterer Generationen dienten – bis hinein in die biedermeierlichen Wohnstuben. Erst mit der Entwicklung der Moderne war es mit dem Einfluss Raffaels zunächst vorbei.

Raffael, Entwurf für die Disputa, um 1508/1509, Schwarzer Stift (Kreide?), Feder in Braun, über Griffel, an den Konturen durchstochen, auf beigem, von Kohlestaub verschmutztem Papier; 282 x 416 mm;, Graphische Sammlung, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main © U. Edelmann - Städel Museum - ARTOTHEK
Raffael, Disputa, um 1508/1509, Fresko, ca. 820 × 585 cm (Bildfeld). Stanza della Segnatura, Vatikanischer Palast, Città del Vaticano, Archiv Hirmer Verlag


Das Erlebnis der Bildentstehung
Die Zeichnungen Raffaels betrachten zu können heißt, bei der Entstehung dieser neuen künstlerischen Erfindungen dabei zu sein. Anhand der Zeichnungen lässt sich genau mitverfolgen wie sich eine Idee, die Komposition der Figuren und die Dramaturgie einer Erzählung zu einer überzeugenden Darstellung entwickeln. So blickt man dem Genie gleichsam über die Schulter und erlebt auch aus der Distanz von 500 Jahren die unglaubliche Schöpferkraft dieses weltweit einzigartigen Ausnahmegenies.

Raffael, Die Übergabe der Pandekten, um 1511, Federzeichnung, Graphische Sammlung, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main © Städel Museum - ARTOTHEK
Raffael, Die Gerechtigkeit, Fresko, ca. 700 × 460 cm (Bildfeld). Stanza della Segnatura, Vatikanischer Palast, Città del Vaticano, Archiv Hirmer Verlag

Copyright © 2014 Städel Museum. Alle Rechte vorbehalten.